Die hohe Kunst der Künstlichkeit

Die hohe Kunst der Künstlichkeit

Die Uraufführung von „Nacht mit Gästen“ nach dem Stück von Peter Weiss begeisterte am Freitagabend in der Saar-Musikhochschule. Komponist und HfM-Professor Stefan Litwin und Studierende setzten die grotesk-blutrünstige Handlung originell um.

Eigentlich ein starkes Stück, was die Musikhochschule uns da zumutete: Ein Räuber drangsaliert eine Familie, ermordet Vater und Mutter vor den Augen der Kinder, tötet einen Dritten und stirbt selber dabei. Die Kinder verlassen ungerührt das Haus - "sei auf der Hut, dass Du nicht ausrutschst auf dem Blut". Dass man das alles dennoch mit Behagen ansah und beklatschte, liegt an der Kunst der Künstlichkeit, mit der es in Szene gesetzt wurde und die es als "starkes Stück" erkennbar machte.

"Eine Art Kasper-Stück" hatte der Autor Peter Weiss 1963 im Sinn, "sehr grotesk, aber auch makaber", mit bewusst holprigen Reimen "ohne Seelenkäse". "Der Fisch das Bier uns gar nicht schmeckt / wenn gleich sein Messer in uns steckt," hieß es nun. Weiss wünschte sich dazu eine jahrmarkthafte Musik. Doch was Stefan Litwin jetzt, ein halbes Jahrhundert später, schrieb, ist anders: äußerst komplex, tänzerisch, expressiv. Mal humpelnder Walzer, mal summende Motorik, manchmal grelle Ausbrüche, oft nur pointillistische Klangtupfer oder lauernde Fast-Stille. Der Anfang wirkt wie eine skelettierte Erinnerung an Beethovens "Coriolan", Mahler klingt an, einmal sogar Renaissancemusik, aber auch der Bibabutzemann. Eine lebendige Musik, die man sich auch konzertant vorstellen kann.

Unter Litwins Leitung musizierten die solistisch besetzten Instrumentalisten professionell sicher, wobei dem Schlagzeug manche wichtige Aussage zufiel. Bewundernswert, wie die Darsteller (Johannes Kruse als mörderischer Gast, Antonio di Martino als Vater sowie Lisa Bebelaar und Natalie Jurk als Kinder) mit den komplizierten Rhythmen und Intervallen ihres Sprechgesangs fertig wurden. Das gilt ganz besonders für das Lamento der Mutter (Lisa Stroeckens) um ihren Mann. Der groteske Auftritt des "Warners" (Patrick Bullinger) machte den ganz eigenen Reiz dieser Inszenierung (Frank Wörner) explizit deutlich: Jede Geste, jeder Gang war mit der Musik synchronisiert. Bühnenbild, Kostüme und Ausstattung (Annette Wolf) verstärkten die Faszination: Die fehlende Tiefe der Bühne wurde durch eine Scheinperspektive ersetzt, so dass das Ganze wie ein zweidimensionales Papiertheater wirkte, wie ein Tableau von Caligari bis Kabuki, von Halloween bis Struwwelpeter. Man war versucht, nach der Hampelmann-Schnur zu suchen, die diesen Figuren ihr Scheinleben verlieh.

Eine Aufführung zum Nachdenken. Das Mordmotiv, ein fiktiver Goldschatz, wird als Kapitalismuskritik gedeutet.

Doch ist dieses Stück nicht auch als bitterböse Parabel gemeint? Dass die Familie den brutalen Eindringling demütig zum Bleiben auffordert, dass die Kinder ihm die Pantoffeln des Vaters anbieten und die Frau gar sich selbst, verrät die tiefe Resignation des jüdischen Emigranten Weiss? Der preisgekrönte, avantgardistische Dramatiker und politisch engagierte Autor und Filmer wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden.

Seine anwesende Witwe, Gunilla Palmstierna-Weiss (88), stimmte begeistert in den stürmischen Beifall ein und erwog, diese Aufführung in ihre Wahlheimat Stockholm zu exportieren. Ein weiteres Zeugnis für die exzellente Arbeit der Musikhochschule des Saarlandes. Palmstierna-Weiss, Bühnenbildnerin, Bildhauerin und Autorin, stellte zudem am Samstag in der Buchhandlung Hofstätter in St. Johann ihr Erinnerungsbuch über ihr Leben und ihre Arbeit mit Peter Weiss vor (Bericht folgt).

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