Der neue „Tannhäuser“ in Bayreuth

Der neue „Tannhäuser“ in Bayreuth : Die Lusthölle, das sind immer die anderen

Spaßattacke in Bayreuth. Regisseur Tobias Kratzer macht den „Tannhäuser“ zum Sponti-Spektakel. Ideenprall ist das – und das Publikum jubelt. Leider bleibt Dirigent Gergiev weit von seiner sonstigen Großform entfernt.

Die schlechte Nachricht: Es geht dieses Mal nicht um Sex. Jedenfalls nicht bloß. Wobei Richard Wagners „Tannhäuser“ ja just auch wegen seiner Schwülstigkeiten brave Bildungsbürger über Generationen so stimulierte. Mit dem Venusberg: hussahe! Wo Minnesänger Tannhäuser im Sündenreich von Frau Venus mal so richtig den Heinrich rauslassen kann, während sich Elisabeth zuhause für ihn aufspart. Ja, so hatten das Alt-Machos wohl gern: Hure da, Heilige daheim. Dazu noch Wagners genialisch aphrodisierendes Tönen. Mehr Porno gibt’s in der Oper kaum.

Regisseur Tobias Kratzert aber langweilen solche Romantic-Fantasies wohl bloß noch. Was wäre auch in unseren durchsexualisierten Zeiten noch dazu zu sagen? Die Lusthölle, das sind immer die anderen. Also Por no! statt Porno. Statt zum Venusberg zu locken, lässt der 39-Jährige schon zur Ouvertüre eine Drohne über der Wartburg kreisen, zeigt im Video viel Wald samt allerlei anderem typisch Deutschem. Und Venus und Tannhäuser kurven, ja das Leben ist bunt, mit Dragqueen Le Gateau Chocolat und Oskar, einem Blechtrommler mit, haha, Wagner-Béret (Manni Laudenbach), als eine Art Agitprop-Mini-Zirkus in einer alten Citroën-Camionette durch die Gegend. Man ballt die Faust, plakatiert frühe Wagner-Parolen: „Frei im Wollen, Frei im Thun, Frei im Geniessen!“. Passenderweise wird ja auch die frühe Dresdener Fassung des „Tannhäuser“ gegeben, als Wagner selbst noch Revoluzzer war.

Unterwegs in einer alten Citroën-Camionette: Tannhäuser mit Clownsschminke (Stephen Gould) und Venus (Eleana Zhidkova). Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

En passant zitiert Kratzert überdies nach Kräften. Grass‘ Meisterroman genauso wie den „Blauen Engel“. So muss sich Tannhäuser wie einst Professor Rath für Venus zum Clown, zum Deppen machen. Dabei singt Stephen Gould, ein in Bayreuth schon oft bewährter Heldentenor, so druckvoll und doch innig schön, dass seine Stimme doch der wahre Lockstoff dieser Produktion ist. Eleana Zhidkova allerdings, pardon für den Macho-Rückfall, ist garantiert auch die coolste Braut, die je als Venus das Festspielhaus aufmischte. Da tut es nichts, dass ihre Stimme eher kalt denn lockend tönt.

Als die Revoluzzer-Venus dann auf der Flucht aber einen Polizisten überfährt, reicht es Tannhäuser. Er muss weg von diesem Auf-die-Barrikaden-Vamp. Heim zu seinen Sängerfreunden mit ihren geordneten Leben und der braven Elisabeth. Wobei Bayreuth-Debütantin Lise Davidsen als Elisabeth die Entdeckung des Abends ist, so farbreich, so charakteristisch im Timbre ist ihre großartige Stimme. Gerade auch in der Zwiesprache mit dem ebenfalls überragenden Markus Eiche als Wolfram. Den ganzen Wahnsinn hat Kratzert schon zu Ouvertüre hingeknallt. Irgendwie war das fast zu erwarten, schließlich inszenierte er in Bremen 2011 schon einen „Tannhäuser“, in dem der Sangesmann und Venus unter die Kommunarden fielen. Nach Kommune eins treibt er’s jetzt noch bunter.

Leider hat das Dirigent Valery Gergiev im mystischen Abgrund des Festspielhauses irgendwie nicht mitbekommen. Während Venus oben aufdreht, kommt das Orchester kaum in Fahrt. Verschattet tönt’s aus dem Graben, mit schleppenden Tempi, als habe ausgerechnet ein Könner wie der Russe Probleme mit der besonderen Akustik in Bayreuth. Und leider bleibt das weithin so, selten entwickelt sich Glanz, blüht romantische Opulenz. Bisweilen enteilen die Sänger gar dem Orchester, das Gergiev auch selten ebenbürtig zu dem großartigen Chor positioniert. Dafür erntet er Buhs wie selten wohl in seiner Karriere. Ja, ein paar Buh-Rufe müssen auch Kratzert und sein Team (Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier, Video: Manuel Braun) einstecken, aber die erzählerische Frische überwältigt schlicht. Selten so gelacht in Bayreuth.

Im zweiten Akt etwa macht der Regisseur das Festspielhaus und den Grünen Hügel selbst zum Spielort, selbst draußen geht es in der Pause weiter. Das Bühnenbild ist zweigeteilt: Unten die Oper wie man sie kennt, oben zeigt eine Videokamera, wie hinter den Kulissen noch geschwatzt wird, man ein Schlückchen nimmt, bevor es todernst auf die Bühne geht. Das ist selbstironisches Theater übers Theater und auch ein bisschen Backstage-Entzauberung der Hochkultur, wobei Kratzert nie mit dem Furor früherer Theaterzertrümmerer antritt. Im Gegenteil. So lässt er Venus und ihr Trüppchen dem entfleuchten Tannhäuser ins Festspielhaus nacheilen, wo sich Protestkultur und Hochkultur durchaus nahekommen. Als Dragqueen Le Gateau Chocolat in den Gängen des Festspielhauses ein Porträt von Christian Thielemann entdeckt, wirft sie Bayreuths Haus-Maestro mehr als ein Kussmündchen zu. Zur echten Aussöhnung der Kulturen aber kommt es nicht. Als die Lage beim Sängerwettstreit eskaliert, Tannhäuser wieder mal zwischen der Welt der Venus und Elisabeths hin- und herschwankt, wählt Festspielchefin Katharina Wagner die 110. Und die Polizei rückt an.

Kratzerts Regie sprüht vor Einfällen, liefert schon in der Ouvertüre mehr Geistreiches als manche sonstige Opernabende über lange Stunden. Aber der Regisseur verliert auch die ursprüngliche Oper aus dem Blick. Was etwa ist mit dem Religiösen, der Erlösung, nach der Tannhäuser so sehnlich sucht? In seinen Bilderexplosionen, den Videos hier und Aktionen da, ertränkt er viele der eigentlichen Fragestellungen, daran ändert auch der intimere dritte Akt nichts, wo Venus‘ Zirkustruppe auf einem Schrottplatz strandet, so melancholisch wie in Fellinis „La Strada“. Ja, Kratzert fragt viel nach Lebensmodellen, nach dem Wider und Miteinander von Populär- und Hochkultur. Herausfordernd ist das, aber ob man die Antworten darauf aber ausgerechnet im „Tannhäuser“ findet?
www.bayreuther-festspiele.de

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