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Musical-Projekt: Der Führer als Tunte in Neunkirchen

Musical-Projekt : Der Führer als Tunte in Neunkirchen

Selten so amüsiert: In der Neunkircher Gebläsehalle läuft „The Producers“, ein parodistisches Meisterwerk ums Showbusiness von Mel Brooks. 50 Amateure zeigen ihr Können.

Es war ein riskanter Stepp-Schritt, den die Neunkircher in diesem Sommer wagten. Kamen in der „Musicalstadt“ bisher nur selbst entwickelte Stücke auf die Bühne, „Stumm“ etwa oder „Merlin“, nahmen sich die Amateure, die man nach 15 Jahren gar nicht mehr so nennen mag, erstmals ein Musical vor, dessen Bühnentauglichkeit bereits getestet ist, ja das in USA sogar ganz weit oben auf der Liste der erfolgreichsten Musicals steht: „The Producers“ von Mel Brooks (2001).

In Deutschland hat die geistreiche Showbiz-Gaunerklamotte überraschenderweise keinen Erfolgs-Dauerlauf durch die Theater geschafft. Dabei sind hier alle Voraussetzungen für beste Unterhaltung gegeben. Allem voran hat Brooks für seine zynische Satire auf das skrupellose Broadway-Business Dialoge und Songs geliefert, die vor virtuosem Sprachwitz bersten. Auch eine altmodisch anmutende Musik, die furios alle nur denklichen Stile und Sounds zwischen Bigband, Klezmer, Jazz und Ginger-Rogers-Schlager aufruft. Und dann ist da noch die Story über den irren Plan, mit einem vorsätzlich hergestellten größtmöglichen Bühnenflop reich zu werden, in der auch noch eine Herzschmerzgeschichte über wahre Männerfreundschaft Platz findet.

Die vor allem aber mit einem grotesk überzeichneten Figurenpersonal die primitivsten Klischees bedient: Man lacht über jüdische Geschäftemacher, in sich selbst verknallte Schwule, nymphomanische Weiber, jodelnde bayrische Altnazis. Und dass man dies in Neunkirchen kann, dass die bis zur Peinlichkeit aufgeblasene Mel-Brooks-Komik überhaupt zündet, ist keine Selbstverständlichkeit. Das Amüsement ist Verdienst einer uneitlen, umsichtigen Regie (Matthias Stockinger) und einer eben solchen choreographischen Einstudierung (Ellen Kärcher), denn in Neunkirchen geht man mit Zusatzgags und Eigenwilligkeiten dezent um, findet zu einem eigenen Schmiss. Sicher, die kleine Band unter der Leitung von Francesco Cottone bringt keine Klanglawine ins Rollen, und die Neunkircher Showmaschine, die 50 Darsteller auf der Bühne beschäftigen muss, läuft nicht mit perfektem Turbotempo. Trotzdem entwickeln die Revueszenen und Chorus-Line-Nummern Drive und Glamour, und der Rollator-Stepp der Greisinnen hat eine staunenswerte Präzision.

„The Producers“ spielt in einer klug reduzierten „Alles-nur-Theater“-Kulisse, die einem aufgeklappten New-York-Reiseführer ähnelt, dessen Seiten auf offener Bühne umgeklappt werden. Darauf werden Broadwaytheater-Fassaden oder Skyline-Ansichten projiziert. Haupt-Tatort ist jedoch Max Bialystocks Büro. Der zum Finanzzwerg geschrumpfte „King of Show and Swing“ überredet Investoren zur Produktion des krottenschlechten Musicals „Frühling für Hilter. Ein Tag mit Adolf und Eva in Berchtesgarden“, um am Misserfolg zu verdienen. Doch weil die Produktion sensationell ankommt, landet Bialystock als Betrüger im Knast.

Die Neunkircher hatten ein glückliches Händchen mit der Besetzung aller Hauptfiguren, die alle Register komödiantischer Überzeichnung ziehen dürfen. Markus Müller gibt dem gewissenlosen Egomanen und alternden Lüstling Bialystock die glaubhaft bullige Statur, legt eine mitreißende „Geile-Affen“-Nummer hin, rührt mit seinem von wütender Enttäuschung durchglühten „Verrat“-Song. Ihm zur Seite: Nicolas Schneider, der selten hysterisch in sein Schmuseläppchen beißt und in jeder Beziehung das „süße Hackfleischbällchen“ ist, das Sekretärin Ulla in ihm sieht. Laura Birke zwitschert ihren Sprachfehler ganz wundervoll heraus, gibt die schwedische Unschuld vom Lande, nicht die übliche steile Sexbombe. Diese Rolle ist ja auch bereits vergeben, an Philipp Schwindling, dem eine atemberaubende Karikatur einer Schwulen-Diva samt Hitler-Parodie gelingt.

Dafür gab es Szenenapplaus, ebenso für Frank Müller als Bayerndepp und NS-Nostalgiker. Seine Auftritte heizten die Stimmung der Zuschauer auf, mehrheitlich Stammkunden des „soziokulturellen Musicalprojekts“. Das ist ein sperriger Begriff für eine extrem große Menge an Zusammengehörigkeitsgefühl unter 100 Leuten, die auf und hinter der Bühne mitarbeiten. Dieses „perfekte“ Stück ist für sie zum Trampolin geworden, um nochmal abzuheben.

 Markus Müller als Gauner im Showgeschäft fährt hier eine der Greisinnen (Linda Panter) auf dem Rollator spazieren.
Markus Müller als Gauner im Showgeschäft fährt hier eine der Greisinnen (Linda Panter) auf dem Rollator spazieren. Foto: Jörg Jacobi

„The Producers“ läuft bis 20 August. Karten gibt es unter: www.geblaesehalle-neunkirchen.de