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Der Lothringer Künstler Baru legt mit dem Comic „Bella Ciao“ einen großen Wurf vor

Der Comicband „Bella Ciao“ von Baru : Der Klang der Felder und der Stahlfabriken

Der mehrfach prämierte Lothringer Künstler Baru erzählt in seinem Comic-Band „Bella Ciao“ von Aus- und Einwanderung, Wehmut und Familie – ein großer Wurf.

Mitten hinein ins Chaos wirft uns Baru zu Beginn: ein Pferd in Panik, die Augen vor Angst weit aufgerissen, ein prügelnder und schießender Mob, Flüchtende, Blut, die Schlachtrufe „Tod den Italienern!“ und „Polentafresser“. Es ist der 17. August 1893: In der südfranzösischen Hafenstadt Aigues-Mortes erhebt sich bei den Salzminen ein Mob arbeitsloser Franzosen gegen italienische Wanderarbeiter, die in den Salinen beschäftigt werden. Zehn Italiener sterben. Erschlagen, erstochen, erschossen. Verurteilt wird keiner der Angreifer

Mit diesem realen Ereignis, gestaltet als nahezu atemlose Sequenz in Schwarzweiß, beginnt „Bella Ciao“, der neue, exzellente Band  des Lothringer Comic-Künstlers Baru (bürgerlich Hervé Barulea). Der spätberufene, vielprämierte Künstler und Autodidakt, 1947 in Thil geboren, erzählt auf 130 Seiten eine Einwanderergeschichte. Barus Vater war ein Italiener, der nach Frankreich ging, seine Mutter Bretonin. Für den Künstler ist „Bella Ciao“, angelegt auf drei Bände, „ein Versuch, die Frage nach dem Preis zu beantworten, den der Fremde bezahlen muss, um in der Gesellschaft aufzugehen, in die er sich integrieren möchte“.

   Der Lothringer Künstler Baru (73), ein spätberufener Autodidakt. Früher war er Sportlehrer.  Foto: Edition 52
Der Lothringer Künstler Baru (73), ein spätberufener Autodidakt. Früher war er Sportlehrer. Foto: Edition 52 Foto: Edition 52

Wirklich autobiografisch sei das nicht, sagt Baru, aber die Basis sei der Gedanke, dass einer der ermordeten Italiener sein Großvater hätte sein können. Episodisch erzählt Baru von den Generationen nach dem Massaker von Aigues-Mortes, wobei er nicht chronologisch vorgeht, sondern eindrückliche Geschichten ausbreitet, die mal mehr, mal weniger miteinander verknüpft sind und oft eine innere Verbindung besitzen: das titelgebende Lied „Bella Ciao“, einst gesungen von italienischen Reispflückerinnen, später von italienischen Antifaschisten – und bei Baru von der Familie Martini, einem roten Faden des Bandes. Die schmettern das Lied im Frankreich der 1960er Jahre bei einer Kommunionfeier, voller Heimweh (und Alkohol), wobei sich einige politische Gräben auftun zwischen Links und Rechts.

Baru erzählt das trickreich: Während er diese Kommunionfeier als Erinnerung der Figur Theo, der damals ein Kind war, zeichnet, lässt er diesen Theo dessen Erinnerungen an spätere Jahre, die späten 1970er, als Text zwischen den einzelnen Bildern erzählen: Zu dieser Zeit muss er die Demontage einer Stahlfabrik überwachen, „in der mein Großvater, mein Onkel und mein Vater ihr Leben verbraucht hatten“. Anders als die trägt er jetzt bei der Arbeit Anzug und Krawatte, wird „Monsieur“ genannt, weiß aber, dass er nun „die Landschaft und die Erinnerung auslöschen“ muss.

Wehmut zieht sich durch diese Episoden, aber auch Schrecken, den Baru humoristisch mildert: Da tauchen schwarzgewandete Italiener in Frankreich bei einer Einwandererfamilie auf, halten eine pathetische (und sehr laute) Rede auf die alte Heimat und den Duce. Letztlich geht es darum, dass der Sohn der Familie zum Militärdienst in der alten Heimat eingezogen werden soll – doch der hat die laute Rede längst bis in sein Zimmer gehört, springt aus dem Fenster und kümmert sich schnellstens um seine Einbürgerung.

 Der Band „Bella Ciao“ erzählt auch von großer Armut und vom Stolz auf das wenige, was man sich leisten kann. 
Der Band „Bella Ciao“ erzählt auch von großer Armut und vom Stolz auf das wenige, was man sich leisten kann.  Foto: Edition 52

Mit solch eindrücklichen Episoden angefüllt ist dieser ambitionierte Band, den Baru wonnig abwechslungsreich gestaltet hat – mit seinen gewohnt typisierten, fast karikaturhaften Gesichtern, mit Textpassagen, die er  mit Aquarell-Porträts illustriert, mit einer eigenen Fassung des Filmplakats zum Italo-Klassiker „Bitterer Reis“. Baru ist auch vertreten, als er selbst, in skizzenhaften Szenen, und grübelt über die Arbeit an diesem Band nach, bei der er sich trotz des Realitätsbezugs auch das Recht zum Dichten herausnimmt: „Ich bin Geschichtenerzähler“, sagt er da, „also ein professioneller Lügner“.  

Baru: Bella Ciao (Uno). Edition 52,
130 Seiten, 20 Euro. www.edition52.de