Die „V.I.P.-Schaukel“ mit Margret Dünser auf DVD

Die „V.I.P.-Schaukel“ auf DVD : „Herr Dali, sind Sie ein normaler Mensch?“

Eine herrliche Ausgrabung: Die Riegelsberger Heimkino-Firma Pidax bringt Margret Dünsers seliges TV-Promimagazin ­„V.I.P.-Schaukel“ auf DVD heraus. Ein Wiedersehen mit den meist Schönen und oft Reichen der 1970er.

Ach ja, die große weite  Welt: Blinkendes Las Vegas, ein blanker Busen, London, grüne Verkehrsampeln, das Blau des Mittelmeers, schöne Menschen, Monte Carlo. Mit dieser Montage, beschallt mit flotter Beatmusik von einst, sind wir mittendrin beziehungsweise mittendrauf auf der „V.I.P.-Schaukel“. Für 37 Folgen zwischen 1971 und 1980 reiste die österreichische Journalistin Margret Dünser um die Welt (daher ihr Branchenspitzname „Düsen-Dünser“) und filmte fürs ZDF die meist Schönen, meist Reichen. Lange dösten diese Promi-Schickimicki-Jet-Set-Preziosen im Archiv. Jetzt bringt der Riegelsberger Heimkino-Spezialist Pidax die Reihe in mehreren Teilen heraus: eine wundersame Zeitreise und Wiederbegegnung mit Stars von einst – manche unvergessen, manche nicht, manche geistreich, manche weniger.

Anders als in heutigen Promi-Sendungen, bei denen man die devote Dankbarkeit vieler Moderatoren dafür, als Sterblicher mit den Unsterblichen parlieren zu dürfen, spürt, pflegt Dünser oft eine ironische Distanz zu ihrem Gegenüber. Beim Besuch der Herzschmerzkitsch-Autorin Barbara Cartland etwa liest sie etwas hämisch aus dem Off eine besonders liebestriefende Passage vor, wobei im Gespräch klar wird, dass Cartland durchaus weiß, was sie da so schreibt. Darauf angesprochen, dass mindestens drei Männer mit Selbstmord gedroht haben sollen, als sie deren Heiratsanträge zurückwies, sagt Cartland entwaffnend: „Die Männer waren eben sehr hysterisch nach dem Ersten Weltkrieg“. Als Dünser Gina Lollobrigida in ihrer römischen Villa besucht, stellt sie die Mimin im Off etwas ungalant als „Busen-Idol der End-50er Jahre vor“ – immerhin ist die Dame, unabhängig von ihrem Körperbau, Schauspielerin. Bei der  bunten Society-Dame Zsa Zsa Gabor kommentiert sie süffisant aus dem Off: „oft verliebt in die reichsten Männer der Welt“.

Kitsch-Königin Barbara Cartland erzählt von Heiratsanträgen – und Selbstmordversuchen der Verschmähten. Foto: dpa/Justin Williams

In New York ist Dünsers erste Frage an den exzentrischen Großkünstler Salvador Dali: „Sind Sie ein normaler Mensch?“ Der Meister antwortet weitschweifend, aber ausweichend, zwirbelt seinen legendären Schnurrbart und steigt irgendwann fluchtartig in ein gelbes Taxi. Wie nun kommt man per Überleitung von Salvador Dali zu Peter Alexander? Dünser gelingt das handstreichartig mit einem knappen Satz: „Was Dali der Welt, ist Alexander den Deutschen“. Ziemlich weit hergeholt mag das sein, aber die beiden in einer Sendung nebeneinander zu stellen, hat schon seinen Reiz. Hier Dali, der lustvoll pompöse Selbstdarsteller mit großen Gesten, dort Alexander, der sich kunstvoll ein Image der ständig etwas verlegen wirkenden Bescheidenheit errichtet hat. Er kratzt für ein Interview, nach einem Konzert sichtlich müde, noch einmal seinen legendär bubenhaften Charme zusammen, aber man spürt, dass er jetzt gerne seine Ruhe hätte – ein höflicher Profi alter Schule.

Auch abseits der Kombination Dali/Alexander hageln in der „V.I.P-Schaukel“ die Kontraste. Eben noch geißelt Jane Fonda (bei den US-Konservativen damals wegen ihrer Kritik am Vietnamkrieg als „Hanoi Jane“ verschrieen) den Kapitalismus, besonders den ihrer Heimat USA, da zeigen tänzelnde Supermodels vorm Eiffelturm die neue Dior-Kollektion. Dann überrascht Dan Blocker, der bullige Darsteller des Hoss aus „Bonanza“ mit der Kritik am politischen Klima seiner US-Heimat, bevor Beatle Ringo Starr Selbstdesigntes zeigt und Charlton Heston das heroische Kinn in Spanien reckt und über Shakespeare doziert – er dreht dort als Regisseur und Star gerade sein späteres Fiasko „Antonius und Cleopatra“). Dünser befindet aus dem Off, Heston habe eine gewisse „arrogante Ausstrahlung“ – man muss ihr Recht geben. Beim eisig PR-routinierten Altstar Glenn Ford sieht es nicht anders aus.

Salvador Dali zwirbelt an seinem Schnurrbart und weicht einer etwas drastischen Frage von Dünser aus. Foto: dpa/Horst Ossinger

Etwas besser kommt da John Wayne rüber, natürlich in Cowboy-Kluft, bei dem Dünser süffisant anmerkt, viele hielten den Superpatrioten für einen „heuchlerischen Dummkopf“. Wayne moniert, in Hollywood regierten nicht mehr die filmbegeisterten Produzenten, sondern die Anwälte, Rechenknechte und Erbsenzähler.  Außerdem habe er den Krebs besiegt, und zwar nur mit der schieren Kraft seines Willens – wenige Jahre später wird er tot sein. Überhaupt schwingt heute eine Melancholie durch die Sendung, die sie bei der Erstausstrahlung nicht hatte: Kaum jemand der Befragten lebt heute noch (nimmt man den unverwüstlichen Kirk Douglas mal aus); Dünser (sie starb 1980 im Alter von 53) zeigt sie meist mitten im Leben, auf dem Zenith der Karriere. Aber heute weiß man, was bei vielen danach kam: „Playboy“ Gunter Sachs etwa erscheint hier auf dem Höhepunkt seines Mannestums und erfreut mit herrlich pompösen Sätzen wie „Das Motorrad ist das Reitpferd des Gentleman im 20. Jahrhundert“. Jahrzehnte später wird er sich das Leben nehmen.

Zwischen solchen Begegnungen kredenzt Dünser Verschnaufpäus­chen in Form von Mini-Modenschauen oder Tanznummern, etwa von einer Truppe, die sich im Londoner Edelstadtteil Hamptstead dehnt und reckt, musikalisch begleitet, wie Dünser etwas vage ankündigt, „von dem Hit der englischen Saison“. Oder Daliah Lavi singt ihr Stück „Wer hat mein Lied so zerstört“ gleich in drei Sprachen – und in drei Orten: Amsterdam, London, Paris. Das Reisebudget der V.I.P.-Schaukel war großzügig, die Wahl der Ort prächtig. Im Schloss von Versailles filmt Dünser Juliette Gréco, wo die Chanson-Existenzialistin ihre traditionell dunkle Garderobe mit Understatement beschreibt: „Ich liebe nicht viele farbige Sachen.“ Man ahnte es.

Peter Alexander ist müde, aber rettet sich mit einem Witz über sein liebstes Hobby: Angeln. Foto: dpa/Dieter Klar

Manche Gespräche sind eher Stippvisiten: mit Peter Sellers vor einem Hotel in London etwa, wo er auf die Schnelle den angelsächsischen Bühnengott Laurence Oliver parodiert, dann aber schnell los muss, raus aus England für ein Jahr – der Steuer wegen. Eher flüchtig ist auch die Begegnung mit Charles Bronson (Dünser spricht ihn wohlig „Brrrronnßßonnn“ aus). Im spanischen Almeria, Europas liebstem Western-Drehort (Dünser: „die sengende Sonne trocknet Erde und Gedanken aus“) doziert Bronson kurz über seine Abneigung gegen Erotik auf der Leinwand: „Sex ist gut, aber nicht im Kino.“ Seiner Frau Jill Ireland ist das eher peinlich.

Eine der charmantesten Begegungen hat Dünser im Cockpit eines brandneuen Superflugzeugs namens Concorde: Roger Moore, damals noch nicht James Bond im Kino, sondern gerade erst Lord Brett Sinclair in „Die Zwei“ im Fernsehen, plaudert mit Sohn auf dem Schoß und zitiert „If“, sein Lieblingsgedicht von Rudyard Kipling.  Dann wird die „V.I.P.-Schaukel“ sozusagen zum Jetset-Promi-Kulturfernsehen.

Roger Moore ist ganz Gentleman und zitiert nebenbei ein Kipling-Gedicht, im Cockpit der Concorde. Foto: dpa/AP

Zwei Ausgaben der V.I.P.-Schaukel sind bisher erschienen, mit drei beziehungsweise vier DVDs. Vol. 3 erscheint am 20. September. www.pidax-film.de

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