Die Saarbrücker Überzwerge Delef Kraemer & Bob Ziegenbalg über "Ox & Esel" und ihre Überzwerg-Zeit

Saarbrücker Theater Überzwerg : Auf dass wir weitwinkliger werden

Im 15. Jahr spielen die Überzwerg-Urgesteine Detlef Kraemer und Bob Ziegenbald ihr schräges Weihnachtsstück „Ox & Esel“ – ein Gespräch mit beiden über ihre mehr als 300 Vorstellungen und ihre Überzwerg-Ära.

Die Frage bleibt dann nicht aus. Auch wenn sie zu kurz greift: Haben zwei betagte Grauhaarige, der eine künstlerischer Leiter, der andere Geschäftsführer des Saarbrücker Kinder- und Jugendtheaters „Überzwerg“, noch im Blick, was Kinder und Jugendliche heute umtreibt und wie man sie fürs Theater gewinnt? Eben haben Bob Ziegenbalg (63) und Detlef Kraemer (64) die 302. Vorstellung ihres seit 15 Jahren laufenden, köstlichen Weihnachtsklassikers „Ox & Esel“ absolviert; nun sitzen sie, nur ihres Kopfschmucks beraubt, ansonsten aber in der zotteligen Bühnenmontur, im Büro auf dem Sofa. Also: Sind sie nicht allmählich zu alt, um ein Kinder- und Jugendtheater zu führen? „Nein“, sagt Ziegenbalg. „Man darf nur nicht aufhören, Fragen zu stellen.“ Außerdem, meint Kraemer, hätten sie ja ihre drei Jugendclubs, „über die wir viel mitbekommen“.

Wenn die Beiden dann mal anfangen, von ihrer Arbeit zu erzählen, wird schnell klar, wieso die Altersfrage zu platt ist. Es ist außer den Jugendclubs vor allem ihr theaterpädagogisches Scharnier, das den Überzwergen die Tür zu Schulen und Kitas öffnet. „Darüber sind wir mit Lehrern und Schülern aller Klassenstufen verbunden“, sagt Detlef Kraemer. „Und dicht dran. Das ist unser großes Pfund.“ Wenn Bob Ziegenbalg dann anfängt, ein typisches Setting in „Szenischem Lernen“ vor Augen zu führen, ist man gleich mittendrin. „Also, ich klatsche etwa in die Hände und sage: ,Jetzt müssen sich immer zwei umarmen.’ Dann sieht man sofort, wo in einer Klasse die Außenseiter sind.“ Das Fach „Darstellendes Spiel“, das seit gut zehn Jahren in fast allen gymnasialen Oberstufen angeboten wird, sei „die Fortsetzung des Deutschunterrichts mit anderen Mitteln“, sagt Ziegenbalg. Derzeit haben es saarlandweit rund 1100 Oberstufenschülern als Zusatzfach gewählt. Dafür haben die Überzwerge lange gekämpft. Er habe immer wieder erlebt, wie damit der soziale Zusammenhalt gefördert wird, sagt Ziegenbalg, der mit seinen 63 wahrlich nicht wie einer wirkt, der zum alten Eisen gehört. Man spürt: Er brennt fürs szenische Lernen. Und sagt, dass er damit „gerne ein Stück weit auch in die Lehrerausbildung hineingehen“ würde – weil das Nutzen theatraler Formen den zumeist reichlich ritualisierten Didaktikalltag auf erfrischende Weise aufwirbeln könne. Er nennt, was daraus erwachse, gerne „eine gewisse Weitwinkligkeit“ der Persönlichkeiten.

Fragt man die zwei Überzwerg-Fossile, inwieweit sich ihr junges Publikum verändert hat in den gut 30 Jahren, seit sie hier beim größten, 1978 gegründeten Kinder- und Jugendtheater im Südwesten die Fäden spinnen, antworten sie unisono: „Die Aufmerksamkeitsspannen sind kürzer geworden.“ Bei den Vorschulkindern, „die nicht so mediengeschädigt sind“, habe sich wenig verändert. Bei den Älteren hingegen lasse das Durchhaltevermögen teils nach. Weniger Kollektivgeist und mehr Vereinzelung machen sie da aus. Wie aber erreicht man dann Jugendliche, die nicht als Theatergänger groß werden? Etwa mit „Klassenzimmerstücken“  –  mobile Produktionen wie das Mobbingstück „Die Geschichte von Lena“, mit denen die Überzwerge auch schon mal in Schulen auftreten.

 Unterm Strich aber ist die Zahl ihrer Gastspiele deulich rückläufig. Früher seien sie öfter auch übers Land gefahren – heute hätten die Kommunen dafür immer weniger Geld, meint Kraemer. Geldfragen – wenn auch nicht in eigener Sache, mit rund 800 000 Euro Landeszuschuss ist der Überzwerg-Etat ganz erklecklich – und Behördenauflagen setzen dem Theater auch sonst zu.  Zwar fielen Theaterbesuche nicht unter den ministeriellen Schulfahrtenerlass, der die Kosten außerschulischer Besuche deckelt. Doch schwirre dieses Missverständnis immer noch in manchen Schulen herum, so Ziegenbalg. Auch würden manche Kitas den Betreuungsschlüssel für Theaterbesuche rigider handhaben als früher. „Unser Hauptproblem aber ist, dass der Bustransport längst weit mehr als der Eintritt kostet“, sagt Kraemer. „Das müsste man mal auf politischer Seite aufgreifen.“ In Bremen, bekanntermaßen kein reicheres Bundesland, etwa seien Thea­terbesuche vormittags kostenfrei.

„Einkaufen tun die Menschen und Politik machen, aber ihre Kinder lassen sie liegen“, klagt der Esel in Norbert Ebels weihnachtlichem Dauerbrenner „Ox & Esel“. Das liegengelassene Kind ist da das Jesuskind, das im Stall in der Krippe liegt, die eigentlich Futtertrog des raubeinigen Ochsen (Ziegenbalg) ist in der Männer-WG, wo dem zartbesaiteten Esel (Kraemer) die Hausfrauenrolle zufällt.  Nach 14 Jahren als tierisch seltsames Paar haben Ziegenbalg & Kraemer selbst das Gefühl, Walther Matthau & Jack Lemmon „immer ähnlicher zu werden“, frotzelt Ziegenbalg. Warum machen sie dann jetzt am 21. Dezember nach 312 Auftritten als „Ox & Esel“ Schluss? Kraemer sagt, es werde ihm einfach zu viel, jeden Dezember zur Geschäftsführer-Hochzeit mit all den Abrechnungen noch auf der Bühne zu stehen. „Ich bin eigentlich ja ein Sesselpupser.“ Außerdem gehe er Ende 2019 sowieso in Ruhestand. Heißt das also, er will wenigstens im letzten Jahr nicht noch neben all dem Abrechnungskram auch noch dem Ox den Stall aufräumen und ihn davon überzeugen müssen, dass er das Jesuskind nicht rausschmeißen kann? Naja, irgendwie, so ungefähr.

 Ziegenbalg wird noch ein gutes Jahr länger dranhängen. Bis Mitte 2021, sagt er. Als er 1989 künstlerischer Leiter der Überzwerge wurde, waren die gerade mal elf Jahre jung. Und vorher ein reines Kollektiv gewesen, „in dem jeder viel geraucht und viel diskutiert hat“, wirft Kraemer ein. Wenn es um die alten Zeiten geht, werfen sie sich auf dem Sofa die Bälle zu. Und drehen die Uhr noch weiter zurück. Zu den Anfängen des Kinder- und Jugendtheaters in den frühen 70ern, als das Berliner „Grips Theater“ zur Vorhut wurde. Und es dann in Saarbrücken am St. Johanner Markt auch das Theater „Blaue Maus“ gab, Keimzelle der Überzwerge. Und Kraemer dann erzählt, wie er von den Überzwergen angesteckt wurde. Bei ihrer Freiluftvorstellung Anfang der 80er von „Zirkus Remmidemmi“ auf dem St. Johanner Markt. In dem Moment, als da ein Seil auf dem Kopfsteinpflaster lag und sie daraus einen Hochseilakt machten. Und alle, die zusahen, mitfieberten, dass Bodo Embt als Artist nicht die Balance verlieren würde. „Das war meine Initialzündung“, sagt Detlef. 1984 heuerte er bei den Überzwergen an, 1987 kam Bob. Und jetzt sind sie 30 Jahre älter und immer noch jung geblieben.

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