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„Der empfindsame Titan“ von Christine Eichel

Aufschlussreiche Beethoven-Biografie : „Ich glaube an Gott und an Beethoven“

Beethovens 250. Geburtstag schlägt sich auch auf dem Buchmarkt nieder. „Der empfindsame Titan“ nennt Christine Eichel ihre Biografie, in der sie sein Werk mit dem nicht immer einfachen Privatleben verbindet.

Hermann der Cherusker, Friedrich der Große und Ludwig van Beethoven gehören wohl in eine Reihe, wenn von „deutschen Heroen“ gesprochen wird. Und selbst Richard Wagner bekannte neidlos: „Ich glaube an Gott und an Beethoven“. Wagner schrieb sogar eine Novelle über „Eine Pilgerfahrt zu Beethoven“. Der 250. Geburtstag (genau genommen das Taufdatum 17. Dezember) des Komponisten der „Schicksalssymphonie“ und der nicht weniger legendären 9. Symphonie mit Schillers „Ode an die Freude“, der heutigen Europahymne, schlägt sich natürlich auch auf dem Buchmarkt nieder. Die Autorin Christine Eichel beleuchtet in ihrer Biografie „Der empfindsame Titan“ Beethoven „im Spiegel seiner wichtigsten Werke“ und spart auch das schwierige und turbulente Privatleben des Komponisten nicht aus.

Das Buch ist mit großer Sachkenntnis, unterhaltsam geschrieben und mit Anekdoten gespickt. Manchmal neigt die Literatur- und Musikwissenschaftlerin dazu, zuviel zu psychologisieren, und kommt auch nicht ohne Pathos oder Stereotypen aus, wenn Beethoven zum Beispiel „den Kelch des bitteren Leidens in seiner Musik ausgeleert“ habe.

Aber Eichel beschreibt kenntnisreich und lebendig das wechselhafte und turbulente Leben dieser außergewöhnlichen Künstlerexistenz (1770-1827) zwischen Niederlagen und Triumphen, Krankheiten und ständigen Geldnöten – dennoch starb Beethoven äußerst wohlhabend. Es war das Leben eines ewigen Singles mit Trunksucht und glücklosen Liebesaffären, vermutlich mit einem unehelichen Kind, annähernd 70 Wohnungswechseln und auch „emotionaler Unbehaustheit“; seine zunehmende Taubheit begann schon mit Ende 20 und trieb ihn in Depressionen; Betthoven hatte ruppige Umgangsformen, einen skurrilen Humor und vernachlässigte sein Äußeres.

Der Vater wollte aus Ludwig ein „Wunderkind à la Mozart“ machen, der damals für Furore sorgte. Beethoven wird lebenslang eine Abneigung gegen kindliche Virtuosen haben, betont die Autorin. Aber schon als Heranwachsender wird er immerhin der zweite Bonner Hoforganist, mit Anfang 20 wechselt er zur großen Karriere nach Wien. Dort bleibt Beethoven der offizielle Titel eines „Kaiserlichen Kapellmeisters“ zwar versagt, doch er hat großzügige fürstliche Gönner und Förderer. Aber der Komponist und virtuose Pianist entwickelt auch ein cleveres Vermarktungsgeschick in der Zusammenarbeit mit rund 40 Musikverlagen und mit eigenen Konzerten angesichts einer Branche, die noch kein Urheberrecht kennt. Im 20. Jahrhundert schließlich sollten Beethovens Instrumentalwerke, wie im Buch hervorgehoben wird, sogar in über 1200 Filmen als Klangkulisse dienen.

Ausführlich geht die Autorin auch auf die Uraufführungs- und Rezeptionsgeschichte der verschiedenen Werke ein, vor allem der 5. und 9. Symphonie. Von einem „komponierten Aufbegehren“ ist bei der so genannten „Schicksalssymphonie“, der 5., die Rede, sei es gegen die Ungerechtigkeit in Politik und Gesellschaft (Beethoven wurde zunehmend politischer) oder gegen die persönlichen Schicksalsschläge. Die 9. Symphonie schließlich, die bei der Uraufführung 1824, drei Jahre vor Beethovens Tod, vom Publikum stürmisch umjubelt und von einigen Kritikern noch skeptisch gesehen wurde, sollte eine ungeahnte musikalische und politische „Karriere“ vor allem im 20. Jahrhundert hinlegen. Beethoven überlegte auch, sie in Berlin uraufzuführen (wo heute auch die Notenhandschrift liegt), was aber wohl mehr als Drohung gegen die Wiener Verhältnisse gedacht war, wo der Komponist sich nicht mehr genügend gewürdigt sah.

Die 9. Symphonie erwies sich, wie die Autorin schreibt, als die „eigentliche Schicksalssymphonie der Deutschen“, die sich aber auch international als „kompatibel“ erwies, allerdings auch für alle Staatssysteme brauchbar oder „missbrauchbar“, von Hitler bis zur DDR und der Bundesrepublik und der Europäischen Union, deren offizielle Hymne die Instrumentalfassung der „Ode an die Freude“ heute ist.

Für die Nationalsozialisten war Beethoven und speziell „die Neunte“ die „Speerspitze“ der „wahren“ deutschen Musik, obwohl der Wagner-Anhänger und Bayreuth-Pilger Hitler Beethoven eigentlich nicht besonders mochte. Nichtsdestotrotz spielten die Berliner Philharmoniker mit Wilhelm Furtwängler die Neunte auch mal zum „Führer-Geburtstag“ – mitten im Krieg. Und Furtwängler dirigierte die Neunte auch zur Wiedereröffnung der Richard-Wagner-Festspiele 1951 in Bayreuth, die jetzt das Motto ausgaben „Hier gilt‘s der Kunst!“

Aber auch die Kommunisten vereinnahmen die Neunte für sich, der Komponist Hanns Eisler sah sie 1927 in der „Roten Fahne“ als „Versprechen auf den Sieg der Arbeiterbewegung“. Der Autorin zufolge wollten Experten später in der von Eisler komponierten DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ auch Anklänge an die 9. Symphonie heraushören. Den Fall der Berliner Mauer feierte der amerikanische Dirigent Leonard Bernstein Weihnachten 1989 in beiden Teilen Berlins mit der 9. Symphonie und der abgewandelten Chorzeile „Freiheit schöner Götterfunken“.

Beethoven starb 1827 im Alter von nur 56 Jahren, 20 000 Menschen gaben ihm das letzte Geleit. Der Autor und Dramatiker Franz Grillparzer prophezeite damals, dass Beethoven „von nun an unter den Großen aller Zeiten“ stehe.

Die Beethoven-Biografie Foto: Blessing/Blessing Verlag

Christine Eichel: Der empfindsame Titan – Ludwig van Beethoven im Spiegel seiner wichtigsten Werke. Karl Blessing Verlag, 432 Seiten, 22 Euro.