Der Mehrteiler „Chernobyl“ auf DVD und bei Sky

Der Mehrteiler „Chernobyl“ auf DVD und bei Sky : Der Reaktor strahlt, der Staat bröckelt

Der Mehrteiler „Chernobyl“ zeichnet die russische Reaktorkatastrophe von 1986 nach. Zwar mit kleineren erzählerischen Freiheiten, aber meisterlich und mit Bildern, die einen in den Schlaf verfolgen.

Ein schlechterer Film hätte den Beginn der Katastrophe wohl spektakulärer inzeniert, mit kolossalen Bildern. Die kommen später; doch die verheerende Reaktor-Explosion von Tschernobyl sehen wir erst einmal nur als fernes Aufleuchten, als zartes Glimmen, aus einer Küche heraus. Dann brandet eine Druckwelle ans Fenster, und die Welt ist aus den Fugen – aber die Menschen in Prypjat, der dem Kraftwerk am nächsten gelegenen, vier Kilometer entfernten Stadt, merken das vorerst nicht. Und es sagt ihnen auch niemand.

Der amerikanisch-britische Mehrteiler „Chernobyl“ zeichnet nun die russische Katastrophe vom April 1986 nach; er schildert die Explosion des Reaktors, die Reaktion des russischen Regimes zwischen Unglauben und dem sturen Willen der Vertuschung – und die verweifelten Versuche, noch Schlimmeres zu verhindern. Denn das ist zusätzlich bestürzend an dieser Katastrophe: Sie hätte noch mehr Leben vernichten können, als sie es tat. Geschätzt werden Tausende von Toten, die offizielle Todeszahl der russischen Regierung ist 31.

Funktionär Schtscherbina (Stellan Skarsgard, links) und Wissenschaftler Legasov (Jared Harris). Foto: HBO / Polyband/HBO

Dies alles bricht der Film auf fünf einstündige Episoden herunter, von denen mindestens die ersten beiden schwer zu ertragen sind – mit Bildern, von denen man weiß, dass man ihretwegen Albträume haben wird. Blankes Entsetzen im Kontrollraum, Menschen, die durch zerstörte Gänge irren – und ein loderndes Höllenfeuer, das die Arbeiter mit einer Dosis tödlicher Strahlung übergießt. Langsam wird die Struktur ihrer Körper in sich zusammenfallen.

Da gelingen dem Film von Craig Mazin (Buch) und Johan Renck (Regie) beklemmende Bilder eines Chaos, in das Tage später zwei Männer zumindest die Ahnung einer Ordnung hineinzubringen versuchen: der Atomwissenschaftler Valery Legasov (Jared Harris) und Politfunktionär Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgard), die sich anfangs herzlich misstrauen: Der Politiker hält die finsteren Prognosen des Wissenschaftlers für übertrieben; der wiederum fürchtet die Macht des Politikers, der die Katastrophe im Sinne der Staatsräson erst einmal kleinreden will – denn Katastrophen passieren einfach nicht in der Sowjetunion. Zugleich dämmert dem Funktionär langsam, dass er der Zustände mit Vertuschen und Verschweigen nicht Herr werden kann. Der brennende Reaktor muss gelöscht werden;  Wasser muss im Kraftwerk manuell abgelassen werden, um eine enorme Dampfexplosion zu verhindern; zugleich droht der Kern, sich durch den Betonboden zu fressen und das Grundwasser der ganzen Region zu verseuchen. Material und Menschen müssen herangekarrt werden: Bergmänner aus einer Mine, die sich unter den Reaktor graben und durchaus einschätzen können, dass ihre Arbeit gefährlich ist. Noch gefährlicher ist die Arbeit der 3000 Männer, die strahlenden Graphit-Schutt vom Dach in den Reaktor werfen müssen: Mehr als 90 Sekunden dürfen sie sich der Strahlung nicht aussetzen – was der Film in einer qualvollen, hektischen Sequenz in  Echtzeit schildert.

Überraschend ist, dass der Film bei aller Tragik selten sentimental ist. Ein Erzählstrang handelt vom Feuerwehrmann Vasily aus Prypjat, der zum brennenden Kraftwerk gerufen wird, ohne dass er oder seine Kollegen vor der monströsen Strahlung gewarnt werden. In Minuten ist der dem Tode geweiht. Sein Sterben, das Zerfallen seines Körpers, begleitet von seiner Frau, zeigt „Chernobyl“ mit furchtbaren Bildern.

Zugleich erzählt der Film von der Reaktion des Staates, damals geführt von Michael Gorbatschow: Abwiegeln und vertuschen, die Stadt verspätet evakuieren und Druck ausüben auf Legasov, der dem Grund der Katastrophe immer näher kommt. Dabei  unterstützt ihn eine Wissenschaftlerin (Emily Watson), die (nicht mehr lange) überlebenden Techniker befragt.  Diese Figur ist eine der Freiheiten, die sich „Chernobyl“ nimmt – denn es hat sie nie gegeben, was der Film im Abspann auch einräumt und erklärt, sie solle die Gruppe von Wissenschaftlern symbolisieren, die Legasov mit Recherchen unterstützt haben. Dafür wurde der ansonsten überwiegend hochgelobte HBO/Sky-Mehrteiler kritisiert, auch für die etwas überzogene Zeichnung der Kraftwerksbetreiber als klassische Filmbösewichter – lag der Fehler doch eher im System der kostenbewussten Reaktorbauweise und des staatsüblichen Verschweigens von Risiken als in der Inkompetenz von Wenigen.

Hildur Gudnadottir mit dem TV-Preis „Emmy“ für ihre Musik. Foto: AP/Richard Shotwell

Diese Freiheiten nehmen dem exzellent gespielten „Chernobyl“ nichts von seiner enormen Kraft, die maßgeblich von der Musik unterstützt wird: Die isländische Komponistin Hildur Gudnadottir hat eine höchst unkonventionelle Klanglandschaft entworfen: Am Drehort, dem stillgelegten Kernkraftwerk Ignalina in Litauen, nahm sie Naturgeräusche auf, Windhauch und metallisches Schaben in der alten Anlage – das verzerrte sie per Studiotechnik und  mischte eigenen Gesang dazu. Das Ergebnis ist eine pochende, pulsierende, mal melancholisch fließende, mal aggressiv brummende und knarzende Musik. Sie untermalt die Bilder nicht, sondern verwächst mit ihnen.

Auf DVD und Blu-ray bei Polyband erschienen; „Chernobyl“ läuft auch bei Sky. Die Musik von Hildur Gudnadottir ist bei Deutsche Grammophon erschienen .

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