Drama, Baby, Drama!

Luxemburg · Spitzen-Pianisten gibt es einige, Lang Lang aber ist der Popstar unter ihnen. Am Samstagabend war der chinesische Ausnahme-Künstler in der ausverkauften Luxemburger Philharmonie zu Gast.

 Lang Lang am Samstag in der Philharmonie. Foto: Sébastien Grébille

Lang Lang am Samstag in der Philharmonie. Foto: Sébastien Grébille

Foto: Sébastien Grébille

Pop-Appeal habe er wie keiner sonst im darbenden E-Musik-Geschäft, schwärmen Branchenblätter unisono. Selbst die fast verlorene Generation der Klassik, die 20- bis 39-Jährigen, ziehe er magisch an. In der Praxis, sprich am Samstag in der Luxemburger Philharmonie, bewirkt denn auch Lang Lang nur kleinere Wunder. Ein paar Steppkes immerhin sitzen fein gemacht neben Papi und Mami. Ansonsten unterbietet der Solist mit 33 aber sein Durchschnittspublikum um Jahrzehnte. Klassikwirklichkeit.

Doch die, die da sind, sollten sich nach dem Abend um Jahre jünger fühlen. So aufputschend, viagrös schon, spielt Lang Lang ausgerechnet Grieg, den oft schwerblütigen Norweger. Doch sein Klavierkonzert, das Edvard Grieg noch ganz im Banne Schumanns schrieb, ist ja auch Gefühlsmusik pur. Schon im ersten Satz geht's quasi die gesamte Klaviatur rauf und runter, Tastenlöwenfutter mit prasselnden Akkorden. Die wirbelt Lang Lang so emotionstrunken, dass ihm die Zuhörer sofort erliegen. Doch erst, wenn bei Grieg vom zweiten Satz an die Schumann-Verehrung weicht, das nordische Kolorit mächtig wird, beginnt Lang Langs wahrer Zauber, wirkt sein überragender Klangsinn - wie er etwa im Adagio feinste Nuancen tuscht, diese zarte Farbenmagie, einzigartig schön in perfekter Harmonie mit den Streichern: reine Leidenschaft. Heute heißt das wohl: "Drama, Baby, Drama!"

Klar, Lang Lang bedeutet auch die große Show. Ein Virtuose im Lausbubengewand, der seine linke Hand wie eine Drohne kreisen lässt, bevor sie runtersticht, um die Volkstanz-Bässe anzuschlagen. Zum Glück aber hat Lang Lang in Dirigent Christoph Eschenbach auch einen aufmerksamen Wächter an seiner Seite. Ein früher Förderer des Ausnahme-Künstlers war Eschenbach - und ist heute sein denkbar bester musikalischer Partner. Eschenbach kann das exzellente National Symphony Orchestra so romantisch schwelgen lassen, als sei das US-Orchester ein urdeutsches; die ungemein farbig, tempo-forcierte "Freischütz"-Ouvertüre gab dazu schon mal die Kostprobe. Doch der Dirigent konzentriert den Klang auch kammermusikalisch - und dann befinden sich Pianist und Orchester in einem ebenbürtigen Dialog.

Die enorme Güte aber, die das Washingtoner Orchester mit seinem Chef in mittlerweile fünf Jahren Zusammenarbeit erreicht hat, entfaltet sich erst wirklich in Schönbergs Bearbeitung des Brahms'schen Klavierquartetts g-moll - üppiger Klangfarbenreichtum und ungarisches Kolorit mit solcher Lust, aber auch Finesse gespielt: einfach grandios! Und fast schon das perfekte Ständchen für Christoph Eschenbach, der am Samstag 76 wird. Hoffentlich dirigiert er noch lange so.

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