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Die unvergesslichen Tränen eines 12-Jährigen

Die unvergesslichen Tränen eines 12-Jährigen

Cannes-Auftakt mit Filmen von Andrey Zvyagintsev, Todd Haynes und der Deutschen Valeska Grisebach.

Es gibt Kinobilder, die vergisst man so schnell nicht. Die graben sich tief ins Herz und sind so stark, dass sie einem als erstes wieder in den Sinn kommen, wenn man an den Film denkt. Es sind Szenen, die selbst problemlos eine zwölftägige Bilderflut wie das Cannes-Festival überleben. Im Wettbewerb gab es gestern solch einen Moment, über den sofort gesprochen wurde, sobald es um Andrey Zvyagintsevs "Loveless" ging. In dem zieht die Mutter des 12-jährigen Aljosha die Badezimmertür hinter sich zu, hinter der der Junge im Dunkel steht und sich stumm die Seele herausweint.

Aljosha ist in dem russischen Thriller-Drama Opfer der gescheiterten Ehe seiner Eltern. Ohnehin haben sie ihn offenbar nie gewollt und geliebt. Nun bleibt er verzweifelt, allein, hilflos in diesem Trümmerhaufen zurück, während sich Mutter und Vater bereits in neuen Leben einrichten. Da verwundert es kaum, dass er eines Tages verschwindet. Wie Zvyagintsev zunächst punktgenau die neuen Beziehungen der Eltern porträtiert, die keinen Platz für ihren Sohn haben, und wie sich später die Suche nach Aljosha anschließt, entwickelt eine stille, finster-hypnotische Kraft mit visuell eindrucksvollen Szenen zwischen Verzweiflung und emotionaler Kälte.

Verglichen mit Zvyagintsevs "Loveless" wirkte Todd Haynes "Wonderstruck", der unter anderem Julianne Moore und Michelle Williams nach Cannes brachte, in jeder Hinsicht wie ein Kontrast - auch wenn es darin ebenfalls um einen Jungen geht, der von zu Hause ausreißt. Der Film folgt dem kurz zuvor durch einen Blitzschlag ertaubten Ben allerdings auf seinem Weg nach New York Ende der 70er, wo er nach dem Unfalltod seiner Mutter hofft, seinen Vater zu finden. In einer Parallelhandlung schweift "Wonderstruck" bis in die 20er zurück, wo es die ebenfalls taube Tochter einer berühmten Schauspielerin ebenfalls in die Großstadt zieht. US-Regisseur Haynes, der so exquisite, bildstarke Kostüm-Melodramen wie "Dem Himmel so fern" oder das 2015 in Cannes gefeierte "Carol" drehte, gelingen auch hier ein paar zauberhafte, poetische Einfälle. Auch hat er für das New York 70er durchaus ein Händchen - ganz in Gegensatz zu den Schwarzweißbildern aus den 1920ern, die mit ihrem übertriebenen Stummfilmgestus eher enervieren und zu allem Überfluss auch noch von einer schwülstigen Musik überspült werden. Überhaupt geraten ihm diese konstruiert ineinander verschlungenen Odysseen viel zu süßlich.

Wie gut tat da der klare Blick im ersten deutschen Cannes-Beitrag, der im Grunde so etwas wie eine Genre-Variation im Hier und Jetzt ist und das schon im Titel trägt: "Western" heißt Valeska Grisebachs erster Film seit elf Jahren - in der Sektion "Un Certain Regard" gezeigt und produziert vom diesjährigen Jury-Mitglied, "Toni Erdmann"-Regisseurin Maren Ade. Es geht um eine Gruppe ostdeutscher Bauarbeiter, die im bulgarischen Nirgendwo ein Wasserkraftwerk errichten sollen. Der Umgang untereinander ist machohaft, grob. Den Einheimischen im nahegelegenen Dorf gegenüber verhalten sie sich großspurig. Nur einer von ihnen, Meinhard, ist anders und sucht trotz Sprachbarriere als Fremder ihr Vertrauen.

All das beobachtet Grisebach genauso präzise wie sie den Ton ihrer ziemlich authentisch aufspielenden Darsteller in dieser Männergesellschaft einfängt und dabei auf unaufdringliche Weise Westernmotive in den wilden Osten transportiert. Grisebachs gestern gefeierter Cannes-Debüt ist gelungen - auch wenn es darin nicht diesen einen Moment gibt, der über das Filmende hinaus lange nachhallt.