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Der saarländische Regisseur Jörn Michaely zeigt bei Ophüls seinen Film "Die Formel"

„Die Formel“ von Jörn Michaely beim Filmfestival Max Ophüls Preis : „Das erste Filmstudio der HBK“

Beim Ophüls-Festival zeigt der saarländische Filmemacher Jörn Michaely seinen Film „Die Formel“ - für die Dreharbeiten baute das ganze Team ein kleines Studio in einer alten Boxhalle in Neunkirchen.

Wie sich das Team des Ophüls-Festivals zurzeit fühlen muss, bei der ersten und hoffentlich einzigen Online-Ausgabe, weiß Jörn Michaely. Der künstlerische Leiter von „filmreif“ musste sein St. Ingberter Festival des jungen Films 2002 erst verschieben und dann fast ausschließlich online anbieten. Ein schmerzhafter Kompromiss. Für dieses Jahr ist er aber „guten Mutes“, wie er sagt, nicht zuletzt durch das Open-Air-Konzept des Festivals. „Da wird es vergleichsweise einfach, Hygieneregeln einzuhalten, auf dem St. Ingberter Markplatz gibt es genug Abstand“. Ein „echtes Vor-Ort-Festival“ wünscht er sich, „aber wenn wirklich all Stricke reißen, müssen wir doch auf Plan B setzen und digital bleiben - mit einem weinenden Auge“.

Beim Ophüls-Festival läuft im Programm „MOP-Shortlist: Saarland“, das als Uraufführung fünf Filme aus dem Saarland zeigt, Michaelys Kurzfilm „Die Formel“ - ein 18-minütiges Kammerspiel mit zwei Figuren: Eine Frau (Johanna Bönninghaus) kehrt abends in ihre Wohnung zurück – doch dort sitzt schon ein Mann (Hartmut Volle). Offensichtlich ein Einbrecher, der allerdings überraschend gut informiert ist über das Leben der Frau und das Ableben ihres Hundes. Die beiden beginnen, sich verbal zu umkreisen, während draußen Blitz und Donner die Szenerie erleuchten und beschallen. Was es mit dem Mann auf sich hat, sei hier nicht verraten – jedenfalls ist er nicht das, woran man im ersten Moment denken könnte: der leibhaftige Tod, der sie nun mitnehmen will. Der Fall liegt etwas anders, und die ersten Filmsekunden haben durchaus mit den letzten zu tun.

Szenenbildnerin Linda Bruna und Regisseur Jörn Michaely. Foto: Sebastian Knöbber

Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Autor Peter Loibl. Zum Abitur hatte Michaelys Schule ihm ein Buch mit Kurzgeschichten geschenkt, weil man dort wusste, dass er Kurzfilme dreht. „Das Buch habe ich natürlich erstmal nicht gelesen, sondern irgendwo in den Schrank gestellt“, gibt er zu. „Eines sehr langweiligen Tages“ habe er dann doch reingeschaut – Loibls Geschichte gefiel ihm besonders, wegen ihres schwarzen Humors „und weil sie gut verfilmbar ist, eben als Kammerspiel“. Michaely schrieb aus der Geschichte ein Drehbuch und versuchte, den Autor ausfindig zu machen. Vergebens – bis der sich dann selbst bei Michaely meldete, weil er in der Zeitung gelesen hatte, dass ein Kurzfilm nach seiner Geschichte von den Saarland Medien gefördert wird. „Er hat sich sehr darüber gefreut“, sagt Michaely. Den Film hat Loibl mittlerweile gesehen und „ist sehr angetan“.

Michaely absolviert zurzeit ein journalistisches Volontariat beim SWR, „Die Formel“ entstand bei seinem Studium zwischen 2016 und 2020 an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) in Saarbrücken – betreut von Professorin und Ophüls-Gewinnerin Sung-Hyung Cho („Full Metal Village“). Für das Kammerspiel brauchte Michaely erst einmal die passende Kammer: „Wenn es schon ein Film auf begrenztem Raum ist, dann muss der auch toll aussehen“, sagt er. „Wir brauchten einen atmosphärischen Ort, an dem wir flexibel arbeiten konnten.“ Den fand das Filmteam nicht, „und deshalb haben wir wohl das erste Filmstudio der HBK hochgezogen“, in einer alten und mietfreien Boxhalle in Neunkirchen. Einen Monat lang baute das gesamte Team, von morgen bis abends, ein Studio mit den beiden Räumen der Handlung. Durchaus teambildend, aber auch ziemlich zugig. „Wir haben den ganzen Tag in einer unbeheizten Halle gekniet und gestanden, es war wirklich saukalt.“ So saukalt, dass einige Aufnahmen des Films, den Kamermann Benedikt Dresen fotografiert hat, nicht zu gebrauchen waren, weil man den Atem der Darsteller  Johanna Bönninghaus und Hartmut Volle dampfen sehen konnte. Acht Drehtage hatte das Team für 18 Minuten Film. „Das war schon luxuriös“, sagt Michaely, „da konnten wir einiges ausprobieren, ein bisschen improvisieren“.

Johanna Bönninghaus und Hartmut Volle in „Die Formel“. Foto: Sebastian Knöbber

Verantwortlich für das Szenenbild von „Die Formel“ war die Saarländerin Linda Bruna, die sich damit bei der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf beworben hat und angenommen wurde, was Michaely sehr freut. „Sie wohnt jetzt in Berlin zusammen mit ihrer Schwester, der Regisseurin Lydia Bruna.“ Deren Film „Wolfsbande“ läuft ebenfalls beim Ophüls-Festival, als Uraufführung in der Kinderfilm-Reihe. 

Dreharbeiten in der alten Boxhalle. Foto: Sebastian Knöbber

Nach dem Dreh wurde die Kulisse nicht dem Sperrmüll anheim gegeben, sondern auf saarländisch kurzem Weg weitergegeben – an die Kollegen von „Quasi-live“, die die Bauten gut brauchen konnten für ihre Veranstaltungs-Streamings in den vergangenen Monaten. Ein Jahr lang wurde am Schnitt (Tom Barbu) und an Musik/Sounddesign (Mike Balzer/David Rohner) gearbeitet – durchgängig natürlich nicht, erklärt Michaely, sondern immer mal wieder, wie das so ist bei Studentenfilmen. „Jeder steckt immer in irgendwelchen Projekten.“ Unterstützt hat den Film der Saarländische Rundfunk, wo „Die Formel“ wohl irgendwann einmal laufen wird. Michaely absolviert zurzeit das Volontariat beim SWR, von wo aus es für ihn in viele verschieden Richtungen gehen kann – „etwa in Filmredaktionen“, wie er sagt. Dem Filmemachen will er sowieos treu bleiben – nach der „Formel“ drehte er den Pilotfilm einer Webserie namens „Mitbewohner gesucht“. Gesucht werden jetzt interessierte Sender oder Plattformen, die eine Serienfortsetzung in Auftrag geben wollen.