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Dokuserie „Tiger King“ wird in USA zum Serienhit der Corona-Pandemie

Kostenpflichtiger Inhalt: Verrückte Netflix-Serie begeistert die USA : Wenn John Wayne auf "Denver-Biest" macht

Was haben Raubkatzen, Promiskuität und ein Auftragsmord mit einem falschen Countrysänger aus Oklahoma zu tun? Einfach alles. Die durchgeknallte Netflix-Doku „Tiger King“ blickt in die absurde Welt von äußerst zweifelhaften Großkatzensammlern.

Normalerweise werden solche Typen keine Serienhelden, und normalerweise kommt man nicht so nah ran. Aber normal ist so gut wie nichts an „Tiger King“, obwohl die Figuren dieser Netflix-Serie aus den USA echt sind. Ihre beiden Hauptfiguren leben, umringt von hunderten von Tigern und Löwen, in einer scheinbar paradiesischen, aber definitiv parallelweltlichen Subkultur. Doch die Privatzoobesitzer können sich gegenseitig nicht riechen und erklären sich den Krieg.  

Der Titelheld nennt sich Joe Exotic und ist ein waffennärrischer, polygamer Möchtegern-Countrysänger mit einer krankhaften Liebe zu Großkatzen, Genitalpiercings und schrecklicher Frisur, und treibt irgendwo in seinem privaten Zoo in Oklahoma wie ein absolutistischer König für Gestrauchelte sein Unwesen.

Seine erbitterte Gegnerin ist Tiernärrin Carole Baskin – eine Tigerprint-Blondine mit ebenfalls hunderten von Raubkatzen und einem ziemlich mysteriös verschwundenen, reichen Ehemann, welche die von Exotic massenhaft betriebene Tigerzucht in Privatzoos abschaffen will. Exotic kontert mit Todesdrohungen und in die Luft gesprengten Gummipuppen. Dazwischen ein abgebissener Arm, ein Löwen-Guru mit jungen Konkubinen und ein Tiersammler, der Drogen in Schlangen geschmuggelt hat und stolz von sich behauptet, er wäre das Vorbild für den Film „Scarface“ mit Al Pacino gewesen. Was „Tiger King“ so faszinierend macht, ist, dass es fein dosiert immer noch eine Spur abgründiger kommt.

Gleich vier solcher Großkatzenwahnsinnigen, die sich in ihren riesigen Privatzoos eine utopische Welt nach ihren eigenen Gesetzen schaffen, haben die Dokumentarfilmer Eric Goode und Rebecca Chaiklin während einer Zeit von fünf Jahren auf die Raubtierzähne gefühlt.

Hier werden Tiger, Löwen und Pumas gezüchtet, wie Meerschweinchen gekrault und in Shows einem Publikum präsentiert, das weder Skrupel noch besseres Wissen hat, als sich mit vorgeführten Jungtieren gegen ein paar Zehner fotografieren zu lassen. So wird Verbundenheit zu Natur und Tier pervertiert. Einen Suizid, eine gescheiterte Präsidentschaftskandidatur und unzählige Cybermobbingvideos später listet der Lebenslauf der Tiersammler dann auch noch mehr als nur eine Leiche im Tigerkäfig auf. Ergebnis dieses jahrelangen Drehs: Die acht Folgen der dokumentarischen Miniserie sind eine total abgedrehte Mischung aus „Denver Clan“, „Hatari“ und, was die substanzenumnebelte Geistesverfassung einiger ihrer Charaktere angeht, „Girls of the Playboy Mansion“.

All das ist vor allem am Anfang besser als jede Seifenoper, unterhaltsam und fesselnd, tragisch und immer wieder überraschend. Joe Exotic ist so, wie man sich einen White-Trash-Ami vorstellt, nur, dass es hier nicht in den Trailerpark der Abgehängten geht, sondern in die Showwelt eines extravaganten, aber auch kriminellen Unternehmers, der pro Jahr mehrere Millionen Dollar allein für das Futter der Tiere erwirtschaften muss. Vergammeltes Fleisch von Walmart ist eine Lösung, gnadenlose Monetarisierung der Raubtiere als Kuschelobjekte eine andere. Bliebe als letztes Mittel noch ein Auftragsmord unter Katzenfreunden.

Schade ist lediglich, dass „Tiger King“ auf der Zielstrecke zu seinem twistreichen Ende etwas wirr wird. Gerade in den beiden vorletzten Episoden verliert der Zuschauer zeitweise den Überblick über die Intrigen zwischen den Privatzooherrschern. Aber immerhin liefert die Serie neben ihrem hohen Unterhaltungswert auch Antworten auf die Ursachen solcher Sammelwut. Denn die selbstverliebten Personenkultler lassen durch ihre Geschwätzigkeit in den Interviews tief blicken. Viel authentisches Videomaterial und ehemalige Mitarbeiter der Horrorzoos, die vor der Kamera auspacken, tun ihr Übriges.

In den Hintergrund dieser auch sensationslüsternen Herangehensweise treten die, um die es ursprünglich mal ging: Wie unartgerecht die Haltung der Raubkatzen sein muss, blitzt nur ab und an auf. Positive Gegenbeispiele aus einem artgerechten Zuchtprogramm, etwa zur Freilassung, fehlen leider.

Aber weil Sozialporno definitiv seine heilsamen Aspekte hat, wurde die Serie in den USA binnen kürzester Zeit zum Serienhit der Pandemie: 34 Millionen Zuschauer haben sie allein in den ersten zehn Tagen verfolgt – bei der dritten Staffel des vielgelobten Netflix-Erfolges „Stranger Things“ waren es seinerzeit nur zwei Millionen mehr. Netflix selbst führte die Serie, gemessen an Anwählaufrufen, gar an der Spitze seiner aktuellen Charts.

Kurzfristig wächst sich „Tiger King“ auch außerhalb von Netflix zum Phänomen aus: Promis wie Jared Leto und Kim Kardashian twitterten darüber, Joe Exotics gestohlener Countrysong „Here Kitty Kitty“ konnte auf Youtube um sechs Millionen Klicks zulegen, es kursieren bereits Coverversionen „seiner“ Lieder und per Whatsapp lassen sich sogar Joe- und Carole-Gifs verschicken. Kein Wunder, dass auch von einer Verfilmung fürs Kino die Rede ist. Und Joe? Der soll in seiner Gefängniszelle ganz aus dem Häuschen sein. Er ist zwar nicht Präsident geworden, aber endlich berühmt.

Joe Exotic und seine Gegner sind übrigens nur einige Exemplare der Spezies „Sammler exotischer Tiere“: An die 5000 Tiger soll es in den USA in Privathaltung geben – beinahe doppelt so viele wie in freier Wildbahn.

Doku-Serie „Tiger King“: Alle acht Folgen sind auf Netflix abrufbar.