1. Nachrichten
  2. Kultur

„Den Kommunismus neu erfinden“

„Den Kommunismus neu erfinden“

Er gilt als ein „enfant terrible“ unter den Intellektuellen der Welt: Slavoj {Zcaron}i{zcaron}ek, slowenischer Starphilosoph, der einen „neuen Kommunismus“ predigt. In der Flüchtlingsdiskussion macht er sich jetzt stark für eine Behebung der Fluchtursachen an der Wurzel. Er macht den globalen Kapitalismus verantwortlich für die Zustände in der Welt. SZ-Mitarbeiter Harald Loch hat darüber mit Slavoj {Zcaron}i{zcaron}ek gesprochen.

In Ihrem neuen Buch analysieren Sie die "wahren Gründe" für Flucht und Terror und geben ein paar praktische Handreichungen, wie damit aktuell umzugehen ist. Was sind ihre grundsätzlichen Thesen?

{Zcaron}i{zcaron}ek: Wir müssen unterscheiden zwischen dem Chaos , das die Flüchtlingsströme jetzt in dem um seine eigene Identität ringenden Europa auslösen, und dem Chaos , das der globale Kapitalismus in der Welt anrichtet. Es geht nicht, dass Hunderttausende von Flüchtlingen unorganisiert die Durchgangs- und Aufnahmestaaten Europas überfluten. Das wird weder den Fliehenden noch den Einheimischen gerecht. Natürlich müssen wir helfen. Aber wir müssen das organisiert tun. Sonst entsteht nicht die notwendige Akzeptanz. Die größte Gefahr für Europa besteht doch nicht aus den radikalisierten Muslimen, sondern aus den radikalisierten Einheimischen, die die Flüchtlinge abwehren wollen - siehe Frankreich oder Dresden. Bei der Organisation sollte Europa auch das Militär einsetzen. Nicht als Macht gegen einen Feind sondern so, wie es auch bei Naturkatastrophen hilft, wenn die zivilen Stellen des Chaos ' nicht Herr werden.

Was tun wir dann mit den Flüchtlingen, wenn sie "geordnet" bei uns ankommen?

{Zcaron}i{zcaron}ek: Vor allem müssen wir uns von dem linksliberalen "Verstehenwollen" für alles, was da an Neuem und Fremdem kommt, verabschieden. Die "political correctness" hilft nicht weiter. Wir sollten ein konstruktives Desinteresse füreinander entwickeln, das Andere der zu uns kommenden Lebensgewohnheiten respektieren, Assimilation nicht als Ziel ausgeben. Europa sollte selbstbewusst seine eigenen Errungenschaften vertreten: individuelle Freiheitsrechte, Sicherung der elementaren Lebensumstände, Gewaltmonopol des Staates und vor allem die Rechte der Frauen. Daran müssen sich Flüchtlinge halten, weil wir das, was hier oft unter Schmerzen erkämpft worden ist, nicht preisgeben sollten. Konkret: Wenn eine Muslima die Bourka tragen will, sollten wir das akzeptieren. Wenn sie es gegen den Willen ihrer Familie nicht will, sollten wir sie mit unseren Mitteln schützen und ihr das ermöglichen.

Auf lange Sicht ist das "Desinteresse" keine Lösung des Problems. Wo sehen Sie die Ursachen für die Flüchtlingsströme ?

{Zcaron}i{zcaron}ek: Das "Desinteresse" hilft beim nachbarschaftlichen Zusammenleben, wir ertragen dann einander besser. Aber es gibt gemeinsame Interessen, zu deren Durchsetzung sich die Armen in den reichen Ländern und die armen Völker zusammenschließen sollten.

Sie haben einmal gesagt, dass die Zweiparteiensysteme in Europa den notwendigen dialektischen Prozess nicht vorantreiben. Wie meinen Sie das?

{Zcaron}i{zcaron}ek: Nehmen Sie doch das Beispiel Deutschland: Die politischen Kernaussagen von CDU/CSU und SPD kann man kaum unterscheiden. Alternativen sind es jedenfalls nicht. Die neue Polarisierung verläuft in anderen Bahnen: Die "Parteien der Mitte" bilden einen Block - die extreme Rechte mit einem gehörigen Anteil sozialer Forderungen den Gegenblock. So war es in Frankreich, als im zweiten Gang zu den Regionalwahlen die Sozialisten ihre aussichtlosen Kandidaten zu Gunsten von Sarkozy zurückgezogen haben. Das war taktisch richtig und zeigt zugleich die neue Polarisierung: Die Parteien der republikanischen Werte gegen die Antirepublikaner. Es wird eine Aufgabe sein, den armen Leuten, die dem FN ihre Stimme gegeben haben, klarzumachen, dass sie die gleichen Interessen haben wie die armen Völker. Dazu müssen beide erkennen, wer ihr Gegner in diesem Klassenkampf ist.

Wie soll das funktionieren?

{Zcaron}i{zcaron}ek: Der einzige Weg, um den Teufelskreis des globalen Kapitalismus wirksam zu durchbrechen besteht in der Entmachtung einer sich selbst regulierenden Wirtschaft. Die Sackgassen des globalen Kapitalismus werden immer offensichtlicher. Die Flüchtlinge sind jetzt der Preis der globalen Wirtschaft. Also ist die dringendste Aufgabe ein radikaler ökonomischer Wandel, der die Verhältnisse abschaffen sollte, die zu Flüchtlingsströmen führen. Die Hauptursache für Flucht liegt im globalen Kapitalismus und seinen geopolitischen Spielen selbst. Wenn wir ihn nicht radikal ändern, werden sich zu den afrikanischen Flüchtlingen bald welche aus Griechenland und anderen europäischen Ländern gesellen. In meiner Jugend nannte man solch einen organisierten Versuch, das Gemeingut zu regulieren, Kommunismus . Vielleicht sollten wir ihn neu erfinden.

Muss man nicht nach Antagonismen suchen, die diese neue "kommunistische Idee" zu einer Dringlichkeit machen?

{Zcaron}i{zcaron}ek: Vier liegen auf der Hand: die ökologische Katastrophe, die Unangemessenheit des Privateigentums für das sogenannte geistige Eigentum, die neueste technologisch-wissenschaftliche Entwicklung vor allem im Bereich der Biotechnologie und die neuen Formen der Apartheid durch neue Mauern und Slums.

Slavoj {Zcaron}i{zcaron}ek: Ärger im Paradies - Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus . S.Fischer, 368 S., 24,99 Euro.