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Die Doku „The Frankenstein Complex“ erscheint auf DVD

Doku über Effektkünstler : Die Schöpfer sterben aus

Die faktenpralle und melancholische Doku „The Frankenstein Complex“ erzählt von den Monstermachern des Kinos.

 Rick Baker. Stan Winston. Rob Bottin. Wer sich im Kino für bizarre Wesen, Monster und Mutanten interessiert, für den sind diese Namen legendär. Wer die Namen noch nie gehört hat, den sollte die Doku „The Frankenstein Complex“, die jetzt bei uns auf DVD erscheint, dennoch faszinieren.

Die Franzosen Gilles Penso und Alexandre Poncet beschäftigen sich mit dem Beruf des „Creature Designers“, der Kreaturen entwirft und baut: ob nun aus Ton, Gummi oder Stahl, voller Elektronik oder einfach nur mit Platz für fünf Finger, die ein Wesen steuern – Prinzip Handpuppe. Kein Beruf, den man wählt, weil einem sonst nichts einfällt, sondern weil es kreativ in einem rumort. „Man fühlt sich wie ein Schöpfer“, sagt etwa Steve Johnson, der für den Unterwasserfilm „The Abyss“ quallen­artige Außerirdische baute, nachdem Regisseur James Cameron seine Wünsche recht vage formuliert hatte: „Ich will die himmlischsten Wesen, die man je gesehen hat – und sie  müssen wasserfest sein.“

Der Film zeichnet die Entwicklung des Berufs nicht detailliert nach, ein kleiner Abriss der Make-Up-Effektekunst muss genügen, die einst Darsteller Lon Chaney mit seinen selbstentworfenen Masken begründete und auch Jack Pierce mit seiner unsterblichen „Frankenstein“-Maske. Die Doku lässt viele Künstler in ihren Werkstätten zu Wort kommen und interessiert sich vor allem für die Brüche und Umbrüche der Branche. Als etwa Rick Baker 1981 in „American Werewolf“ die Verwandlung eines Menschen in einen zotteligen Vierbeiner derart realistisch gelingt, dass sich die Nackenhaare des Publikums kollektiv sträuben – und die Branche einen neuen Boom erlebt. Der größte Umbruch aber kommt Anfang der 90er Jahre, wie die Beteiligten (und Leidtragenden) hier erzählen: Steven Spielberg plant einen Dinosaurierfilm; Phil Tippett, ein Effektkünstler, der seine Kreaturen gerne mit Einzelbildtrick animiert –  Bewegung für Bewegung, die, hintereinander projiziert – eine fließende Bewegung ergeben, macht sich an die Arbeit mit kunstvollen Kunststoffdinos.

Zugleich bastelt ein anderes Trickteam heimlich an ersten Computer-Animationen (CGI). Spielberg ist begeistert. Tippetts Dinos sind passé, Tippett sagt in der Doku: „Meine ganze Welt verschwand“, ihm blieben nur Depressionen und eine Lungenentzündung. „Jurassic Park“ wird ein Meilenstein der Computer-Animation – aber das Merkwürdige dabei: Bis heute wird gerne übersehen, wie oft die Dinos in dem Film lebensgroße Puppen sind, die elektronisch gesteuert sind (oder von Menschen, die in ihnen stecken). Die Kreaturen stammten von Stan Winston, der a) entsetzt war, dass Publikum und Presse das komplett ignorierten  und b) eine Wagenladung Computer kaufte, um bei dieser Entwicklung nicht abgehängt zu werden.

Und heute? Die Künstler plädieren dafür, dass ihre praktischen Effekte mit CGI ergänzt, aber nicht von ihnen verdrängt werden. Ob das Hoffen hilft? Tom Woodruff Jr. und Alec Gillis berichten von ihrer „schrecklichen Erfahrung“, dass beim Horrorfilm „The Thing“ (2011) ihre aufwändigen  Kunststoffkreationen (teilweise in der Doku zu sehen)  kurz vor Filmstart ersetzt wurden  – durch schwache Computertricks.

Melancholisch klingt der Film aus, wie ein Abgesang. Rick Baker ist immerhin dankbar, „noch die goldene Zeit der Branche“ erlebt zu haben. Rob Bottin, dessen surreale Monstereffekte in „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) legendär sind, hat dem Geschäft so konsequent den Rücken gekehrt, dass kaum jemand weiß, wo er lebt und was er tut.

Erschienen bei Capelight. Sehr gutes Bonusmaterial mit Werkstattbesuchen und längeren Interviews.