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Die Corona-Pandemie wird auch zum Thema der Literatur.

Die Krise und die Literatur : Wir alle sind Teil des Corona-Experiments

Die Corona-Pandemie wird auch zum Thema der Literatur – etwa als fiktives Tagebuch der Verzweiflung oder als Sinnsuche für eine bessere Zeit danach.

. Schriftsteller können die Vergangenheit in die Gegenwart holen und sogar die Zukunft als gegenwärtig erscheinen lassen. Bis aber die unmittelbar erlebte Gegenwart zu Literatur wird, braucht es normalerweise Zeit. Den Autoren, die die Corona-Epidemie miterleben, geht es wie allen anderen. „Ob man will oder nicht, ist man Teilnehmer eines großen Experiments“, schreibt die österreichische Schriftstellerin Valerie Fritsch in einem Feuilletonbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Der Ausgang des „Experiments“ ist offen, die Dauer der Pandemie unbekannt und die Folgen der weltweiten Pandemie für das gesellschaftliche und kulturelle Leben nicht absehbar. Dennoch haben einige Schriftsteller früh damit begonnen, über den eigenen und den gesellschaftlichen Ausnahmezustand in der Corona-Krise zu schreiben. Zu ihnen zählt die Wiener Romanautorin Marlene Streeruwitz. „So ist die Welt geworden. Der Covid19 Roman“ ist als fiktives Tagebuch angelegt und erscheint in Fortsetzungen im Internet. Das Alter Ego der Schriftstellerin, Betty Andover, hat sich in häusliche Quarantäne begeben und reflektiert die freiwillige Selbstisolation. Gleich im ersten Eintrag vom 20. März stellt sie sich die bange Frage: „Trug sie schon längst eine dieser orange eingefärbten Stachelkugeln von Virus mit sich herum?“ Betty leidet unter Existenzängsten und den „Spiralen der Ereignislosigkeit“ in der Quarantäne. Und sie ist wütend. Sie fühlt sich durch das Virus „auf die perfideste Weise gleich gemacht“: „Gleichheit als Folge der Gleichmacherei einer Ansteckung“.

Unablässig sickert die Wirklichkeit in die Tagebucheinträge ein: die abgesagte Leipziger Buchmesse, der österreichische Kanzler Kurz, der eine Maskenpflicht verkündet, der erkrankte britische Premier Boris Johnson.

Während bei Streeruwitz die subjektive Verzweiflung ihrer Hauptfugur im Vordergrund steht, geht es dem italienischen Schriftsteller Paolo Giordano eher um die kollektive Sinnsuche in der Krise und für die Zeit danach. Der Romanautor ist der Verfasser des ersten belletristischen Buchs über die Sars-CoV-2-Epidemie, das inzwischen auch in deutscher Übersetzung vorliegt. „In Zeiten der Ansteckung“ lautet der Titel des schmalen Bandes, in dem der promovierte Physiker über „die bedeutendste medizinische Notfallsituation unserer Zeit“ schreibt. Kein Roman, sondern eine Sammlung von Beobachtungen, Analysen und Reflexionen, entstanden zwischen dem 29. Februar und den ersten Märztagen 2020.

Giordano beschreibt, wie der moderne Lebensstil in der globalisierten Welt zur Ausbreitung des Virus beiträgt. Für ihn besteht kein Zweifel daran, dass die Zeit des erzwungenen Stillstands und der aufgehobenen Normalität genutzt werden sollte, diesen Lebensstil zu überdenken. Zudem beschwört er den Gemeinschaftsgeist und warnt vor fehlender Solidarität. „In Zeiten der Ansteckung sind wir ein einziger Organismus. In Zeiten der Ansteckung werden wir wieder zur Gemeinschaft“, resümiert er.

 Das Buch "In Zeiten der Ansteckung".
Das Buch "In Zeiten der Ansteckung". Foto: Rowohlt

Ob aus der Corona-Krise bedeutende literarische Werke hervorgehen werden, bleibt abzuwarten. Unterdessen warnt die Direktorin des Leipziger Literaturinstituts, Ulrike Draesner, ihre Studentinnen und Studenten davor, jetzt in die Falle zu tappen, „umgehend den großen Pandemie-Roman schreiben zu wollen“. „Beim Schreiben geht es nicht um Geistesgegenwart, sondern um Vergegenwärtigung. Dieser Prozess braucht eine Weile“, sagte die Lyrikerin und Romanautorin jüngst in einem Interview auf „spiegel.de“. Literatur sei „weder Krisenbewältigungsmaschine noch Schnellschussinstrument.“