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„Die Erwartungshaltungen sind sehr groß“

„Die Erwartungshaltungen sind sehr groß“

In seinem Roman „Tschick“ lässt Autor Wolfgang Herrndorf (1965-2013) zwei jugendliche Außenseiter eine Odyssee antreten. Der Roman über Maik und den neuen Freund Tschick war ein Bestseller, die Bühnenfassung ein großer Theater-Erfolg. Jetzt hat Regisseur Fatih Akin (43, „Soul Kitchen“) den Roman fürs Kino verfilmt. SZ-Mitarbeiter Martin Schwickert hat mit Akin gesprochen.

Wolfgang Herrndorfs "Tschick" hat über zwei Millionen junge und ältere Leser gefunden. Wie erklären Sie sich die generationsübergreifende Begeisterung?

Akin: Herrndorf hat da offensichtlich einen Nerv getroffen, indem er über Teenager schreibt, das aber aus der Perspektive eines Erwachsenen tut. Für die Teenager, die ihre Jugendzeit gerade erleben, hat der Stoff ganz aktuelle Lebensbezüge und ein Erwachsener kann auf die eigene Jugendzeit zurückblicken.

Die Literatur hat mit zahlreichen Romanverfilmungen das Kino stark beeinflusst. In Herrndorfs Roman, der ja wie ein literarisches Road-Movie angelegt ist, kann man sehen, dass das auch umgekehrt funktioniert...

Akin: Aus seinem Blog "Arbeit und Struktur" weiß man, dass für Herrndorf Filme eine wichtige Inspiration waren. In seinem Roman "Sand" spiegeln sich die französischen Kriminalfilme aus den 50ern oder 60ern wie Melvilles "Die Millionen eines Gehetzten". In "Tschick" erkennt man Motive aus Hark Bohms "Nordsee ist Mordsee" oder Rob Reiners "Stand By Me". Aber das ist keine neue Entwicklung. Schon immer spielten Literatur und Kino Ping Pong miteinander.

Sie haben bisher mit Ausnahme von "Solino" ausschließlich eigene Drehbücher verfilmt. Wie sind Sie mit Ihrer ersten Bestseller-Adaption zurecht gekommen?

Akin: "Tschick" ist ja schon eine heilige Kuh, die Erwartungshaltungen sind sehr groß. Trotzdem ist eine Literaturverfilmung dankbarer und leichter, als wenn man sich alles alleine ausdenken muss. Das werde ich sicher nochmal machen, wenn ich die richtige Vorlage habe. Es fällt mir mit zunehmenden Alter schwerer, Originalstoffe aus dem Ärmel zu schütteln.

Was hat das mit dem Alter zu tun?

Akin: Als Anfänger hat man bestimmte Stoffe, die man erzählen will, und irgendwann hat man sie alle erzählt und muss sich neu orientieren. Ich bin ja nicht einer wie Woody Allen, der seinen Stil gefunden hat und in den Gewässern bleibt, die er kennt. Das finde ich überhaupt nicht verwerflich, aber ich bin einfach anders gestrickt. Ich bin neugierig und möchte Risiken eingehen. Aber ich habe gemerkt, dass ich in meinem Alltag mit Kindern und Familie viel mehr Zeit brauche, um einen eigenen, neuen Stoff zu entwickeln. Und ich will ja nicht nur alle fünf Jahre einen Film machen. Deshalb werde ich auch in Zukunft andere Drehbücher oder Romane verfilmen.

Ist ein überschaubares Projekt wie "Tschick" auch notwendiger Ausgleich zu Ihrem Mammutvorhaben "The Cut", an dem Sie fünf Jahre gearbeitet haben?

Akin: Filme werden durch nichts anderes zu Filmen als durch Geld. Deshalb müssen sie sich rechnen. Ich habe mit "The Cut" viel - auch eigenes - Geld verloren. Wenn mir ein US-Produzent anbieten würde, das Leben von Freddy Mercury zu verfilmen, dürfte das ruhig teuer sein, weil es genug Queen-Fans gibt, die sich dafür interessieren. Bei einem Film über den Völkermord an den Armeniern ist das Risiko natürlich wesentlich größer.

Der Bundestag hat eine Resolution zum Völkermord an den Armeniern verabschiedet. Glauben Sie, das ist zu einem kleinen Teil auch das Verdienst Ihres Filmes?

Akin: Das würde ich mir nicht anmaßen. Ich finde die Stellungnahme des Bundestages sehr gut und würde sie auch jederzeit unterschreiben.

Vor elf Jahren haben Sie mit "Crossing the Bridge" einen Musikfilm gedreht, der eine Türkei im kulturellen Aufbruch gezeigt hat. Wie blicken Sie persönlich heute in die Türkei?

Akin: Da macht sich in mir Resignation breit. Vor zehn Jahren herrschte in der Türkei eine große Aufbruchstimmung. Wie liberal, fortgeschritten und friedlich das Land damals war! Aber diese Entwicklung wurde in den letzten Jahren gewaltsam zurückgedreht. Ich zwinge mich zum Optimismus und versuche mir vor Augen zu führen, dass wir uns - und das gilt nicht nur für die Türkei - in einem Evolutionsprozess befinden, in dem sich irgendwann doch die schlaueren, humanistischen und empathischen Kräfte durchsetzen. Vielleicht muss man erst zwei Schritte zurück machen, um vier nach vorne gehen zu können.

"Tschick" startet morgen in vielen Kinos der Region. Kritik in unserer Beilage treff.region.

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