Diskussion in Ramallah : „Was du sagst, ist total rassistisch!“

Interkulturelle Kommunikation bei Bier und Burger: Eine spontane Diskussion mit jungen palästinensischen Künstlern in einer Bar in Ramallah.

(esb) Wer Bier und Burger in Ramallah haben will, der besucht am besten die „Garage“. Wer ins Gespräch kommen will mit jungen, Englisch sprechenden Palästinensern und Palästinenserinnen, kann hier ebenfalls Glück haben.

Ich habe Glück und lerne Rana Nazzal, Ahmad Mirzo und Hassan an der Bar kennen, alle Mitte 20. Drei Tage Ramallah, das ist eben nur eine Stippvisite. Verdammt wenig Zeit, um herauszufinden, was die Menschen hier bewegt. Ich stürze mich also ins Gespräch. Neugierig, vielleicht naiv – und mit vielen zugegebenermaßen ethnozentristischen Ansichten, auch Vorurteilen über das Leben unter einer Besatzungsmacht wie Israel. Wie ist es hier für junge Leute, Künstler wie euch? Wie frei sind die Frauen, die hier fast alle Kopftuch tragen? Könnt ihr euch Frieden mit Israel vorstellen? Das Gespräch beginnt friedlich, am Ende werden wir streiten, hart diskutieren, schließlich Email-Adressen austauschen und uns umarmen.

Ahmad ist Musiker, Hassan unterrichtet Englisch. Rana ist Video-Künstlerin – und wie sich am Ende herausstellt – eine bekannte Aktivistin im palästinensischen Kampf für einen eigenen Staat. Genau wie ihre Mutter Rehab Nazzal, die die Kunst-Abteilung an der Dar el Kalima-Universität in Bethlehem leitet, international ausstellt und als Künstlerin eine der prominenten Stimmen Palästinas ist. Beide haben einen kanadischen Pass, Rana studiert in Toronto.

Ich bin also an eine rhetorisch und ideologisch geschulte Menschenrechts-Aktivistin geraten, die mir meine „Vorurteile“ um die Ohren haut. „Sorry, aber fast alles, was du sagt, ist total rassistisch!“, wirft sie mir an den Kopf. Ich spreche von der „offenen Gesellschaft“, „Integrationsproblemen der Migranten in Deutschland“, meinen Schwierigkeiten als Feministin, das Kopftuchtragen als Ausdruck weiblicher, religiöser Mündigkeit uneingeschränkt zu akzeptieren. Rana wirft mir „Islamophobie“ und „weiße Überlegenheit“ vor, der das „Apartheid-System“, in dem die Palästinenser leben, erst möglich mache.

„Das ist kein religiöser Konflikt!“, betonen alle drei. Es gehe um Land und Macht. Ahmad, Atheist, versucht zu vermitteln. Die meisten Palästinenserinnen seien nicht frei in ihren Entscheidungen, die Religion spiele dabei eine entscheidende Rolle, widerspricht er Rana, die mir eine überhebliche ethnozentristische Sicht auf die Welt vorwirft, in der die arabisch-muslimische Kultur als minderwertig gelte. Ich frage nach der transnationalen BDS-Bewegung (,,Boycott, Desinvestment, Sanctions“), die zum Boykott Israels wegen der Palästina-Politik aufruft, und die der Bundestag gerade für antisemitisch erklärt hat, begleitet vom Protest hunderter, auch jüdischer Wissenschaftler. In Palästina gab es deshalb Proteste. „Sie nehmen uns immer mehr Land weg, fühlen sich aber diskriminiert“, sagt Hassan. Und dann erzählen sie von abgeholzten Oliven-Hainen, abgerissenen Häusern, dem Mauerbau (mittlerweile sind die Absperranlagen zwischen Israel und dem Westjordanland mehr als 700 Kilometer lang).

„Wir leben unter israelischer Besatzung und in einem Polizeistaat“, sagt Rana in Anspielung auf die Machtverhältnisse innerhalb Palästinas. Im Westjordanland regiert die säkulare Fatah, im Gaza die radikal­islamistische Hamas, die Israel vernichten will und immer wieder bombardiert. Dass es in absehbarer Zeit eine Zweistaatenlösung für diesen Konflikt gibt, glaubt keiner der drei.

Viele Palästinenser sind in diesen Tagen wieder auf den Straßen im Westjordanland, um gegen den neuen Nahost-Friedens-Plan der Trump-Regierung zu protestieren, den der US-Präsidenten-Sohn Jared Kushner diese Woche in Bahrein vorstellte. Er sieht milliardenschwere Wirtschaftshilfe für die Palästinenser vor, nicht aber einen eigenen Staat. Die palästinensische Regierung unter Präsident Abbas lehnt das vehement ab, boykottierte die Konferenz.

Rana, Ahmed und Hassan stehen dahinter. Mit Israel zu ko-existieren ohne gleichberechtigt zu sein, das lehnen alle drei energisch ab. Durchhalten wollen sie. Für ein freies Palästina kämpfen. Bis wann? Das steht in den Sternen.

Mehr von Saarbrücker Zeitung