Das Stück "Philipp Lahm" hat Premiere in Saarbrücken.

Theater in Saarbrückens Sparte 4 : Wie lahm lahmt Lahm?

Das Stück „Philipp Lahm“ hat am Freitag Premiere in Saarbrücken – ist der Fußballer wirklich so bodenlos langweilig, wie manche meinen?

Langeweile ist vielfältig. Für Goethe ist sie „die Mutter der Musen“. Für Voltaire „unser größter Feind“. Man kann sich bei etwas langweilen, man kann sich einfach nur so langweilen – und man kann von einem gelangweilt sein.

Womit wir bei Philipp Lahm wären. Für Michel Decar der perfekte Langweiler. Der 31-jährige Augsburger ist Autor des Bühnenstücks, das ab Freitag in der Saarbrücker Sparte 4 zu sehen ist. „Philipp Lahm“ heißt es. „Es geht darum, den Nicht-Skandal zu ertragen“, verrät Decar. Er habe sich lange mit Lahm beschäftigt, heißt es in der Pressemitteilung des Theaters. Im Auftrag des indonesischen Kultusministeriums. Ein Drehbuch für einen Film über Lahm sollte Decar für die Asiaten schreiben. Doch der Autor habe an Lahm einfach nichts Skandalöses finden können. Keine Widersprüche. Nix. Der Ex-Fußballer sei, „wahrscheinlich der anständigste Mann, den der Bund deutscher Nationen in seiner tausendjährigen Geschichte jemals hervorgebracht hat.“ Ohne Konflike, keine Kunst, kein Drehbuch.

Das nervt Decar. Lahms Langeweile lässt ihn nicht los. Also schreibt er ein Theaterstück. Eines ohne Konflikte, Kämpfe und Konfrontationen. 72 Szenen. Also doch irgendwie ein Drehbuch. Auf der Bühne umgesetzt. Kein Drama, kein Spannungsbogen, keine Fallhöhe. Lahm als Gegenentwurf zu den „konfliktgeilen Helden“ der Dramen von Shakespeare und Konsorten. Decar zeigt „Lahm“ (in Saarbrücken gespielt von Thorsten Loeb) alleine auf der Bühne. Bei Alltagstätigkeiten wie Nägelschneiden oder Fernsehen. Lahm wird immer glücklicher. 90 Minuten lang. „Manche sagen, ich bin so langweilig, dass es wehtut. Ist doch geil!“, lässt Decar seinen Helden sagen. Doch ist Lahm wirklich der Langweiler, den Decar in ihm sieht?

Seine Fußballkarriere beim FC Bayern und dem VfB Stuttgart dauert 16 Jahre. 764 Pflichtspiele. Drei Europameisterschaften, drei Weltmeisterschaften, drei Champions-League-Endspiele. Als der 34-Jährige vergangenes Jahr sein letztes von 385 Bundesligaspielen absolviert, ist er acht Mal deutscher Meister (Rekord), hat sechs Mal den DFB-Pokal gewonnen, ist Champions-League-Sieger, Vize-Europameister 2008 und Weltmeister 2014. Der Mann aus München-Gern bestreitet jedes seiner 113 Länderspiele von Anfang an. Alle. Der 1,70-Meter große Außenverteidiger spielt meist fehlerfrei. Er sieht in der Liga nie Rot und nur 20 Mal Gelb. Er braucht lediglich und im Schnitt nur alle 168 Minuten ein Foulspiel. Kein Ball verspringt ihm, keiner nimmt ihm das Spielgerät ab, die Pässe kommen immer an, seine Flanken, seine Dribblings, er choreografiert das Spiel besser als jeder Meister sein Ballett.

2014 blutet Schweinsteiger im WM-Finale, wird zum Helden, die Fäden zieht hingegen Lahm. „Philipp Lahm ist der konstanteste Spieler, den es gibt“, sagt Lionel Messi. „75 Prozent aller Spiele, die er gespielt hat, hat er überragend gespielt. Und die anderen 25 Prozent Weltklasse“ sagt Mehmet Scholl über seinen ehemaligen Mannschaftskollegen. Laut Pep Guardiola ist Lahm „einer der besten Rechtsverteidiger in der Welt in der Geschichte“ und „der „intelligenteste Spieler, den ich je trainiert habe“. Lahms Perfektion begeistert Trainer. Viele Fans, Experten und Autor Decar hingegen langweilt sie offenbar. Den meisten Sport-Journalisten fällt erst bei Lahms Rücktritt auf, dass da ein Jahrhundertfußballer auf der Seite rennt. 2017 wählen sie ihn zum ersten Mal zu Deutschlands Fußballer des Jahres. Selbst heute nehmen nur wenige wahr, was Lahm ist: der beste Adler-auf-dem-Trikot-Träger seit Beckenbauer.

Warum ist er so ungriffig? So wenig gefeiert? Warum gibt es ein Theaterstück über den „Langweiler Lahm“? Weil er klein ist? Weil er keine Tätowierungen hat? Weil seine Twitterbeiträge so glatt sind wie seine Statements und Pässe? Weil er sich gerne kleidet wie ein Versicherungsazubi? Weil er uns zeigt, dass die Tüchtigen erfolgreich sein können? Dass Eitelkeiten nicht dazugehören müssen? Langweilt er uns, weil er alles richtig macht und uns damit zeigt, dass wir nicht alles richtig machen? Ja, Lahm hat sogar zum richtigen Zeitpunkt aufgehört, nach dem WM-Sieg. Die Schmach in Russland verfloskelt er für die ARD als TV-Experte vom Tegernsee aus. Kommt nicht so gut an. Zu glatt. Zu wenig Kritik. Wieder Langeweile.

Was nicht nur Decar nicht weiter wundern dürfte. Doch Lahm lebt nicht nur langweilig im Fußball-Belanglos-Kosmos vor sich hin. Seine Langeweile hat durchaus eine dunkle Tiefe. Denn neben dem Platz ist Lahm ein kühler Taktiker, ein Machtmensch. Dessen größter Fan Angela Merkel heißt. 2009 befürchtet er, dass die Bayern international an Bedeutung verlieren, setzt deutliche Kritik an der Transferpolitik der Bayern in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Der Verein ist sauer, lässt Lahm 50 000 Euro Strafe zahlen.

Danach gilt Lahm als Führungsspieler, man hört ihm zu, er wird Kapitän der erfolgreichsten Bayern-Mannschaft der vergangenen 40 Jahre. Bei der WM in Südafrika trägt Lahm für den verletzten Kapitän Michael Ballack die Binde. In einem Interview vor dem Halbfinale sagt er dazu: „Ich werde nicht nach dem Turnier zum Bundestrainer hingehen und ihm die Kapitänsbinde wieder zurückgeben.“ Er zählt Ballack an. Kurze Zeit später macht Joachim Löw Lahm zum Kapitän. Und lässt Ballack nie mehr für die Nationalmannschaft spielen.

2012 schreibt Lahm ein Buch, lässt die „Bild“ vorab Auszüge drucken. Darin kritisiert er seine ehemaligen Trainer Jürgen Klinsmann, Rudi Völler, Felix Magath und Louis van Gaal. Jogi Löw dagegen lobt der Münchner. Völler findet Lahms Kritik „erbärmlich und schäbig“. Das Buch verkauft sich daraufhin wie Trikots von Ronaldo. Und ist ansonsten: langweilig. Lahms Taktik abseits des Platzes ist dreierlei: intelligent, für ihn gut – und nicht langweilig. Zumal Lahm inzwischen Joachim Löw kritisiert hat. Öffentlich. Da ließe sich durchaus ein Spannungsbogen draus schnitzen. Der scheint Decar entgangen zu sein. Hätte er einen Film draus machen können.

Premiere: Freitag, 20 Uhr, Sparte 4. www.staatstheater.saarland/sparte4

Mehr von Saarbrücker Zeitung