Der Sieg der Mittelmäßigkeit über den Esprit

Der Sieg der Mittelmäßigkeit über den Esprit

Navid Kermanis neuer Roman krankt weniger an der Frage, ob es sich dabei überhaupt um einen Roman handelt. Seine Schwäche ist eher eine gewisse Bemühtheit und Bildungsbeflissenheit.

Der Roman ist eine Wundertüte. Man weiß nie, was drin ist. Und genauso wenig, welche Formen ein Roman annehmen kann - die Freiheit des Autors, ihn zu dehnen und zu wenden oder auseinanderzunehmen, ist schier grenzenlos. Von daher ist das Genre kaum zu definieren - und reicht von Prousts "Recherche" über Joyce' "Ulysses" bis hin zu Milan Kunderas essayistischen Erzählungen. Man kann deshalb auch keinem Autor den Vorwurf machen, sein Buch sei kein Roman. Womit wir beim neuen Werk von Navid Kermani sind, Friedenspreisträger von 2015, Orientalist, Welterkunder und Sachbuchautor. "Sozusagen Paris" stellt sich als Roman vor, auch wenn darin vornehmlich über das Wesen des Romans, über das Schreiben und über die Liebe räsoniert wird. Vollauf legitim ist das. Nur gut muss es eben sein.

Die Handlung, die über einen doppelten Boden verfügt, lässt sich rasch zusammenfassen: Ein Autor, unverhohlen Züge Kermanis tragend, liest in der Provinz aus seinem großen Roman über die Liebe (den Kermani 2014 tatsächlich vorgelegt hat). Die darin besungene Schulhoffreundin ist bei der Lesung anwesend. Man geht mit den Veranstaltern essen, der Autor macht sich Hoffnungen auf ein Abenteuer. Die Frau, die in diesem Spiegelkabinett von Roman den Namen Jutta trägt, entpuppt sich als Bürgermeisterin des kleinen Städtchens. Verheiratet ist sie, hat Kinder und ist obendrein Tantra-Lehrerin. Man landet auf dem Sofa der ehemals Angeschwärmten, der Ehemann schläft im ehelichen Zimmer ein Stockwerk höher. Aus der erhofften Liebesnacht wird nichts.

Stattdessen debattiert man in einem weinseligen Gespräch über Ehe, Provinz, Romantik nebst Abschweifungen zum Liebesdiskurs bei Proust, Balzac oder Stendhal. Für Jutta, denkt sich der am Anfang noch feurige Autor, sei er selbst "sozusagen Paris": Inbegriff des Weltmännischen, Verführerischen. Flausen, die ihm bald ausgetrieben werden. Dazu mischt sich das Autor-Ich ein, das die Einwände seines Lektors schon im Kopf hat. Aus alledem könnte ein leichtes, flirrendes Spiel werden. Bei Kermani wirkt hingegen alles ein bisschen bemüht, bildungsbeflissen. Als es dämmert, dämmert uns, dass hier eher die Mittelmäßigkeit über den Esprit, die Nüchternheit über die Leidenschaft siegen wird.Navid Kermani: Sozusagen Paris. Hanser, 288 Seiten. 22 €.

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