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Die allgegenwärtige Angst vor dem Fremden

Die allgegenwärtige Angst vor dem Fremden

„Andorra“ von 1961 ist eine beklemmend gegenwärtige Parabel über wachsenden Hass allem Fremden gegenüber. Markus Heinzelmann inszeniert jetzt das Stück von Max Frisch, der darin am Beispiel des Antisemitismus die verheerende Wirkung von Vorurteilen und Mitläufertum thematisiert. Am Samstag ist Premiere.

Generationen von Schülern wurden mit dem Drama "Andorra" gequält - moralisierend, schwarz malend, stereotyp. Seit der Uraufführung 1961 ist es als Parabel auf Stigmatisierung und Fremdenfeindlichkeit beliebter Schulstoff. Regisseur Markus Heinzelmann, Jahrgang 1968, ist wild entschlossen, das von Max Frisch entmenschlichte Personal wieder zu vermenschlichen.

"Andorra", ein fiktiver Ort, ist der vielleicht nur gefühlten Bedrohung durch die angrenzenden "Schwarzen" ausgesetzt. Der junge Andri ist der Fremdkörper in Andorra. Ihm, den sein Vater als jüdisches Kind ausgibt, wird alles mögliche zugeschrieben, zum Schluss sogar ein Verbrechen. Andri lebt mit den Zuschreibungen, versucht sich anzupassen. Max Frisch stellte in seinem ganzen Werk die Frage nach Identität, nach eigener Wahrheit und dem "Bildnis" das die anderen sehen oder sehen wollen. In einem Tagebucheintrag "Du sollst Dir kein Bildnis machen" hielt er fest, welche Kraft aus dem Gefängnis der Etikettierung befreie, die Liebe nämlich. "Eben darin besteht (...) das Wunderbare der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen."

Konsequenterweise sieht Regisseur Heinzelmann in Andorra den Hass am Werk. Es gibt die namenlosen Funktionsträger: den Arzt, den Pater, den Soldaten. Furcht und Feindseligkeit herrschen in Andorra. Auch Andri erkennt die Wirkmacht des Hasses. "Je gemeiner sie sind wider mich, umso wohler fühle ich mich in meinem Hass." Markus Heinzelmann arbeitet mit "atmosphärischen Verdichtungen und Irritationen," nutzt auch filmästhetische Mittel, um nicht Gliederpuppen mit Sprechblasen, sondern Menschen sichtbar werden zu lassen. Seine Figuren sollen gerade dann, wenn sie nicht reden "durch ein gewisses Schweigen" (Heinzelmann) jenes "Klima der Angst" zeigen, in dem er den Hauptbezug zur Gegenwart sieht. Gerade hier sollen die Videozuspielungen helfen, Emotionen zu verdeutlichen.

Heinzelmann sieht sich als politischen Menschen des linken Spektrums. Der Bezug seiner Inszenierung zur aktuellen politisch brisanten Lage, zum wachsenden Nationalismus und zur Krise Europas liegt auf der Hand. Aber er will auch unterhalten und zum Nachdenken anregen, das Theater als Raum für dringliche Fragen nutzen. Ins Heute hebt er das Geschehen auch, indem er Beobachtungen des Philosophen Jean Baudrillard aufnimmt, der im Hass einen Auswuchs mangelnder Standortbestimmung sah: "Heutzutage findet man Identität im Ablehnen; sie hat kaum noch eine positive Grundlage. Übrig bleibt nur noch, sich durch Entgegensetzung zu bestimmen, eher durch das Vertreiben des Anderen als durch eine Beziehung." Es sind solche Bezüge, die dem Stück den Schulbuchmuff nehmen und jedem einen Spiegel vorhalten.

Premiere am Samstag, 19.30 Uhr, im Großen Haus. Karten unter Tel. (06 81) 30 92 486.