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Kino: Der Erforscher der Vernichtung

Kino : Der Erforscher der Vernichtung

Seine Dokumentation „Shoah“ ist ein Meisterwerk der Erinnerungskultur. Regisseur Claude Lanzmann setzte damit den ermordeten Juden ein Denkmal. Gestern ist der Filmemacher im Alter von 92 Jahren gestorben.

()„Ich liebe das Leben wie verrückt – auch wenn es nicht immer schön ist.“ Selbst im hohen Alter hat Claude Lanzmann seinen unbändigen Lebenswillen bekundet. Gestern ist der französische Regisseur im Alter von 92 Jahren in Paris gestorben. „Mit ihm ist eine der wichtigsten Stimmen des Holocaustgedenkens für immer verstummt“, erklärte die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, in München.

Claude Lanzmann und der Film „Shoah“: Das denkt sich immer zusammen. Die neunstündige Dokumentation, in der der Regisseur 1985 die versuchte Vernichtung der europäischen Juden durch die Befragung von Opfern und Tätern rekonstruierte, hat ihn weltberühmt gemacht.

Als Nachkomme osteuropäischer Juden wächst Lanzmann in Paris und der Auvergne auf. Als 17-Jähriger wird er Mitglied der Resistance. Doch schon 1948 beginnt er ein Philosophiestudium ausgerechnet in Tübingen und arbeitet als Lektor an der Freien Universität Berlin.

Zurück in Frankreich, schreibt Lanzmann für Mode-Zeitschriften wie „Elle“ oder den „France Observateur“ und „L‘Express“. Er reist nach China und Korea und engagiert sich gegen den Algerienkrieg. Eine Artikelserie über die DDR, die er 1949 bereist, weckt die Aufmerksamkeit des Philosophen Jean-Paul Sartre. Dessen „Betrachtungen zur Judenfrage“ sensibilisieren Lanzmann für seine kulturellen Wurzeln.

Der Lebemann wird Teil des Freundeskreises um Sartre und Simone de Beauvoir. Mit ihr unterhält er ab 1952 eine mehrjährige Liebesbeziehung. Er arbeitet auch an der von Sartre und Beauvoir gegründeten Zeitschrift „Les Temps modernes“ mit und wird später Mitherausgeber. Spätestens seit dem Sechstagekrieg 1967 wird Israel zum Lebensthema. Mehrere Reisen finden in einer fast tausendseitigen Sonderausgabe der „Temps Modernes“ ihren Niederschlag. Der Film „Warum Israel“ erscheint 1973. Er besteht ausschließlich aus Interviews, die in mehr als drei Stunden ein differenziertes Bild der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft zeichnen. Die israelische Regierung wird auf ihn aufmerksam und schlägt ihm ein Projekt über die Shoah vor.

„Ich prüfte und fragte mich, was ich über die Shoah wusste. Gar nichts in Wahrheit, mein Wissen war gleich null“, beschrieb er sein Zögern. Dennoch sagte er zu und stürzte sich in die Lektüre von Raul Hilbergs Studie „Vernichtung der europäischen Juden“ sowie der Akten des Frankfurter Treblinka-Prozesses.

Die Gespräche mit Historikern und Zeitzeugen förderten zwar Berge grauenhafter Details zutage, sparten aber etwas Entscheidendes aus: den Tod in den Gaskammern. „An dem Tag, an dem ich das begriff, wusste ich, dass das Thema des Films der Tod sein würde, der Tod und nicht das Überleben“. Er fing an, nach Überlebenden der Sonderkommandos zu suchen, die in den Vernichtungslagern Chelmno, Treblinka, Belzec und Auschwitz-Birkenau zur Arbeit in den Gaskammern gezwungen worden waren. In seinen Erinnerungen beschreibt Lanzmann den Schock, als er am Rangierbahnhof von Treblinka auf einen langen Konvoi von Güterwaggons stieß: Gegenwart und Vergangenheit flossen zusammen.

Die Arbeiten an „Shoah“ dauerten zwölf Jahre; allein der Schnitt des 350 Stunden umfassenden Materials benötigte fünf Jahre. Der Film endet mit der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto im Mai 1943. Darin klingt bereits an, was Lanzmann seitdem beschäftigte: Warum gingen die europäischen Juden ohne großen Widerstand in den Tod? Seine Antwort: „Die Shoah war das Massaker an wehrlosen Menschen, die zweitausend Jahre lang vergessen hatten, wie man sich verteidigt.“ Das mündete in einen weiteren Film mit dem Titel „Tsahal“ (1994) – ein Film über Waffen, Panzer und über die „Wiederaneignung militärischer Gewalt“, für dessen scheinbar zionistische Perspektive Lanzmann heftig kritisiert wurde.

Auch der 2001 veröffentlichte Film „Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ über den Aufstand in Sobibor, der aus dem nicht verwendeten Filmmaterial von „Shoah“ entstand, unterstreicht das ungebrochene Interesse des Regisseurs an Fragen des Widerstands. In Erinnerung bleiben wird allerdings vor allem „Shoah“ – als Denkmal für die ermordeten Juden.

„Shoah“ läuft morgen ab 20.50 Uhr bei Arte. Seine Reihe „Vier Schwestern“ mit vier Gesprächen, die er ursprünglich für „Shoah“ drehte, sind online: www.arte.tv