Die Früchte der zurückgeschraubten Egos

Die Früchte der zurückgeschraubten Egos

Fast fünf Jahre zog sich das Filmprojekt „Heimatland“ hin, mit dem ein junges Schweizer Regiekollektiv im Ophülswettbewerb steht. Ein Treffen im Hotel.

In der Schweiz, wo einem Bonmot des Schweizer Sozialdemokraten Tim Guldimann zufolge "Vollkasko die Landesdoktrin" ist, lebe man unter einer "immensen Käseglocke, in der uns langsam der Erstickungstod droht". Schreiben Michael Krummenacher und Jan Gassmann im Begleitheft zu "Heimatland" - dem Film, der aus dem diesjährigen Wettbewerb herausragt. Beide hatten die Grundidee zu dem dann mit acht Kollegen realisierten, brillanten Episodenfilm "Heimatland". Die Grundmetapher: Eine explosive Wolke liegt wie ein Alb (oder eine Käseglocke?) über der Schweiz, deren Entladung sie zu zerstören droht.

Gestern Morgen, ein Hotel am Saarbrücker Rodenhof: Krummenacher, der die Gesamtdramaturgie übernahm, weil schließlich einer das letzte Wort haben musste, erzählt von dem "Seiltanz", den das Projekt für alle zehn Regisseure bedeutete. Der Zwang, immer wieder Abstriche zu machen. Das eigene Ego zurückzuschrauben. Sich einigen zu müssen. Nicht aufzurechnen, wer mehr Drehtage, wer längere Sequenzen hatte. 2010, so Krummenacher, hätten Jan Gassmann und er 30 schweizer Regisseure angeschrieben, um sie für ihr Filmprojekt zu gewinnen. 23 Exposés kamen zurück; zu zehnt gingen sie die Umsetzung dann an. Zweimal trafen sie sich alle jeweils für ein Wochenende auf einer Alphütte und diskutierten, "was uns alle an der Schweiz stört, nämlich ein Gefühl von Isolation" (Krummenacher), verhandelten basisdemokratisch Plot samt Nebensträngen. Und gingen wieder auseinander, um jeder seine Episode zu drehen (vier Drehtage hatte jeder, 24 weitere entfielen auf die Rahmenhandlung) und im Rohschnitt fertigzustellen. Der war drei Stunden lang, der fertige Film ist 100 Minuten. Wenn man mit Krummenacher und zwei seiner anderen Regiekollegen - Gregor Frei und Benny Jaberg - redet, entsteht eine Ahnung, wie komplex, wie konfliktreich dieser Formungs-, Verdichtungs-, Realisierungprozess war. Das Kürzen von 80 Minuten Rohschnitt, das Krummenacher im Auftrag der anderen mit dem Cutter Kaya Inan verantwortete. "Jede Gestaltungsfrage war irgendwann ein Konfliktfall", sagt Jaberg. Vor allem bei "kill your darlings-Szenen", wo man Herzstücke seiner Story retten wollte. "Ab einem gewissen Punkt aber spürten wir, dass wir alle denselben Film wollen", so Frei. Das merkt man ihm an: So unterschiedlich die einzelnen Handschriften sind, sie fügen sich makellos zu einem Gesamttableau, was die vielleicht größte Qualität dieses Films ist (Budget: 1,5 Millionen Euro).

In der Schweiz, der die rechtskonservative SVP gerade eine andere Käseglocke überstülpen will, polarisiere ihr Film, so die Regisseure. So war es wohl auch intendiert. Großteils gab es positive, ja euphorische Kritiken, während die "Weltwoche" (quasi SVP-Presseorgan) ihn komplett ignorierte. Ihren Film, an dessen Ende die EU ihre Außengrenzen für fliehende Eidgenossen schließt, habe " die Realität in Europa eingeholt", sagt Michael Krummenacher. Und Jaberg meint: "Wir waren fast schon prophetisch"

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