Die Vorhölle Sibiriens, die Barwelt St. Paulis, die Magie von Tierfilmen

Heute startet neben dem Spielfilm- auch der Dokufilm-Wettbewerb: Vier der insgesamt zwölf nominierten Dokus laufen an, drei davon stellen wir vor, die interessanteste („The Farmer and I“) haben wir bereits gestern besprochen.

 Einkaufen bei minus 40 Grad: Filmstill aus „Magadan“. Foto: ifs Köln

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Saarbrücken. Alexander Solschenizyn in "Archipel Gulag" oder Warlam Scharlamow in seinen Erzählungen haben die sibirischen Arbeitslager unter Stalin in ihrer menschenverachtenden Perfidie ins kollektive Gedächtnis gehoben. Mit "Magadan - Stadt erbaut aus Knochen" erkundet Christian Zipfel die entlegene, vor lauter Vergangenheitsschwere ermattet wirkende Gegenwart in der einstigen nordsibirischen Vorhölle Kolyma: Zipfel befragt Nachkommen und Überlebende der Lager, von denen manche, als sei dieses Lager in jeder Hinsicht ein Bund fürs Leben gewesen, später ihre einstigen Wärter heirateten. Auch nationalistisch eingestellte Jugendliche kommen zu Wort, die Stalin (und heute Putin) lieber in verklärendem Glorienschein halten. So ungetrübt und erhaben ist der, dass davon noch etwas Scheinwerfer-Seligkeit zur Aufhellung der eigenen belanglosen Existenz abfällt. Ab der Mitte zerfleddert der elegische Film, wiederholt sich statt zu vertiefen. Da die befragten Gefangene ihren Positionen treu bleiben, hätte man Zipfels subtil gearbeitetem Film etwas mehr Pointierung und formalen Wagemut gewünscht.

Heute: 17.15 Uhr, CS 4; Mi: 22.30 Uhr, Achteinhalb; Do: 20 Uhr, CS 5; Fr: 12.45 Uhr, CS 2.

Wenig aus seinem Thema - dem Porträtieren altgedienter Stripperinnen, Bardamen, Wirte und Zuhälter auf St. Pauli - macht Christian Hornung in "Manche hatten Krokodile" . Lange bleibt unklar, worum es geht in dieser etwas langatmigen, bildästhetisch leider nichts wagenden Doku: Minutenlang filmt Hornung Thekengespräche ab, die inhaltlich diese Ausdauer selten rechtfertigen. Seine Zurückhaltung wird zur Hypothek des Films: Er bildet nur ab, ohne die Erzählfäden seiner Hamburger Originale aufzunehmen und dramaturgisch zu verknüpfen. Wo dies im Zusammenhang mit dem Phänomen "Sparclub" gelingt, wird das Kiezporträt sehenswerter: An den Kneipenwänden hängen nach dem Sparstrumpfprinzip funktionierende Schränke mit kleinen Fächern, in denen Stammgäste übers Jahr Münzen und Scheine einwerfen, um nicht alles zu versaufen. Der Wirt ist die Bank und zahlt im Januar aus. Anstatt filmisch mit dieser Form der Selbstüberlistung zu spielen, belässt es Hornung bei dem, was die Erzählenden ihm an Brosamen liefern.

Heute: 22.30 Uhr, CS 4; Mi: 12.30 Uhr, CS 2; Do: 17.30 Uhr, FH; So: 20 Uhr, CS 5.

"Passion for Planet" ist das Regiedebüt des langjährigen Kameramanns Werner Schuessler: Er begleitet fünf professionelle Tierfilmer quer durch die Welt (Mecklenburg, Sambia, Südafrika, Kalifornien, Indien). Die Aufnahmen von Seeottern, Adlern oder Büffelfellantilopen sind teilweise spektakulär, eine packende Doku wird dennoch nicht daraus. Schuesslers Ansatz, die Leidenschaft der Tierfilmer einzufangen, bleibt auf halbem Weg stecken, weil man letztlich zu wenig über sie erfährt. Dass sie Naturreservate schützen wollen und Zivilisationsfolgen geißeln, liegt auf der Hand. Zu selten bricht die Doku Erwartungen wie in jener Szene, in der einer der Naturfilmer zugibt, dass ihre Inszenierungen mitunter gefakt sind: Bisweilen simulieren sie Exklusivität, dabei stehen ein paar Meter weiter kameraklickende Touristengruppen. Am Ende seines Films, dem etwas mehr Straffung gut getan hätte, lässt Schuessler alle Fünf auf einem amerikanischen Branchenfestival zusammenkommen: Ein bisschen wirkt ihr Resümee wie die bemühte Ergebnissicherung am Ende einer Fortbildung.

Heute: 19.45 Uhr, CS 9; Mi: 15.30 Uhr, CS 5; Do: 21 Uhr, CaZ; Fr: 10.15 Uhr, CS 2..

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