„Der Mensch ist eine böse Spezies“

„Der Mensch ist eine böse Spezies“

Wir dürfen keine Illusionen haben, erklärt die Philosophin Bettina Stangneth in ihrem jüngsten Buch. Das Böse diktiert unsere Welt. Aber wer ist das Böse? Nicht anderes als wir selbst, voller Hass und Ichsucht.

Es gibt Verkäufer, Personalchefs und Vorstände, die "Selbstoptimierer" sein wollen. Ein Begriff unserer Zeit, in der das Finale des Kapitalismus ansteht und dessen Repräsentanten noch rausholen wollen, was geht. Sie seien nicht weit entfernt von Selbstmordattentätern, sagte die Philosophin Bettina Stangneth provokativ. Selbstoptimierer sind in ihrer Sicht ausschließlich auf sich selbst, auf ihr Ich fixiert. Alles, was es sonst noch an Ansichten gibt, interessiert sie kaum; und Zeitgenossen gegenüber, die anders denken und leben, können sie mit gewaltiger Bosheit begegnen.

Das schreibt die Hamburger Philosophin, die 2011 mit ihrem Buch "Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders" international bekannt wurde. Sie erklärte endgültig, warum der Biedermann ein bereitwilliger Massenmörder war. Selbst die "New York Times" druckte einen großen Artikel darüber. Stangneth kennt sich beim Bösen aus, sie ist eine Kant-Expertin und zitiert aus dem 1792 verfassten Text des Königsberger Denkers "Über das radicale Böse in der menschlichen Natur". Kants Diktum: "Die Menschen sind eine böse Spezies". Weil sie lügen, betrügen, morden und derzeit vielfach über Flüchtlinge urteilen, die sie nicht kennen und deshalb nicht anerkennen wollen. Sie brüllen, werfen Brandbomben in Flüchtlingsheime, greifen im Rudel Einzelne an, wollen ihnen wehtun, sie womöglich vernichten. Warum? Weil ihr Denken böse ist, sagt Stangneth.

Der Philosophin geht es um Welterklärung und -deutung. Das böse Denken verdammt die Vernunft, die Freiheit und die Aufklärung. Im Sinne Kants sind diese Menschen nicht imstande, sich aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Sie haben keine Priester mehr, die ihnen die Grundlagen des Religiösen vermitteln; alle Moralgebote sind reduziert, dem Fremden wird nicht mit Barmherzigkeit, sondern mit Hass begegnet. Hass ist nichts anderes als ultimativ böses Denken.

Was gebraucht wird, ist vernünftiges Denken - für die Kantianerin die Voraussetzung für souveränes menschliches Handeln. Der vernünftige Mensch sieht den Fremden als seinesgleichen. Und begegnet ihm fair. Es gebe, so Stangneth, den "Wunsch nach Zusammenhang, nach Sinn, nach Konsistenz" und er "macht uns alle gleich". Wird die Vernunft aber verleugnet, kommt das Böse ins Spiel. Wissen und Wissenschaft erhöhten die Urteilsfähigkeit, glaubte auch Kant. Er nannte das Aufklärung und propagierte ihn als volkserzieherisches Programm. Es geht um Werte und Tugenden, um Einfühlung, Erkenntnis, Empathie. Böses Denken will das alles nicht. Nachdenken muss deshalb geübt und gelehrt werden, schreibt die Autorin. Das ist die wahre nationale Aufgabe jedes Bürgers, jedes Staates.

Damit stellt sich Bettina Stangneth zwar nicht gegen die Pädagogik, Soziologie, Psychologie und Psychoanalyse; sie spricht ihnen aber einen großen Teil ihrer Bedeutung ab. In unserer Gegenwart mit ihrer "um die Digitalisierung erweiterten Realität" geht es nach ihrer Ansicht um "Erfahrungen in der Unterscheidung zwischen Fiktionen und Fakten". Das müsse gelernt werden, mehr denn je. Selbstermächtigung im Namen des "Selberdenkens" ist das Ziel dabei. Die Vernunft soll von Fakten geleitet und von der Ethik durchdrungen sein. Im Klartext: Was gut und was böse ist, das müssen wir lernen im "Nebeneinander der Monologe", in sozialen Netzwerken, in denen der Hass kursiert.

Das ist keine leichte Lektüre. Aber wer sich auf Stangneths Ausführungen über Tage hinweg einlässt, lernt viel über sich selbst und andere. Dieses Buch ist eine Einladung zum Denken mit moralischen Konsequenzen. Raus aus der Ichsucht, weg von der "Selbstoptimierung" - und hin zum gemeinsamen Leben. Ein wichtiges Buch.

Bettina Stangneth: Böses Denken. Rowohlt Verlag, 254 Seiten, 19,95 Euro.