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Der Streit um "Cancel Cullture" wird immer heftiger

Diskussion um „Cancel Culture“ : Die Gedanken sind frei, heißt es doch

Riskiert man Reputation und gar seine Anstellung, wenn man gegen die sogenannte politische Korrektheit verstößt? Um die Meinungsfreiheit bei uns wird gestritten – immer heftiger.

Im zu Ende gehenden Jahr 2020 sehen nicht wenige die Meinungsfreiheit im Land bedroht. Wissenschaftler, Publizisten und Künstler in Deutschland, aber auch in anderen westlichen Demokratien, klagen über einen enger werdenden Meinungskorridor, Repressalien und Anpassungsdruck. Mindest genauso heftig ist die Kritik an diesen Vorwürfen. Strittig ist, ob es die oft beklagte „Cancel Culture“ überhaupt gibt, ob missliebige Stimmen wirklich stummgeschaltet und Kritik mit Auftrittsverboten und Jobverlust bestraft wird. Manche sehen im Begriff der „Cancel Culture“ ausschließlich einen Kampfbegriff der Rechten.

„Es gibt in der Tat ein extrem verengtes Denken, das unbequeme Meinungen verstärkt als rechts labelt“, sagt die Philosophin Svenja Flaßpöhler, die selbst nach einem kritischen Buch zu #MeToo als „rechtsreaktionär“ beschimpft wurde. Sie macht sich Sorgen um das geistige Klima. Ein Stummschalten aber habe sie nicht erlebt. Der Kabarettist Dieter Nuhr etwa könne weiter auftreten, der schwer angefeindete Professor Jörg Baberowski sei sicher ein Grenzfall.

Nuhr hatte im Herbst ein Video für eine Wissenschaftskampagne verfasst, in dem er den Klimaschützer-Appell „Folgt der Wissenschaft!“ kritisierte. Es löste einen Shitstorm aus, seine Videobotschaft wurde daraufhin von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zeitweilig gelöscht. Baberowksi, dem linke Studenten Geschichtsfälschung, Rassismus und Rechtsradikalismus vorwerfen, wird zu Talkshows nicht mehr eingeladen. Auftritte von ihm begleiten jeweils heftige Proteste.

Laut einer Untersuchung des Allensbach-Instituts von 2019 sind zwei Drittel der Deutschen davon überzeugt, dass sie bei bestimmten Themen „aufpassen“ müssen, was sie sagen. Im Auftrag der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und des Deutschen Hochschulverbandes befragte das Institut für eine andere Untersuchung gut 1000 Wissenschaftler: Jeder Fünfte gab eine kritische Beurteilung zur Wissenschaftsfreiheit ab. In den Geistes-, Rechts- und Sozialwissenschaften fühlte sich sogar jeder Dritte durch Vorgaben zur politischen Korrektheit eingeschränkt. Der Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter zufolge muss, wer dem „Mainstream“ nicht folgt, Konsequenzen für die Uni-Karriere fürchten – etwa die Ablehnung von Forschungsanträgen.

Der Heidelberger Theologe Philipp Stoellger schätzt das Problem der „Cancel Culture“ im akademischen Bereich dagegen als „noch überschaubar“ ein: Es gebe „Umbrüche in der Sagbarkeit“. Was sagbar sei, verschiebe sich mit den Generationen. Doch treibe der Trend manchmal skurrile Blüten, sagt auch der Leiter des Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST): So warf ihm eine Studentin Rassismus vor, weil seine Lektüreliste zur Vorlesung keine „Transgender- und Black Voices“ enthielt. Er sei auch schon als „sexistisches Schwein“ beschimpft worden, als er einer Studentin die Tür aufgehalten hatte, sagt der Dogmatik-Professor: „Das Kränkungspotenzial ist oft zu groß. Und die gefühlte Kränkung wird dann benutzt, um die eigene Aggression zu legitimieren.“ Dann kippe der Diskurs, und das Problem dahinter werde „unverhandelbar“.

Flaßpöhler kritisiert ein „ideologisches Denken“ an den Hochschulen, das die eigenen Annahmen nicht hinterfrage: „Wer nicht Texte etwa mit Gender-Sternchen versieht, wird als antifeministisch oder gar rechtsreaktionär ausgewiesen. Gerade die Universitäten sollte aber Orte sein, wo differenziert gedacht und Sprache genau daraufhin angeschaut werden sollte, was sie leisten kann.“

Wie der Diskurs sich zuungunsten von Freiheit und offenem Streit zu verändern droht, zeigt punktuell eine Ende Oktober publizierte Studie zum Fachbereich Sozialwissenschaften der Uni Frankfurt: Linksgerichtete Studenten sind demnach „weniger bereit, umstrittene Standpunkte zu Themen wie Gender, Einwanderung oder sexuelle und ethnische Minderheiten zu tolerieren. Studierende rechts der Mitte neigen eher dazu, sich selbst zu zensieren“.

Es gebe „keine Sprachverbote“, sondern nur „Veränderungen in der Debattenkultur“, die durch die Rede von Zensur und Verboten abgewehrt würden, erklärte indes die Gender-Professorin Andrea Geier im Deutschlandfunk. Ähnlich argumentierte der Soziologe Floris Biskamp im „Tagesspiegel“: An deutschen Universitäten gebe es „keinen Hinweis auf eine virulente Kultur des Absagens, bei der missliebige Meinungen mundtot gemacht würden“. Das Reden von „Meinungsdiktatur, Diskurswächtern und Cancel Culture“ gebe denen, die davon sprechen, die Möglichkeit, sich als Opfer linker Hegemonie zu inszenieren.

Die Chefredakteurin des „Philosophie-Magazins“, Flaßpöhler, kritisiert dagegen einen „vorauseilenden Gehorsam“ auch in Institutionen und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In den Redaktionen gebe es Anpassungsdruck. Sensibilisierung sei zwar ein gesellschaftlicher Fortschritt und kein „Firlefanz“, betont sie: „Da muss man berührbar bleiben.“ Problematisch sei aber, dass man schon als „rechts“ gelte, wenn man sachlich gegen das Gendern argumentiere. „Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht darauf, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen“, schrieb George Orwell 1945 zu seiner dystopischen Fabel „Animal Farm“. Im Jahr 2020/21 klingt das überaus aktuell. „Die USA und Großbritannien führen uns vor, was passieren kann; es sind warnende Beispiele“, sagt Flaßpöhler zu umstrittenen Kündigungen von Journalisten in New York und einem Lehrer in Eton, die als nicht mehr tragbar galten: „Es ist notwendig, aus ideologischen Verhärtungen herauszukommen.“