Die Forbacherin Claire Burger drehte ihren jüngsten Kinofilm wieder in ihrer alten Heimat

Kino aus der Region : Da komm’ ich her: ein Forbacher Kinowunder

Warum die französische Filmemacherin Claire Burger auch ihren jüngsten Kinofilm in Forbach gedreht hat und welche Rolle ihr Vater dabei spielt.

„Wenn ich meine Filme im Ausland oder anderswo in Frankreich zeige, könnte der Eindruck entstehen, in Forbach würden viele Filme gedreht“, sagt Claire Burger und lächelt. Denn sie weiß: Das Gegenteil ist der Fall. Das Elsass sei den meisten noch ein Begriff, aber Lothringen, seine Geschichte und seine Beziehungen zu Deutschland, kenne eigentlich keiner. Oder wenn, dann hätten die Menschen nur Klischeevorstellungen im Kopf.

Claire Burger ist ein Phänomen. Die 41-jährige Filmemacherin, die aus Forbach stammt, hat bisher erst fünf Spielfilme, drei kurze und zwei lange realisiert. Und so gut wie jedes Mal hochrangige Filmpreise dafür erhalten. Zwei Kurzfilme und ihr erster Langfilm „Party-Girl“  (2014, zusammen mit Samuel Theis und Marie Amachoukeli) wurden in Cannes ausgezeichnet. Ihr neuester Langfilm, „C‘est ça l‘amour“, den Burger diese Woche als Preview in Freyming-Merlebach vor 500 Zuschauern vorstellte, bevor er zum Monatsende in den französischen Kinos startet, erhielt 2018 den Regiepreis (Director‘s Award) bei den Autorentagen der Filmfestspiele von Venedig. Beim europäischen Les Arcs Film Festival in Savoyen räumte er anschließend sogar drei Preise, darunter den Hauptpreis, ab. Weitere könnten noch hinzukommen.

Damit hat Burger ihrer Heimatstadt eine Art Kinowunder beschert. Denn alle Filme hat sie in Forbach gedreht – und zwar zum größten Teil mit Laiendarstellern, die sie in Forbach und Umgebung gecastet hat. Die strömten denn auch diese Woche zahlreich zur Preview, um das Ergebnis zu sehen. Das Multiplex von Freyming-Merlebach war dabei nicht der einzige Preview. Schon seit Februar ist Burger in ganz Frankreich auf Vorbesichtigungstour unterwegs. Warum sie, die vor rund 20 Jahren wie so viele junge Leute ihrer Heimatstadt den Rücken kehrte, um die Welt kennen zu lernen und auf der besten Filmhochschule Frankreichs, der Paris Femis, zu studieren, zum Filmen stets zurückkehrt? Weil sie diese Stadt nie wirklich losgelassen habe, sagt sie. Nicht nur weil ihre Eltern hier noch leben. „Auch weil mich die Kindheit hier geprägt hat, in einer Region, mit der es bergab ging. Ich muss das aufklären und die Ängste, die mir das als junger Mensch gemacht hat“, sagt sie.

Der erste Langfilm „Party Girl“, bei dem Burgers Forbacher Jugendfreund, der Schauspieler Samuel Theis, das Drehbuch geschrieben hatte, handelte von einer 60-Jährigen Forbacherin, die als Animierdame in Saarbrücken arbeitet und von einem ihrer Kunden einen Heiratsantrag erhält. Der Plot war von Theis‘ Mutter inspiriert, die auch die Rolle des Party Girls spielte und in Cannes wie ein VIP hofiert wurde. In „C‘est ça l‘amour“ greift Burger nun einen Moment ihrer eigenen Familiengeschichte auf: Mario, ein kleiner Beamter von Mitte 50, wird plötzlich von seiner Frau verlassen und erklärt sich bereit, sich allein um die beiden halbwüchsigen Kinder, Frida (14) und Niki (17), zu kümmern. Gezeigt wird ein introvierter sensibler Mann, der der Situation ratlos und diese eher erduldend gegenübersteht. Während er immer noch hofft, dass die Frau doch noch zurückkehrt, gibt er sich derweil Mühe, den beiden puberierenden Mädchen, die zwischen Anhänglichkeit und trotziger Loslösung schwanken, ein guter Vater zu sein.

Claire Burger gelingt ein berührendes Porträt, nicht nur des Vaters, den der Belgier Bouli Lanners überzeugend verkörpert– der einzige Profischauspieler des Films, der bei Burger zudem ganz gegen seinen sonstigen Typus „wilder Biker-Kraftkerl“ besetzt ist. Auch die Perspektive der Mädchen schildert der Film: Auch sie – von der jungen St. Avolderin Justine Lacroix und der Pariserin Sarah Henothsberg mit Bravour dargestellt – sind ratlos und traurig. Sowohl die 14-jährige Frida, eine Art Alter-Ego der Filmemacherin, die ihr Coming-out als Lesbierin erlebt, als auch die ältere Niki, die sich an ihren ersten Freund nicht zu sehr binden will und eigene Wege geht.

Gedreht hat Burger im Haus ihres Vaters, weil sie es schon beim Drehbuchschreiben vor Augen hatte, wie sie erzählte. Ein labyrinthisches unrenoviertes Riesen-Eigenheim, vollgestopft mit Büchern, in dem immer klassische Musik läuft. Die Kamera konzentriert sich jedoch immer auf die Gesichter, auf die Beziehungen zwischen den Protagonisten und taucht sie in ein warmes Licht, wobei der Hintergrund meist unscharf bleibt. Von der Stadt Forbach sieht man eher wenig, doch viel von ihrem kulturellen Leben. So macht der Vater bei einem partizipatorischen Theaterprojekt im Nationaltheater Le Carreau mit, das ihm helfen soll, aus seiner Isolation herauszufinden. Man sieht ihn auch mit seinen Töchtern bei einem Konzert eines korsischen Männerchors und in Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Für jede Kleinigkeit gebe es viele Begründungen, sagt Burger, sie habe schließlich vier Jahre an dem Filmprojekt gearbeitet.

Claire Burger (Regie, Drehbuch) mit ihrem Vater Raymond Burger am vergangenen Mittwoch bei der Preview ihres neuen Films in Forbach. Foto: Silvia Buss

Als sie Kind war, habe es in Forbach eine reichhaltige Kultur, Festivals aktueller Musik und mehrere Kunstgalerien gegeben. Das habe sie zeigen wollen. Dass ihr Vater sie überall mithin schleppte, habe sie wohl auch mit zu ihrem heutigen Beruf geführt, meint die Filmemacherin, die einige Zeit als Journalistin beim Forbacher Fernsehsender TV8 arbeitete, bevor sie zusammen mit Samuel Theis nach Paris ging und sich auf der Femis-Filmhochschule bewarb. „Aus strategischen Gründen“ zunächst für einen Schnitt-Studienplatz, weil die Chancen dafür besser stehen als fürs überlaufene Regie-Fach. Auch Theis ist derzeit wieder in Forbach: Nach „Party Girl“ will er hier nun allein einen Spielfilm über seine Kindheit drehen. Zur Zeit castet er Laiendarsteller aus ganz Lothringen. Das Forbacher Kinowunder wird also weitergehen.