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Der 240 Jahre Alte Friedhof in Saarlouis ist eine Oase der Stille

SERIE DIE FRIEDHOFS-FLANEURIN, TEIL 2 : Mitten in Saarlouis wie aus der Zeit gefallen

Friedhöfe sind Orte der Trauer und der Einkehr, aber auch Orte, an denen sich erstaunlich viel darüber erfahren lässt, wie Menschen einst miteinander umgingen. Und wie wir heute leben. Der 247 Jahre Alte Friedhof in Saarlouis ist eine Oase am Rande einer trubeligen Kreuzung und erzählt viel über die ehemalige Festungsstadt nahe der deutsch-französischen Grenze.

Ein rotes Grablicht steht verloren auf der mit braunem Laub übersäten Wiese. Daneben ein Efeublatt mit einer kleinen weißen Blüte darauf. Ein Grabmal ist nicht mehr zu erkennen. Und doch flackert hier Erinnerung an einen lieben Menschen auf, dessen Grabstein längst abgetragen ist. Der Alte Friedhof in Saarlouis lebt auch von diesen Auslassungen, den Leerstellen, die die Toten hinterlassen haben. Ich bin ganz allein, es regnet und ich verlasse den Weg und stapfe durch die matschige Wiese, darauf bedacht, nicht über Gräber zu laufen, was schier unmöglich ist. 

Wer sich die Zeit nimmt, diesen interessanten Friedhof und seine fast 250 Jahre alte Geschichte zu erkunden, findet ein schmales Stück Land vor, das 1773 ursprünglich als katholischer Friedhof vor den Toren der Festungsstadt Saarlouis als Bestattungsfeld angelegt und bis Anfang des 20. Jahrhunderts mehrmals erweitert wurde. Es dauerte bis 1825, bis auch die evangelischen Bürgerinnen und Bürger der deutsch-französisch geprägten Stadt hier beigesetzt werden durften. Da waren die Franzosen, die die Festung unter Ludwig XIV. 1680 gegründet hatten, als Machthaber längst wieder weg und die Preußen seit mehr als einem Jahrzehnt da.

Es finden sich Soldatengräber aus drei Kriegen: einige wenige aus dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, ein Grabfeld mit Soldaten unterschiedlicher Herkunft aus dem Ersten Weltkrieg und Gräber aus dem Zweiten Weltkrieg. Man liest deutsche und französische Namen, auch einige russische. Vom General über den Offizier bis zum Gefreiten. 1905 kam der israelitische Friedhofsteil hinzu.

Heute liegt der unter Denkmalschutz stehende Friedhof zwischen zwei viel befahrenen Straßen: Am Haupteingang rauscht die Walter-Bloch-Straße vorbei, im Westen trennt die ruhige Gatterstraße das Areal von der ebenfalls geschäftigen Lisdorfer Straße. Die Shell-Tankstelle an der Kreuzung ist in Sichtweite. Im Hintergrund weht die Daimler-Benz-Fahne eines Autohauses. Und als ob das nicht alles schon irritierend genug wäre, hat man auf dem Friedhof meist das Energis-Kundenzentrum im Blick mit seinen hässlichen Transformatoren und Strommasten dahinter, die direkt ans Gelände grenzen. Wer baut so was neben einen Friedhof? Sie gehören ebenso wenig an diesen aus der Zeit gefallenen Ort wie der blaue Fiesta, der keine zwei Meter neben einem Grabmal auf dem ältesten Teil der Anlage parkt - nur durch einen Zaun vom angrenzenden Parkplatz eines mehrstöckigen Hochhauses geschützt. Dessen Bewohnerinnen können vom Balkon aus rund um die Uhr auf die Toten und ihre Besucher blicken. Ja, dieser Friedhof muss sich hier behaupten.

Und doch kann man sich durchaus in die Intimität dieses Ortes mit seinen vielen bemoosten, verwitterten Grabmälern aus mehreren Epochen zurückziehen. Dass er so mitten in der Stadt liegt, macht ihn eben auch zu einem lebendigen Geschichtsort, trotzt er doch auf seine Art der oft kurzlebigen Moderne. Schließlich ist der Tod für die Ewigkeit. Und es scheint, als ließen sich die Gräber nicht aus der Ruhe bringen, auch wenn manch ein Kreuz schief steht, der Boden sich senkt oder die Inschriften kaum noch zu entziffern sind.

Auf mehreren jüdischen Grabmalen liegen Steine – nach uraltem jüdischen Brauch. Ein wunderschönes Art-Deco-Eingangstor an der Gatterstraße verschafft Zutritt zu diesem jüngsten Teil des Friedhofs. Namen wie Wolf und Weil, Solomon, Goldberg oder Marx setzen das Kopfkino mit schrecklichen Bildern des Holocaust in Gang, zumal der in einigen Grabinschriften nicht unerwähnt bleibt. Da ist Rosa Wolf, 1943 in Theresienstadt gestorben. Oder Leo Wollheim, 1942 deportiert. Von Siegfried Goldberg erfährt man, dass er in Dachau eingeäschert wurde. Und auch Karl Marx ist auf dem jüdischen Friedhof begraben. Der Namensvetter des Urvaters der Kommunisten aus Trier war gebürtiger Saarlouiser und starb 1966. Der politische Journalist hatte den Nazi-Terror im Exil überlebt, war danach zurück nach Deutschland gekommen und gründete in Düsseldorf in den 50er Jahren die „Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland“, die sich zu einer renommierten Publikation entwickelte.

„Hier ruht in Gott mein lieber Neger Chim Bebe“. Geschult in der politischen Korrektheit unserer Zeit, zuckt die Flaneurin erstmal zusammen. Dann fragt sie „Siri“ nach ein paar Infos und siehe da: Das Handy spuckt eine kuriose Geschichte aus über die offenbar wertschätzende Beziehung des Saarlouiser Möbelhändlers Koch zu diesem Mann aus der damaligen deutschen Kolonie Togo, der als Kutscher in dessen Haus arbeitete und im Alter von 30 Jahren 1912 fernab seiner Heimat verstarb. Wie er sich gefühlt haben mag in Saarlouis? Gerne erzählt wird auch die Geschichte des kleinen Zirkusjungen Anton Mark, der 1901 in Saarlouis vom Trapez gestürzt war. An seinem Grab hängt eine alte Aufnahme des Jungen.

Der bärtige Chronos als Gott über die Zeit wacht auf einem Grab. Foto: Thomas Reinhardt
Grab des jüdischen Journalisten und Publizisten Karl Marx, der aus Saarlouis stammte. Foto: Thomas Reinhardt

So verlassen der Friedhof an diesem regnerischen Tag scheint – es waren Menschen vor mir da. Auf Chim Bebes Grab steht ein frischer Blumenstock. Hier und da flackern Grablichter. Kleine Engelsfiguren wie man sie im Deko-Laden findet, sitzen auf einigen Gräbern. Auch an Anton Mark denkt man in Saarlouis immer noch. Für den Gefreiten Peter Fleury (gestorben 1944) brennt an diesem Tag ebenfalls ein Licht. Und die wenigen modernen Grabstätten mit ihren stilisierten Gedenksteinen schlagen an diesem historischen Ort die wichtige Brücke zur Gegenwart, in der das personalisierte Grabmal zunehmend dem anonymeren im Friedwald weicht, der dann andere, vielleicht auch weniger Geschichten erzählen wird.