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Der Roman „Hundert Augen“ von Samanta Schweblin erzählt Horrorvision

Roman „Hundert Augen“ von Samanta Schweblin : Die Kuscheltiere haben uns im Auge

Maschinen als plüschige Begleiter, die uns ausspionieren? Schriftstellerin Samanta Schweblin entwirft eine finstere Zukunftsvision.

In Japan halten sich inzwischen manche Menschen Humanoide, menschenähnliche Roboter, als Hausgefährten. Die in Sachen Empathie und Höflichkeit bestens programmierten Alltagsgesellschafter ersetzen ein reales Gegenüber. Vereinzelung und Vereinsamung sind eine neue Volkskrankheit. Nicht nur in Japan.

Man kann sich vorstellen, dass das Szenario aus Samanta Schweblins abgründiger Sozial-Dystopie „Hundert Augen“ bald auf ähnliche Weise Realität werden könnte: Dass also ganz normale Leute sich für ein paar hundert Euro ein auf seiner Unterseite mit Rädern ausgestattetes Plüschtier kaufen, dessen Augen eine Kamera enthält, mit der ihr Zusammenleben mit diesem Panda, Drachen oder Kaninchen jeden Tag aufgezeichnet wird. Und zwar für einen Dritten, der irgendwo, vielleicht am anderen Ende der Welt, dieses Plüschtier per Tastatur steuert und dessen Eigentümer observiert. Gespenstische Vorstellung, oder?

Nicht so für eine Handvoll Figuren im Roman der argentinischen Autorin. Sie finden es reizvoll, dass irgendwer jeden Tag ein paar Stunden lang an ihrem Leben Anteil nimmt und zuschaut, wie sie an der Seite ihres Kentukis – so heißen die Stofftiere im Roman – frühstücken, saubermachen oder Gartenarbeit verrichten. So wie es umgekehrt nicht an Neugierigen mangelt, die unerkannt die Privatsphäre anderer ergründen wollen.

„Wenn es für einen User der sozialen Netzwerke schon die größte Freiheit war, dort anonym zu bleiben – was inzwischen ja fast unmöglich war –, wie würde es sich dann erst anfühlen, im Leben eines anderen anonym zu sein?“ Alina, die sich im mexikanischen Oaxaca an der Seite ihres allzu beschäftigten Künstlerfreundes langweilt und sich deshalb einen Kentuki kauft, bringt es im Roman auf den Punkt: Während sie Gefallen daran findet, dass ein Unbekannter sich mit ihr beschäftigt, sind Kentukis für diejenigen, die sie überwachen und steuern, ein gefundenes voyeuristisches Fressen. Wobei manche weniger an den Personen, sondern vielmehr an deren mitunter exotischem Umfeld interessiert sind. Über einen Kentuki durch Dubai zu cruisen oder ein Stück Hongkong zu erhaschen, ist das etwa nichts? Allein: Wem (und damit wo) man zugeschaltet wird, darauf hat kein User Einfluss. Der Zufall entscheidet. Gegen Bezahlung erhält man nur den Zugangscode zu einem Plüschtier – dessen Besitzer kann sich niemand aussuchen.

Es geht Samanta Schweblin in „Hundert Augen“ nicht darum, plakativ Technikkritik zu üben oder uns lauter Beziehungsgestörte vorzuführen. Wäre dies ihre Absicht, könnte man ihren Roman schnell abhaken. Seine Qualität ist es, ebenso nuanciert wie plausibel zu erklären, wie beide Seiten – die Käufer der Kentukis wie deren User – eine soziale Beziehung zu diesen aufbauen und nicht mehr von ihnen loskommen.

Sei es, weil sie sich wie Alina so zur „Herrin“ aufschwingen können, die über jemanden (und sei es nur ein verständnisvolles Plüschtier) bestimmen. Oder weil sie für ihre stummen Gefährten auf eine Weise sorgen, wie sie es für sich selbst nicht können. Manchmal öffnet so ein Kentuki auch einfach nur die Tür in eine ferne Welt. So versucht der guatemaltekische Schüler Marvin mithilfe seines im tiefsten Norwegen lokalisierten Kentukis, echten Schnee zu erleben: „Das wäre, wie mit den eigenen Fingern das andere Ende der Welt zu berühren.“

Schweblin, die längst zu den bekanntesten lateinamerikanischen Autorinnen gehört, portioniert ihren Roman in kleine Kapitel und knüpft ihre Erzählfäden so reihum immer wieder auf, um kapitelweise von einer Figur zur nächsten weiterzuspringen. Die Marvin-Passagen gehören zu den berührendsten. Weil seine verstorbene Mutter ihm einmal im Leben Schnee zeigen wollte, setzt Marvin alles daran, das stellvertretend seinem Kentuki zu ermöglichen.

Auch die anderen Episoden entfaltet Schweblin Stück um Stück, ohne zu dick aufzutragen. Ehe wirklich etwas passiert, führt die 42-jährige Autorin erst mal durch viele Alltäglichkeiten. Eine ältere Peruanerin etwa, die einer jungen Erfurterin zugeschaltet ist, wird nach Wochen unfreiwillig in deren Leben hineingezogen: Sie wird Zeuge, wie der Liebhaber der Frau diese bestiehlt und später von dem Ertappten telefonisch zur Rede gestellt. Der Italiener Enzo wiederum, dem seine Ex-Frau einen Kentuki als Erziehungsinstrument für den gemeinsamen Sohn aufgenötigt hat, spürt, dass er selbst die „zwei Kilo Plüsch und Plastik“ nicht mehr missen möchte. Als Gesellschafter und um die eigene Fürsorglichkeit auszuleben, die der Sohn meidet. Der Kentuki-User aber wird sich als Pädophiler entpuppen, der sich nur an Enzos Sohn heranmachen will.

Im Lauf des Romans wird eine Kentuki-Welle losgetreten von Taipeh bis Tel Aviv, inklusive hysterischer Fangemeinden und viel Mediengeschwafel. Immer mehr Leute nehmen die Elektroplüschtiere zum Einkaufen mit oder hocken mit ihnen in Restaurants. Auf der einen Seite zieht dies Geschäftemacher wie Grigor an, die ständig neue Laptops kaufen, um an möglichst ausgefallene Kentucki-Standorte zu kommen, deren IP-Adressen sie dann meistbietend weiterverkaufen. Auf der anderen Seite formieren sich Kentuki-Befreiungsbewegungen, um dem technischen Spuk ein Ende zu machen: „Jemanden war eingefallen, dass es nicht weniger grausam war, einen Kentuki zu misshandeln als einen Hund den ganzen Tag angekettet an der Sonne zu lassen, sogar grausamer, wenn man berücksichtigte, dass sich hinter einem Kentuki ein menschliches Wesen verbarg.“

All das deutet Schweblin nur kurz an, sodass der Plot nicht Gefahr läuft, als Farce zu enden. Vielmehr sind die Plüschtiere, diese gewissermaßen bedürfnislosen Haustiere, lediglich der letzte Schrei einer sozial entwurzelten Gesellschaft. Nicht sie sind das Problem, sondern die Zweibeiner, die mit ihnen umgehen. Und doch: Ein Problem gibt es mit diesem Buch. Man bemerkt es erst, nachdem man es zu Ende gelesen hat, wobei sein Schluss nicht zu überzeugen weiß: Es bleibt nichts wirklich zurück. Über 250 Seiten hinweg ist man den Episoden zwar mit Interesse gefolgt. Aber sobald der Plot endet, verpufft er auch sogleich. Es bleiben weder Sätze zurück, die man notieren möchte. Noch ein Gedanke, dem man weiter nachgehen müsste. Insoweit bleibt „Hundert Augen“ viel vordergründiger als anfangs erwartet.

Die Tiere im Roman sind plüschiger als diese tatsächlichen Roboterhunde aus Japan: Sie erkennen lobende Worte und passen sich dank Künstlicher Intelligenz an die Reaktionen der Menschen an. Foto: dpa/Sony

Samanta Schweblin: Hundert Augen. Aus dem Spanischen von Marianne Gareis. Suhrkamp, 252 Seiten, 22 Euro.