Der Dreiteiler „Dracula“ läuft bei Netflix

Der BBC-Dreiteiler „Dracula“ bei Netflix : „Man ist, was man isst“

Die Autoren von „Sherlock“ haben sich den Vampir-Mythos und Bram Stokers klassische Romanfigur vorgenommen. Ihr Dreiteiler „Dracula“ ist, trotz kleiner Schwächen, eine Klasse für sich - nicht zuletzt wegen der Darsteller.

So viele Zähne, so viel Gesauge. Nicht nur persönlich, auch filmisch ist die Figur Dracula untot: Unzählige Male ließ der transylvanische Aristokrat schon den schweren schwarzen Mantel wehen, bleckte die Zähne, versenkte sie in Hälse und scheute den Anblick eines Kruzifixes wie der Teufel das Weihwasser - ob in den schwarzweißen Klassikern mit Bela Lugosi, in den blutroten Dracula-Farbfilmen der britischen Hammer-Studios mit Christopher Lee (und meist Peter Cushing als Antagonisten) oder in späteren Produktionen zwischen geradezu barocker Inszenierung (Coppolas „Dracula“ von 1992) oder Fantasy-Pomp („Dracula Untold“ von 2014).

Da ist es nachvollziehbar, dass 2019 die Nachricht einer weiteren Adaption von Bram Stokers Roman „Dracula“ den Blutdruck erstmal nicht eben steigen ließ - eher schon die Tatsache, dass die beiden Autoren Steven Moffat und Mark Gatiss heißen; sie hatten mit der Serie „Sherlock“ schon eine andere legendäre Figur der Vergangenheit abgestaubt. Ihr „Dracula“ lief nun an Weihnachten 2019 im englischen TV und ist jetzt bei Netflix zu sehen. Der opulente Dreiteiler (jeweils anderthalb Stunden lang) ist ein enormes Vergnügen, wenn auch vielleicht nicht der ganz große Wurf – denn im letzten Teil verzettelt sich die Dramaturgie ein wenig und steuert hastig ein Finale an, dem man mehr Zeit (und Erklärungen) gewünscht hätte, so dass seine düstere, todesromantische Pracht weniger flüchtig gewirkt hätte.

Auf dem Weg zu seinem Untergang. Jonathan Harker (John Heffernan) vor dem Schloss des Grafen. Foto: Netflix/BBC

Die Autoren Moffat und Gatiss haben Stokers Roman als Basis genutzt, übernehmen die meisten Figuren, ignorieren andere, deuten manche um – das Ergebnis ist eine lebhafte Berg- und Talfahrt, als führe man mit einer Kutsche quer durch Transylvanien: zwischen wohligem Déja-Vu und Überraschungsmomenten, die manchmal ziemlich drastisch ausfallen. Stokers „Dracula“ ist ein Briefroman, da passt es gut, dass die erste Episode ihr Geschehen überwiegend in Rückblenden erzählt: Der britische Anwalt Jonathan Harker ist in einem Kloster in Budapest gestrandet, haarloos, fingernagellos, blutarm, mit verfallendem Körper. Einer resoluten Nonne (mit holländischem Akzent und dem traditionsreichen Namen Van Helsing) erzählt er, was er in dem labyrinthischen Schloss (schön schauriges Setdesign von Arwel Jones) des Grafen Dracula erlebt hat: Albträume, erotische Träume mit seiner Verlobten Mina und dazu die Gegenwart eines Schlossherren, der erst ein Greis mit gurgelndem Osteuropa-Akzent ist, dann aber immer jünger zu werden scheint (sein Englisch wird auch täglich besser), während Harker immer blasser und schwächer wird. Nonne (Dolly Wells) und Zuschauer ahnen es: Der Graf ist ein Vampir (mit buchstäblich einigen Leichen im Keller), und Harker hat seine Begegnung mit ihm zwar er-, aber nicht überlebt; im technischen Sinne ist er längst tot, zugleich aber untot. Gleichzeitig streicht der Graf in Gestalt eines Wolfs um das Kloster herum und möchte eingeladen werden – denn, so besagt der Vampir-Mythos, muss er in Häuser seiner potenziellen Opfer ausdrücklich eingeladen werden, sonst kann er allem Blutdurst zum Trotze die Schwelle nicht übertreten. Dem trickreichen Grafen, der sich vor dem Kloster geburtsgleich nackt und blutig aus dem Wolfskörper herauswindet, gelingt dies im wahnwitzigen und gewalttätigen Finale der ersten Episode dann doch – blanker Horror ist das Ganze, zugleich aber eine tiefschwarze Komödie mit viel Wortwitz, dabei tieftraurig: Auch Kleinkinder werden nicht verschont, und Jonathan Harkers persönliche Geschichte ist in seiner Tragik niederschmetternd (und von John Heffernan exzellent gespielt).

„Demokratie ist die Tyrannei der schlecht Informierten.“

Ein Film über Dracula steht und fällt mit der Besetzung des Grafen. Hier ist sie ein Glücksfall: Der Däne Claes Bang (52) spielt ihn, der mit der Kunstweltsatire „The Square“ bekannt wurde, vorher aber vor allem am Theater seiner Heimat zu sehen war - und auch in deutschen Serien wie „Soko Köln“ in Nebenrollen. Sein Dracula ist so hinreißend wie abstoßend, ein Freund großer Auftritte und etwas zu offensichtlicher Anspielungen auf seine Lebensweise („Man ist, was man isst“, etc.). Charme hat er, wenn er ihn braucht, aber keinerlei Mitgefühl für seine Opfer. „Ich mag Leute“, sagt er zu der Nonne, ebenso seine Gegnerin wie eine Art Vertrauter. Warum er denn dann so viele umbringe, fragt die Nonne. Des Grafen Gegenfrage: „Und warum pflücken Sie Blumen?“. So einfach ist das für ihn, diesen fröhlichen Hedonisten („Zuviel ist gerade mal genug“), der nebenbei andeutet, dass er auch den Tod von Mozart zu verantworten hat und von politischer Mitbestimmung wenig hält: „Demokratie ist die Tyrannei der schlecht Informierten.“

Wehrhafte Nonnen in Budapest. Foto: Netflix/BBC

Ein großer Reiz des Dreiteilers liegt auch darin, wie unterschiedlich die Episoden sind, inszeniert von drei verschiedenen Regisseuren (Jonny Campbell, Damon Thomas, Paul McGuigan). Die erste liegt den klassischen Flmvorläufern noch am nächsten, mit viel Schauerromantik, einer dichten Atmosphäre und einigen drastischen Momenten; Teil zwei erzählt die Überfahrt des Grafen nach London, bei der die Zahl der Mitreisenden zunehmend schwindet. Das wirkt bisweilen wie eine schwarzhumorige Parodie auf ein Agatha-Christie-Stück, wenn ausgerechnet der Graf, der den Passagierschwund zu verantworten hat, in großer Runde Theorien aufstellt, als sei er Meisterdetektiv Hercule Poirot. Das hat ziemlich viel Witz, konterkariert von einiger Tragik und viel Blut. An Episode drei könnten sich am ehesten die Geister scheiden, unternimmt sich doch – SPOILER – einen weiten Zeitsprung in unsere Tage, konfrontiert den Grafen mit moderner Technik wie TV oder Tinder und verschafft ihm erneut eine potente Gegenspielerin. Diese Episode, wie gesagt, verzettelt sich ein wenig mit zu viel neuem Personal - aber ambitioniert ist dieses Finale durchaus und von melancholischer Schönheit.

Dracula (Claes Bang) vor seiner Gothic-Horror-Showtreppe. Foto: Netflix/BBC

Eine schöne Idee ist auch, dass der Vampir sich durch das Blut seiner Opfer auch deren Erinnerungen und Fähigkeiten aneignet, womit sich der Graf auch seine Abscheu vor dem Kruzifix erklärt: Er habe so viele Gläubige ausgesagt, die in der Angst vor dem Kreuz lebten, dass diese Furcht im Laufe der Jahrhunderte auf ihn übergegangen sei. Seine entwaffnend logischer Ratschlag: Am besten beißt man nur noch Atheisten.

Aktuell zu sehen bei Netflix.