| 20:31 Uhr

„Architekturführer Saarland“
Ich sehe was, was du nicht siehst: Baukultur

 Eine Perle: die Sendehalle von „Europe 1“ in Überherrn-Berus (1955), von Bernard Laffaille, Jean-François Guédy und  Eugène Freyssinet. 
Eine Perle: die Sendehalle von „Europe 1“ in Überherrn-Berus (1955), von Bernard Laffaille, Jean-François Guédy und  Eugène Freyssinet.  FOTO: www.marcokany.de
Saarbrücken. Ein „Architekturführer Saarland“ ist erschienen und stellt uns 200 Gebäude nach 1945 vor. Was leistet das Buch – und was nicht? Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Eigentlich ist es ganz wunderbar, was Ulf Meyer und der Fotograf Marco Kany geschafft haben: ein geradezu enzyklopädisches Werk zu verfassen und es dennoch handlich zu halten. Ihr „Architekturführer Saarland“ dokumentiert die saarländische Baukultur seit 1945 und schwillt trotzdem nicht zum kiloschweren Handbuch an, das im Arbeitszimmer-Regal sein unerlöstes, repräsentatives Dasein fristet. Im Gegenteil: Dieses Buch will man mitführen, zumindest im Auto, für den Rucksack ist es dann doch zu schwer. Jedenfalls gilt fortan: Nie mehr unbeantwortete Fragen beim Durchwandern saarländischer Städte! Von wem stammt die klotzige Sichtbeton-Kirche in Waldhölzbach? Vom preisgekrönten Architekten der Saarbrücker Modernen Galerie, Hanns Schönecker. Und wer hat das – pardon – belanglose Dudweiler Bürgerhaus entworfen? Derselbe Gottfried Böhm, der das Saarbrücker Schloss durch einen genialen Mittelrisaliten ergänzte. Der Architekturführer funktioniert nach dem Motto: Sag mir, was du an Gebäuden siehst – Kirchen, Bürokomplexe, Kulturhallen –, und ich liefere dir Kürzest-Informationen dazu, Fotos und manchmal auch Grundrisse.


 „Der Architekturführer Saarland“ ist ein dringlich erwartetes Werk, denn Marlen Dittmanns Buch „Die Baukultur im Saarland“ (2004) konzentrierte sich auf die Zeit zwischen 1904 und 1945. Nun also werden 200 jüngere Gebäude in Einzel-Porträts präsentiert, von einem Berliner Autor, der schon andere  Architekturführer verfasste, unter anderem über Tokio oder Helsinki. Der Herausgeber Marco Kany lebt als Grafik- und Fotodesigner in Saarbrücken.

Im „Architekturführer Saar“ herrscht ein überaus sachlicher Grundton. Die Texte sind für Nicht-Architekten nicht immer aussagekräftig, weil mit Fachbegriffen gespickt. Die Beschreibungen liefern in der Kürze oft kaum mehr Informationen als sich auch an den Abbildungen ablesen lassen. In Summe hält man eine Auflistung von Fakten in Händen; und trotz der Fülle kommen Privathäuser und Wohnsiedlungen zu kurz. Wie gerne hätte man überhaupt mehr anregenden Lese-Stoff gehabt, Analysen und Überblickstexte, etwa zum Schaffen einzelner Architektenpersönlichkeiten und -Büros, deren Handschrift saarländische Städte und Kommunen prägen, und deren Namen einer breiteren Öffentlichkeit dennoch selten bekannt sind –  seien es Hepp + Zenner oder Peter Paul Seeberger.



Wie viel Potenzial hier noch zu heben wäre, das macht das aufschlussreiche Vorwort von Katrin Voermanek klar. Sie wünschte, der Führer würde uns vom Sofa locken. Doch als launiger Kultur-Guide taugt das Buch wahrlich nicht, denn mit Gewichtungen und Wertungen hält sich der Autor grundsätzlich zurück. Dabei ist es vermutlich das, was der Laie gerne erfahren hätte: Was, wenn überhaupt, das Saarlouiser AOK-Haus so besonders macht, dass es in diesem Führer auftaucht? Und warum soll man sich das Anatomische Institut in der Homburger Universitätsklinik anschauen? Wie einzigartig oder innovativ ist die katholische Kirche Maria Königin in Obersalbach? Meist, aber nicht immer, beantworten uns die Fotos von Marco Kany zumindest ansatzweise diese Fragen, weil sie die architektonische Qualität offenlegen, ästhetische Kraft und Originalität vermitteln. Trotzdem vermisst man Priorisierung, wünschte sich, der Autor würde seine Favoriten nennen oder Geheimtipps verraten, also ein bisschen auf der Reiseführer-Klaviatur spielen. Doch Meyer/Kany setzten ganz offensichtlich einen anderen Schwerpunkt – Seriosität.

Ulf Meyer und Marco Kany (Hrsg.):
Architekturführer Saarland.
Edition Architektur und Kultur, 290 Seiten, 35 Euro.

  Ein Blick in die Quierschieder Kulturhalle „Q.Lisse“ (2017) von Hepp + Zenner.
Ein Blick in die Quierschieder Kulturhalle „Q.Lisse“ (2017) von Hepp + Zenner. FOTO: Marco Kany