Das Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache (ZDL) modifiziert die Sprachpflege

Digitale Lexika : Das digitale Bett, in dem die Wörter ruhen

Die Zeit des gedruckten Lexikons geht zuende – das Zentrum für digitale Lexikographie arbeitet an seinem Nachfolger.

Goethe hat noch „weiland“ gesagt. Das Wort ist nahezu ausgestorben, es wurde ersetzt durch „früher einmal“. Die Menschen des 19. Jahrhunderts sagten „sintemal“, das wurde mittlerweile auf „zumal“ geschrumpft. Jede Menschheitsepoche hat ihre Begriffe, geht die Epoche zu Ende, verschwinden einst genutzte Wörter. Und werden durch andere ersetzt.

„Liken“ zum Beispiel: Menschen, die soziale Medien nutzen, „liken“. Der Begriff stammt vom englischen „to like“, was „mögen“ bedeutet. Hier aber hat er eine ganz andere Bedeutung, nämlich „anklicken“. Der Begriff ist spezifiziert worden und benennt den Vorgang, dass jemand im Netz einen Button anklickt, weil ihm der Inhalt gefällt. Das hätte sich Goethe in seiner Zeit nicht mal vorstellen können.

Damit und mit vielen anderen Begriffen wächst die deutsche Sprache immens schnell. „Wir können sagen, dass der deutsche Wortschatz in den letzten hundert Jahren ungefähr um 30 Prozent größer geworden ist“, sagt Sprachforscher Wolfgang Klein, der bis 2015 Professor für Sprachwissenschaft am Max-Planck-Institut für Sprachwissenschaft im niederländischen Nijmegen war. „Das entspricht mindestens einer Million neuer Wörter.“

Klein leitet nun ein anderes Projekt, es wird finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. In Berlin hat Anfang des Jahres ein Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache (ZDL) seine Arbeit begonnen, eine ganz neue Institution unserer Sprachpflege. Die Wissenschaftsakademien in Berlin, Leipzig, Göttingen und Mainz sind beteiligt; kooperiert wird auch mit dem Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim (IDS). Geschaffen wird ein digitales Informationszentrum, das den gesamten Wortschatz deutscher Sprache in Geschichte und Gegenwart erfassen und umfangreich dokumentieren wird. Über das Internet ist es für alle Interessenten frei und kostenlos zugänglich, zudem nutzergerecht gestaltet. Schwerpunkt der begonnenen achtjährigen Aufbauphase ist die deutsche Wortsammlung von etwa 1650 an bis in unsere Gegenwart. Ein solches Mammutprojekt hat es noch nie gegeben. Es gilt als Teil der „Vergegenwärtigung des kulturellen Welterbes“.

Die Basis des Projekts ist das bereits existierende „Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache“ (DWDS), das rund 40 000 Nutzer hat. Vor allem Deutschlehrer in aller Welt und im Heimatland, Übersetzer und Journalisten rufen es pro Monat vier Millionen Mal auf. Der Eindruck, dass die deutsche Sprache verarme und immer mehr Anglizismen sie verdrängen, entspricht nicht der Wirklichkeit. „Wir versuchen, schrittweise so viele Wörter wie möglich unter all jenen zu erfassen, die in unseren Daten – den Korpora – vorkommen“, hat Wolfgang Klein der „Berliner Zeitung“ erklärt. Gesucht und gefunden werden Wörter in literarischen Texten, Zeitungen, aber auch Gebrauchstexten wie Rezepten und Kochbüchern. Vor allem Zeitungsartikel werden ausgewertet, sie bilden am meisten die Gegenwartssprache ab.

„Wir orientieren uns vor allem an Häufigkeit und Streuung eines Wortes über verschiedene Textsorten“, so Klein. „Sind beide hoch, legen wir einen Vollartikel an, der Informationen zu Bedeutung, Schreibweise, Aussprache, Grammatik, Wortbildung, Herkunft und so weiter enthält.“ Nutzer können Vorschläge einbringen. Klein: „So kann auch jeder selber zum Sprachforscher werden.“

Die Deutschen haben seit Jahrhunderten eine reiche Tradition der Wörterbucharbeit. Sie wird nun im digitalen, ständig bearbeiteten und für alle zugänglichen digitalen Lexikon erfasst. Dabei werden auch Besonderheiten deutscher Sprachweisen berücksichtigt. Zum Beispiel Texte aus der Zeit des Nationalsozialismus oder des Realsozialismus in der DDR. Da geht es um ideologisierte Begriffe wie „Mischvolk“, „Endlösung“, „Überfremdung“ oder „Arbeiterklasse“.

Der Tod der klassischen Lexika in gedruckter Form hat schon vor gut einem Jahrzehnt auf größerer Front eingesetzt. Ihr Absatzmarkt ist völlig eingebrochen. Lexika in Papierform sind für die Verlage zu einem unrentablen Geschäft geworden. Als 2014 der letzte druckfrische Brockhaus erschien, ging damit eine jahrhundertalte Ära der materialisierten Wissenssammlung zuende. Leute, die sich heute noch regalmeterweise phantastische Nachschlagewerke wie etwa das 18-bändige Kindler-Literaturlexikon anschaffen, sind rar geworden. Seit 2011 erscheint etwa auch das „Große Wörterbuch der deutschen Sprache“ aus dem Duden-Verlag nur noch in digitaler Form. Vorbei ist vorbei. Die Zeit der Lexika zurückdrehen, das können heute nur noch Bibliophile.

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