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Der Ballettabend "Spiegelungen" hat am Samstag in Saarbrücken Premiere.

Saarländisches Staatstheater : Vom Stoff, aus dem die Liebe ist

Mit einem Bühnenbild von Christian Boltanski und Tanz-Kimonos von Laura Theiss verspricht der zweiteilige Ballettabend „Spiegelungen“ im Staatstheater nicht nur tänzerisch, sondern auch in der Ausstattung interessant zu werden. Am Samstag ist Premiere.

Abgewetzt und zerschlissen ist der zarte Plisseestoff des langen, weiten Kleides, das der SST-Ballettdirektor Stijn Celis und die Modedesignerin Laura Theiss in der Kostümschneiderei des Staatstheaters zeigen. Dieses Kleidungsstück hat in den vergangenen Wochen schon so einiges aushalten müssen. „Es ist ein Probekleid“, erläutert Laura Theiss. Die Homburger Top-Designerin hat die Kostüme für Stijn Celis neues Stück „Shunkin“ entworfen, das am Samstag im Rahmen des zweiteiligen Ballettabends „Spiegelungen“ im Großen Haus in Saarbrücken Premiere hat. Um zwei große Liebesgeschichten wird es gehen, die sich in gewisser Weise ergänzen, sich ineinander spiegeln.

„Shunkin“ spielt in Japan, und Celis lässt seine Tänzer zu zeitgenössischer Musik in Kimonos tanzen – eine große Herausforderung nicht nur für die Tänzer, sondern auch für die Kostümbildnerin, die den traditionellen, eng geschnittenen japanischen Kimono dafür völlig uminterpretiert hat. Für das Stück hat sich Stijn Celis von einer Erzählung des bekannten japanischen Autors Junichirō Tanizaki (1886-1965) inspirieren lassen. Sie handelt von der schönen Shunkin, einer großen Künstlerin auf der japanischen Laute, die im Kindesalter erblindet. Seitdem führt sie ihr Diener Sasuke im wahrsten Sinn des Wortes durchs Leben. Das Abhängigkeitsverhältnis wird über die Jahre zu einem Liebesverhältnis. Als seine Herrin und Geliebte entstellt ein Attentat überlebt, sticht sich Sasuke die Augen aus, macht sich aus Liebe blind.

„Ich wollte diese poetische Geschichte aus einem anderen Kulturkreis erzählen, weil das Thema der aufopfernden, blinden Liebe ein universelles ist“, erklärt Stijn Celis. Gleichzeitig sei „Shunkin“ eine Emanzipationsgeschichte. Der Kimono – wie das Korsett – repräsentiert hier auch die engen gesellschaftlichen Normen, denen vor allem Frauen unterworfen sind. Der Choreograf und die Designerin mussten der ungewöhnlichen Kostüme wegen über Wochen eng zusammen arbeiten. „Ich habe erst einmal einen Kimono zerschnitten, um zu sehen, was ich ändern muss, damit die Tänzer sich bewegen können“, erzählt Laura Theiss, die vor allem für ihre Häkelkleider bekannt ist. Und so fügte sie Schlitze ein, arbeitete mit Plissees, besorgte leichte, fließende Stoffe mit floralen Mustern. Klassische Elemente des Kimonos mit dem Obi (ein breiter gewickelter Gürtel) und dem Kissen am Rücken blieben in abgewandelter Form erhalten. Laura Theiss half ihr Faible für japanische Kultur.

Im Ballettsaal habe sie dann die Kleider auf Stijn Celis’ Choreografie quasi zugeschnitten. Denn der geforderte tänzerische Bewegungsradius passte nicht immer gleich zu dem, was in solchen opulenten Kostümen möglich ist. So tanzen die Geishas beispielsweise mit langen Schleppen. „Das war eine große Herausforderung für die Compagnie“, weiß deren Chef.

Das zweite Stück des Abends, „Verweile doch…“ des dänischen Choreografen Kim Brandstrup, spielt zur Ballettmusik „Dybukk“ von Leonard Bernstein und basiert auf einer jüdischen Legende um unglückliche Liebe, die im Tod endet. Es ist inspiriert von der Choreografie von Jerome Robbins für das New York City Ballett (1974). Der bekannte französische Künstler Christian Boltanski und Lichtdesigner Jean Kalman haben das Bühnenbild entworfen. Gewissermaßen schlägt das Stück damit – allerdings unbeabsichtigt – eine Brücke zum Weltkulturerbe Völklinger Hütte, wo kommende Woche (am 31. Oktober) die Boltanski-Installation zum Gedenken an die Zwangsarbeiter in der Hütte während der Zeit des Nationalsozialismus eingeweiht wird. Bei Boltanski, der gerne als „Erinnerungskünstler“ bezeichnet wird und der sich in seinem Werk mit Tod, Vergänglichkeit und Erinnerung beschäftigt, spielt Kleidung als Metapher eine große Rolle, steckte in ihr doch immer ein Mensch mit seinen ganz individuellen Erfahrungen. Und so finden sich auch in seinem Bühnenbild für das Brand­strup-Stück die für ihn so typischen Kleiderberge wieder.

Premiere ist am Samstag, 19.30 Uhr. Termine im November: 1., 7. und 24. 11. Karten: Tel. (06 81) 30 92 486.
www.staatstheater.saarland