Der Held so vieler Kindheiten

Der Held so vieler Kindheiten

„Grazie“, danke, soll laut Bud Spencers Familie sein letztes Wort gewesen sein. Im Alter von 86 Jahren ist er nun in Rom gestorben. „Danke“ sagen wird auch fast jeder, der in den 1970er Jahren jugendlicher Kinogänger war. Denn Spencers Filme, meist im Duo mit Terence Hill, boten derbe Sprüche, knallige Kinnhaken und scheppernde Kopfnüsse. Genuss ohne Reue aus einer anderen Kino-Ära. Ein nostalgischer Blick zurück.

Ach, schöne, unschuldige Zeiten waren das: Sonntagmittag, 70er Jahre, 16 Uhr. Jugendvorstellung im Kino um die Ecke, ob nun das St. Wendeler Central Theater, die Mettlacher Turmlichtspiele oder ein anderes seliges Filmtheater der Kindheit. Hier trampelte entweder Godzilla durchs Parkett - oder Bud Spencer verteilte großflächig Backpfeifen, deren Klatschen bis ans Kino-Ende schallte, das damals "Sperrsitz" hieß und eine Mark mehr Eintritt kostete. Für heranwachsende Jungs - Mädchen verirrten sich seltener in einen Bud-Spencer-Film - war Carlo Pedersoli, wie der Mann aus Neapel bürgerlich hieß, ein Vorbild in aktiver Lebensführung. Probleme wurden einfach weggeklatscht, bevorzugt in klassischer Dreier-Kombination: eine Backpfeife von links, eine von rechts, und dann die Faust von oben auf den Kopf - worauf das Opfer/der Stuntman spontan mit einem Salto reagierte. "Sie nannten ihn Mücke", "Plattfuß räumt auf", "Hector, der Ritter ohne Furcht und Tadel" - die Titel waren Programm, die Handlungen ziemlich unwichtig. Genau wie bei den Filmen, die Spencer, im früheren Leben olympischer Schwimmer, Schlagerkomponist und Jurist, mit seinem Partner Terence Hill drehte. "Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle", "Vier Fäuste für ein Hallelujah", "Zwei wie Pech und Schwefel" - diese Filme stürzten Pädagogen und Filmkritiker ob ihres tiefergelegten Prügelhumors in Verzweiflung. Spencer und Hill (eigentlich Mario Girotti) gehörten in den 70ern zur Lebenswelt von Jungs wie Bonanza-Räder mit wedelndem Fuchsschwanz. Höchstens James Bond kam an ihnen an der Kinokasse vorbei (aber nicht immer), und manchmal der gallische Konkurrent Louis de Funès.

Die Rollen bei Hill und Spencer, der seinen Künstlernamen aus Lieblingsdarsteller Spencer Tracy und Lieblingsbier Budweiser zusammenbastelte, waren die Rollen klar: Hill als schlauer Hallodri, Spencer als grummeliger Riese mit weichem Kern und einer harten Rechten. Ein beim Bohnen-Essen schmatzender, aber integrer Beschützer in einem naiven Kino der Unschuld, aller Prügelei zum Trotz. Im Duo waren Spencer/Hill am erfolgreichsten, aber auch Spencers Solo-Filme füllten meist die Kinos - vor allem, wenn er "Plattfuß" spielte, einen Kommisssar aus Neapel. Sein vielleicht schönstes Solo ist "Sie nannten ihn Mücke" von 1978: Da spielt er einen Ex-Footballprofi, der eine Truppe von Kleinkriminellen zu einer Mannschaft formt - ein Film mit herrlichen Kloppereien und einem etwas melancholischen Mentor Bud Spencer.

Dass er kein Schauspieler im strengen Sinne war und sein Rollenspektrum begrenzt, hat er nie bestritten - dementsprechen war filmisch irgendwann alles gesagt, die Filme ähnelten sich zunehmend, und so lief der letzte Spencer-Hill-Film "Die Troublemaker" 1994 in halbleeren Kinos. Spencer hatte auch so genug zu tun, er gründete eine Fluglinie, kandidierte erfolglos für die Berlusconi-Partei, meldete Erfindungen für Patente an (etwa eine Zahnbürste mit integrierter Zahnpasta) und wurde Bestseller-Autor: Seine Autobiografie verkaufte sich in Deutschland weit über 100 000 Mal. Auf Werbetour dafür begegnete Spencer vielen alten Fans, die nun schon mit ihren Kindern zum Helden ihrer Jugend pilgerten. Das Central Theater und die Mettlacher Turmlichtspiele mag es nicht mehr geben - aber vielleicht eine neue Generation von Bud-Spencer-Fans, die eine heile Welt der Kopfnüsse für die Bösen (und oft Bohnen für die Guten) lieben gelernt haben.