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„Colors of Pop“: Der Pop-Bauer und seine Samenkörner

„Colors of Pop“ : Der Pop-Bauer und seine Samenkörner

Das Festival „Colors of Pop“ ist gestern zu Ende gegangen: 21 000 Besucher kamen, Macher Thilo Ziegler ist zufrieden und plant schon das nächste.

Gestern Mittag, am elften und letzten Tag von „Colors of Pop“ (CoP), lief Festivalmacher Thilo Ziegler noch leicht übernächtigt durch die Congresshalle. Eben schoben sich die letzten Aufrechten des zweitägigen, zwar mäßig besuchten, aber durchaus interessanten „PopCamps“ (siehe unten) vorbei. Und wurde nebenan das letzte Equipment der laut Ziegler von gut 300 Leuten besuchten „Fashion Show“ vom Vorabend abgebaut – einer Art Modenschau mit gut 150 Models und selbstentworfenen Kollektionen von angehenden regionalen Mode-Designern (etwa der FH Trier). Gefragt, wie denn seine persönliche Bilanz nun ausfalle, meinte Ziegler, seinem Gefühl nach hätten die Leute „die Systematik des Festivals jetzt verstanden, wie hier also jeder seine eigene Linie durchs Programm finden konnte“.

Seine spätere offizielle Bilanz zählte 21 000 Festivalgänger, davon alleine 3300 beim Konzert von Clueso im E-Werk und jeweils rund 2500 bei den Band-Abenden mit jeweils 14 Konzerten am Freitag und Samstag. Für die „Nullnummer“ (ein wiederkehrender O-Ton Ziegler) eines Festivals, das sich erst mal etablieren muss, ist das ohne Frage kein schlechter Schnitt: Festivaltaufe bestanden. Ziegler selbst befand, „CoP“ sei „unfassbar stark besucht“ worden. Jetzt gelte es, das Profil zu schärfen und „Colors“ inhaltlich auszubauen – dass es in zwei Jahren eine Neuauflage geben wird, steht wohl außer Zweifel.

Die Grundidee, das regionale Spektrum all dessen zu bündeln, was sich unter Popkultur einpreisen lässt, hat Vor- und Nachteile. Einerseits macht man damit eine Art Gemischtwarenladen auf und fischt im Pop-Becken quasi nochmal alles auf, was in Teilen auch ohne „Colors of Pop“ längst existiert hat – von den „Saarländischen Fototagen“ über die „Rotationen“ bis hin zum „Poetry Slam“. Andererseits ist Letzterer, den das Festival aus seiner früheren Nische in der Camera Zwo ins Große Haus des Staatstheaters holte, ein gutes Beispiel, um die Schubkraft von „Colors of Pop“ vor Augen zu führen: Das SST war komplett ausverkauft. „Wir hätten es auch locker  zweimal füllen können“, ist sich Ziegler sicher. Gleiches gilt auch für den Live-Band-Marathon vom Wochenende in Saarbrücker Clubs und Kneipen: Auch damit hat man zwar nicht das popkulturelle Rad neu erfunden; endlich einmal aber wurde der hiesigen U-Musik-Szene eine respektable Bühne bereitet. Für Dreiviertel der Bands war es nicht nur ein verdientes Heimspiel, auch die Resonanz war, wie nicht bloß Ziegler findet, gut. Dichtes Gedränge, viel Bewegung in der Stadt. So wie vorgestern und gestern erstaunlicherweise auch in der Aula der Uni bei „Saarcon“, wo sich einige hundert Brettspielfreaks zu einer „Convention“ einfanden – organisiert von dem Saarbrücker Anwalt Gregor Theado, den man als Förderer der hiesigen Hardrock -und Metalszene kennt  („Saarland Underground“).

In Zieglers Philosophie sind die 100 gebotenen „Einzelveranstaltungen“ (waren es wirklich so viele?) lauter Samenkörner. Ausgesät in der Hoffnung, dass daraus etwas wächst. Wenn man so will, betreibt das Festival – ganz im Sinne des vielfach mit im Boot schaukelnden Pop-Rates – damit eine Art künstlerisches Urban-Gardening. Gehegt und bewässert werden soll die von offizieller Seite bislang nur unzureichend mit monetären Nährstoffen versorgte Popkultur-Infrastruktur.

Dass etwa das erwähnte zweitägige Pop-Camp in der Congresshalle nur rund 30 Teilnehmer zählte, schmälert das Prinzip dahinter nicht. Nach dem Vorbild der von IT-Nerds aus dem Silicon Valley 2005 erfundenen, basisdemokratisch organisierten BarCamps, die es seit 2010 jedes Jahr als „SaarCamp“ auch auf dem HTW-Campus Rotenbühl gibt, war dieses kleine PopCamp in der dafür viel zu großen Congresshalle als erste Gesprächsbörse für Popkultur-Themen angelegt. Initiator Carsten Dobschat befand gestern, auch das von ihm organisierte SaarCamp habe damals mit 30 Leuten begonnen, heute kämen gut 200. Dem neuen Versuchsballon soll die Luft, so Dobschat, jedenfalls nicht gleich wieder ausgehen: Man will das PopCamp 2018 wiederholen, auch ohne Festival, kündigte er an.

Beim PopCamp stand am Samstag etwa Kim Meiser Rede und Antwort zum Thema „Freifunk Saar“. Dessen Ziel ist ein freies, selbstverwaltetes Funknetzwerk – ganz legal. Im Prinzip muss man sich dazu nur einen Router kaufen, auf den man die Freifunk-Software spielt, um sich dann mit anderen Freifunk-Routern zu verbinden. Die Idee sei, so Meiser, dass Leute einen Teil ihrer DSL-Flat­rate-Kapazitäten anderen zur Verfügung stellen, um per Schneeballsystem ein freies, offenes W-Lan aufzubauen. Idealisten wie Meiser sind ein Glücksfall für dieses Land – auch wenn sich das hier noch nicht herumgesprochen hat. Dabei könnte die Freifunk-Strategie ein Modell sein, um etwa klamme Kommunen (oder auch saarländische Schulen) ganz unbürokratisch und ganz legal digital aufzurüsten.