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Große Oper am Staatstheater
So treiben es alle – nicht nur der Rosenkavalier

 Reichlich Gedränge im Boudoir: Die Marschallin (die großartige Pauliina Linnosaari, links) fürchtet, dass ihr Gemahl unerwartet früh nach Hause kommt. Dabei tollte sie gerade noch mit ihrem Liebhaber Octavian durch die Plumeaus. Zum Glück machen nur die Dienerschaft und Bittsteller nebenan Rabatz.
Reichlich Gedränge im Boudoir: Die Marschallin (die großartige Pauliina Linnosaari, links) fürchtet, dass ihr Gemahl unerwartet früh nach Hause kommt. Dabei tollte sie gerade noch mit ihrem Liebhaber Octavian durch die Plumeaus. Zum Glück machen nur die Dienerschaft und Bittsteller nebenan Rabatz. FOTO: SST/Martin Kaufhold / martinkaufhold.de ;Martin Kaufhold
Saarbrücken. Der neue „Rosenkavalier“ am Saarbrücker Theater ist ein Rundumvergnügen. Mit fantastischen Stimmen, einem glänzenden Orchester und einer Regie, die Hofmannsthals Wort-Soufflés mit kräftigem Witz und kühler Bühne etwas entgegensetzt. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Wenn eine Frau einen Mann spielt, der eine Frau spielt, dann. . .? Genau, dann nennt man’s Oper. Und wenn’s überdies weanert, bis der Schlagobers sauer zu werden droht, ist das unverkennbar „Der Rosenkavalier“. Dann wird der Strauss zum Strauß. Fast alles Walzer halt. Zumindest reichlich davon.


Was Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal vor gut 100 Jahren gemeinsam kreierten, gilt vielen als Genietat geistreicher Opernunterhaltung. Nicht bloß Figuren, sondern Menschen schuf Hofmannsthal für die Bühne, kreuz und quer verstrickt in Affären und Aufstiegsgelüsten. Zudem hadern sie auch noch mit ihrer eigenen Vergänglichkeit, der Vergeblichkeit vielen Tuns. Psychologisch dabei so exakt wie sensibel gezeichnet.

Und Richard Strauss? Der gerühmte „Elektra“- und „Salome“-Komponist legte für den „Rosenkavalier“ mal ein Modernisierungs-Päuschen ein, schrieb sanglicher, lichter, im Sinne Mozarts beinahe einen „Figaro“ des frühen 20. Jahrhunderts, möcht’ man sagen. Und immer wieder ließ sich Strauss lustvoll auch in den Drei-Viertel-Takt fallen, formte eine Sprachmelodie, machte galant musikalische Konversation, ohne dabei aber die Tiefe der Charaktere oder gar die sinfonischen Ambitionen des Orchesters zu vernachlässigen.



Schon grandios. Und doch: Dieses ewige „Antichambrieren“ und „Scharmutzieren“, das Flirten der höheren mit den niederen Ständen, was Hofmannsthal zwar ins dekadente Rokoko rückdatierte, damit aber seine nicht minder gärende Zeit meinte, so kurz vorm Explodieren der überalterten Monarchien und dem Ersten Weltkrieg, dieses Parodie-Weanerische halt muss man schon zu goutieren wissen. Und das fast vier Opern-Stunden lang inklusive gelegentlichem Handlungsstillstand. Mozart und seine Librettisten hätten den Punkt jedenfalls klar früher gemacht. Und auch die Story wirkt heute kaum mehr skandalös, wo das Fremdgehen längst per App arrangiert wird.

Regisseur Jakob Peters-Messer, ein Götz-Friedrich-Schüler, aber hat mit seinem Team genau die richtige Antwort. Hofmannsthals zuckrigem Sprach-Soufflé hält er kräftigen Witz entgegen, nutzt jede Chance zur perlender Situationskomik. Und die Bühne (Markus Meyer) deutet das Rokoko bloß noch an. Kulisse wie Kostüme (Sven Bindseil) halten weithin strenges Schwarz-Weiß-Regime; als sei’s ein Karl-Lagerfeld-Memorial.

Ins weitläufige Schlafgemach der Marschallin frisst sich so über die weiße Kassettenwand nur eine Rokoko-Volute, fast animalisch, ein schwarzes Menetekel, dass dieser ganze Amüsierbetrieb auch böse enden könnte. Was Fürstin Weidenberg, die Marschallin, und Octavian, ihren 17 Lenze jungen Liebhaber, aber nicht hindert, durch die Plumeaus zu toben. Der gehörnte Herr des Hauses ist schließlich fern, auf Jagd. Wo viele Inszenierungen bloß schamhaft andeuten, bekommt man in Saarbrücken durchaus was zu sehen: die Marschallin im schwarzen Negligé, und Octavian in weißen Boxershorts.

Und was man erst zu hören bekommt! Zwei Sängerinnen von außerordentlichem Format. Pauliina Linnosaari als Marschallin verführt geradezu mit ihrer noblen Stimme, selbst beim bloß noch gehauchten Piano rührt sie die Herzen der Zuschauer. Und ist doch auch so stark und strahlend im Forte. Sie regiert fürwahr die Bühne, wenn sie will, und wenn sie muss. Und zeigt aber auch so viel Verletztlichkeit – beim Anblick des eigenen alternden Spiegelbilds. Hier lässt Jakob Peters-Messer ein zweites Kernthema der Oper kristallisieren, das eigene Vergehen, das vieles Tun vergeblich scheinen lässt.

Octavian sind solche Gedanken noch völlig fremd. Unbändige Lebenslust treibt ihn: Wunderbar jung und feurig springt Carmen Seibel in diese Hosenrolle, singt voller Leidenschaft, aber zart und innig auch, wenn Octavian die silberne Rose übergibt, und auch mit klarer Nuancierung. Und als „Mariandl“ kann sie als Weaner Madel auch mit derber Goschen handfest werden. Wie nichts schüttelt Carmen Seibel diese Rollenwechsel aus dem Ärmel.

Richtig turbulent wird’s aber, wenn die Marschallin fürchten muss, ihr Herr Gemahl käme zu früh – also heim. Tatsächlich drängen aber nur Bittsteller und dann Baron Ochs von Lerchenau ins Boudoir, samt einer köstlich-komischen Ansammlung von Dienerschaft und Hofschranzen. Der Baron kommt übrigens dank Markus Jaursch lange nicht so plump und derb daher wie meist, sondern ist ein runtergekommener Casanova, schön schäbig und schmierig. Jaursch weanert, was das Zeug hält. Manchmal leider auch bis hin zur Unverständlichkeit. Aber er macht diesen Ochs einfach zu einem Typen – der fast schon wieder sympathisch wird, als dieser Hallodri versucht, diese geltungssüchtigen bürgerlichen Aufsteiger vorzuführen. Peter Schöne spielt und singt diesen Herrn von Faninal, der für seinen gesellschaftlichen Aufstieg sogar seine Tochter Sophie dem alten Ochs ins Bett legen will, wunderbar stocksteif, borniert. Umso liebenswerter kann Marie Smolka mit klarem, beweglichen Sopran dann als Sophie auftrumpfen, die erst den schmierigen Baron abserviert, aber sich auch dem jungen Octavian nicht einfach so an den Hals wirft. Eine echte Persönlichkeit.

Und auch im Graben stimmt im Grunde alles. Das Staatsorchester unter Roger Epple ist bei der komplexen Partitur hörbar in seinem Element: sattes Blech, feinnervige Streicher und ein herrlich silbrig-transparenter Klang (just im dritten Akt). Epple setzt auf Tempo, Dynamik und auch die Lust am Überdrehten, auch wenn sich da bisweilen fast schon beschwipste Heurigen-Seligkeit einstellt. Pointiert zeichnet das Orchester aber auch Personen wie Stimmungen, mit feinem Strich den Schwermut der Marschallin und mit dickem Pinsel den überbordenden Witz. Alles Szenische ist da immer auch in der Musik. Und so sind dann am Ende vier Stunden Oper auch keine lange Zeit.

Weitere Aufführungen: 26. März und 3. April. Wegen der Länge der Oper beginnen die Aufführungen bereits um 18.30 Uhr. Karten unter Tel. (06 81) 3 09 24 86.

  Endlich haben sich die Richtigen gefunden: Octavian (Carmen Seibel, links) und Sophie (Marie Smolka).
Endlich haben sich die Richtigen gefunden: Octavian (Carmen Seibel, links) und Sophie (Marie Smolka). FOTO: Martin Kaufholde/staatstheater / martinkaufhold.de ;Martin Kaufhold
 Mantel und Degen: Octavian (Carmen Seibel, r.) verpasst Baron Ochs (Markus Jaursch) eine Lehrstunde in Sachen Anstand. Hinter dem Gabentisch: der intrigante Valzacchi (Algirdas Drevinskas).
Mantel und Degen: Octavian (Carmen Seibel, r.) verpasst Baron Ochs (Markus Jaursch) eine Lehrstunde in Sachen Anstand. Hinter dem Gabentisch: der intrigante Valzacchi (Algirdas Drevinskas). FOTO: Martin Kaufhold/Staatstheater / martinkaufhold.de ;Martin Kaufhold