Dirk von Petersdorffs Roman über heutige Mittdreißiger: Die erträgliche Leichtigkeit des Seins

Dirk von Petersdorffs Roman über heutige Mittdreißiger : Die erträgliche Leichtigkeit des Seins

Lyriker Dirk von Petersdorff, der einige Jahre in Saarbrücken lebte, ist nun unter die Romanciers gegangen – geht das gut?

Vor elf Jahren hatte der Lyriker Dirk von Petersdorff beim zweitägigen Saarbrücker Autorenkongress unter dem Motto „Erzählen und Zuhören in Deutschland“ – ja, so einen Kongress gab es mal hier, man glaubt es kaum – sein Erzählerdebüt mit im Gepäck: In dem autobiografischen Text „Lebensanfang“ hatte von Petersdorff die ersten Lebensjahre seiner beiden Kinder literarisch verarbeitet. Der Kongress war ein Heimspiel für ihn: Damals lebte er mit Frau und Kindern noch in Saarbrücken, wo er als Privatdozent in der Germanistik Studenten unterrichtete, die heute so alt sein könnten wie die Hauptfiguren seines ersten, gerade erschienenen Romans „Wie bin ich denn hierhergekommen“.

Von Petersdorff, der seit einigen Jahren mit seiner Familie in Jena beheimatet ist, wo er eine Professur innehat, erzählt darin von vier Mittdreißigern, die auf ihre Weise alle dabei sind, ihre Lebensweichen neu zu stellen: Da sind Tim und Anna, verheiratet und nicht ganz sicher, ob ein zweites Kind für sie gerade richtig ist. Auch wenn Anna keine Ambitionen hat, wieder in ihren Beruf zurückzukehren. Und dann sind noch die mit ihnen befreundeten Singles Johannes und Doris, die ihr passendes Gegenüber noch nicht wirklich gefunden haben. Die Leichtigkeit, mit der von Petersdorff die Lebensalben dieser Vier szenisch aufblättert, um ihre Rollenmuster und Sehnsüchte, ihre Zweifel und Prinzipien zu offenbaren, zeigt: Der Sprung vom Lyriker zum Romancier ist ihm gelungen.

Als er 1998 mit gerade mal 32 Jahren den Kleist-Preis erhielt, forderte von Petersdorff in seiner Dankesrede, die in der zeitgenössischen Literatur infolge ihrer ausgedehnten Nabelschau grassierende Abkehr vom antiken Mimesis-Gebot zu beenden. „Wir müssen wieder unverkrampft anschauen, was um uns herum passiert“, fasste er in einem Interview mit dieser Zeitung damals sein Credo zusammen. Wenn man so will, löst sein neuer Roman dies mustergültig ein. Zwar wäre es zu viel gesagt, darin nun gleich ein verkürztes Generationenporträt derer zu sehen, die heute als selbstverwirklichungsgewillte Jung-Akademiker ihren Platz in Leben und Beruf suchen. Dazu reicht der von ihm aufgespannte Bilderbogen dann doch nicht weit genug ins große und ganze Heute hinein.

Dennoch liest man „Wie bin ich denn hierhergekommen“ wegen des darin kunstvoll eingefangenen Lebensgefühls mit einigem Vergnügen. Vor allem schlägt von Petersdorff einen ungemein leichtfüßigen Ton an, dessen Musikalität phasenweise durchaus zu fesseln weiß und über die ein oder andere Plattheit des Erzählten locker hinwegsehen lässt. „Wir haben die Sicherheit nicht, wissen nichts von dieser heilig-großen ,Entwicklung’ überall, wie es kommen musste, sondern laufen nur herum und verlieren uns in den Dingen.“ Johannes, dem diese Worte in den Mund gelegt werden, ist neben Anna derjenige der Vier, der sich am ehesten treu geblieben ist. Weil es – so will es die Gesellschaft – am Ende doch darum geht, sich halbwegs reibungslos ins bürgerliche Leben einzufädeln, sieht Tims Mutter in dem besten Freund ihres Sohnes denn auch dessen „unrasierte Hälfte“. Während Tim äußer­lich ein klassischer Aufsteiger ist, in Wahrheit aber mit seinem (in seiner Firma mit unlauteren Mitteln erkauften) Status hadert und seinen in den Tag hineinlebenden Freund beneidet, ist Johannes ein „klassischer Frauentyp“: hübsch, tiefsinnig („Heimlich wollte er vor allem ins Reich der Gedanken einziehen“), hilfsbereit und ein bisschen verträumt. Jetzt versucht er, als Quereinsteiger einen Fuß in den Lehrerberuf zu kriegen.

Von Petersdorff belässt die komplexen Binnenkonstellationen seiner Figuren in der Schwebe: Das lässt umso mehr Raum für die Schilderung der Fragilität ihrer Beziehungen. Ist Anna, wie Tim meint, die stärkere Persönlichkeit? Sucht sie nicht selbst Halt, den er nicht geben kann? Und ist sie vielleicht in Johannes verliebt? Und wirkt der nur deshalb so stoisch, weil Tim von Selbstzweifeln und Panikattacken heimgesucht wird? Und so fort. Alle Vier suchen sie „Liebe, die zupackt, die zittern und beben lässt“. Vor allem aber suchen sie sich selbst. Und ahnen, dass die großen Lebensumarmungen schon zürück­liegen könnten. „War alles so ein flimmerndes Spiel, nur ein kurzer Sommer?“, fragt sich Anna.

Dass man in diesem Roman kaum Textstellen findet, die man sich anstreichen und notieren will, sagt etwas aus: Als Ganzes funktioniert er gut und entwickelt mit seinem eingängigen Sound durchaus Drive. Dass Musik darin herumspukt, etwa Songs von Oasis, Simon & Garfunkel oder den Talking Heads, wundert einen nicht. Auch verhindert die Gebrochenheit der Figuren ein Abdriften in schnöden Schematismus. Und doch wird man den Eindruck nicht ganz los, dass die routiniert abgespulte Leichtigkeit von Petersdorffs Roman diesen andererseits gleichermaßen aushöhlt. Und im Detail seine im Ganzen gut verborgene Schwäche doch offenbart: Es fehlen einem Sätze und Passagen, die mehr als nur Mittel zum Zweck sind.

Dirk von Petersdorff: Wie bin ich denn hierhergekommen C.H. Beck, 218 Seiten, 22 €.

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