Das Metzer Centre Pompidou lockt mit zwei sehenswerten, durchaus gegensätzlichen Ausstellungen

Ausstellungen : Welche Sprache sprechen eigentlich Räume?

Zwei Gründe, sich nach Lothringen aufzumachen: Das Metzer Centre Pompidou lädt mit „L’aventure de la couleur“ zu einer tour d’horizon durch die Farbwelt der Moderne und widmet sich in „Die Zeit bewohnen“ dem meditativen Werk des Südkoreaners Lee Ufan.

Gegensätzlicher könnten die beiden neuen Ausstellungen im Metzer Pompidou, die jede für sich genommen die Fahrt dorthin lohnen, kaum sein: Während die Galerie 1 mit einem mediativen Parcours durch das von maximaler Reduktion der Ausdrucksmittel geprägte Werk des in Paris lebenden südkoreanischen Künstlers Lee Ufan aufwartet, was sich als famose Entdeckung erweist, ist „L’aventure de la couleur“ ein Stockwerk tiefer in der Grande Nef tatsächlich ein satter Kessel Buntes, durch den wohl zahllose Kita- und Schulklassen durchgeschleust werden dürften. Mit Gewinn.

Die dort ausgebreitete Themenschau spannt – einmal mehr aus dem unermesslich reichen Fundus des Pariser Mutterhauses schöpfend – den Bogen von Henri Matisses legendären „papiers découpés“, aus deren farbigen Scherenschnitten er seine berühmten organischen Collagen formte, über die monochrome Malerei von Yves Klein und Sam Francis’ Farbfeldmalerei bis hin zum Minimalismus eines John Baldessari, Donald Judd oder Ellsworth Kelly. Was dieser ob seiner gewaltigen Sprünge (etwa vom Fauvismus zur kinetischen Malerei) dann doch arg holprige Schnelldurchlauf durch diverse kunstgeschichtliche Strömungen des 20. Jahrhunderts indes als nicht unergiebigen roten Faden spinnt, das ist das Nachzeichnen dessen, was man die Autonomie und Absolutierung der Farbe in der modernen Kunst nennen könnte.

Die von Emma Lavigne, Direktorin des Metzer Centre Pompidou, kuratierte Schau setzt dabei nicht von ungefähr Matisses „papiers découpés“ an den Beginn. Sein im Zeichen dieses „Zeichnens mit der Schere“ stehendes, die Abstraktion feierndes Spätwerk brachte damit eine Gestaltungsdynamik in die moderne Kunst, deren Einflüsse bis in den Abstrakten Expressionismus und die Farbfeldmalerei reichten. Die untergründige Grundthese der Ausstellung lautet denn auch: Je mehr sich Farbräume von der Gegenstandswelt ablösten und diese als eigenständige Daseinsform betrachtet und begriffen wurden, desto radikalerere künstlerische Lösungen erwuchsen daraus.

Der französische Konzeptkünstler Claude Rutault etwa negiert, am Nullpunkt der Reduktion angekommen, den Werkcharakter von Kunst und liefert – auch in Metz – nur noch gerahmte Leinwände an, die vor Ort in derselben Farbe bemalt werden wie die Wände, an die sie dort angelehnt werden. Einen ganz anderen Weg in Richtung Farb-Autarkie wählt der nouveau réaliste Martial Raysse: In seiner schreiend bunten, die Pop Art herbeizitierenden Installation „Raysse Beach“ (1962) sollen die fluoresziernden Farben nicht nur sommerliche Hitze evozieren, sondern auch das damit verbundene Gefühl von Leichtigkeit, das allerdings die eingespielten Songs aus Raysse’ Wurlitzer-Jukebox eher einlösen. Während Yves Klein uns mit seiner „blauen Revolution“ (den Leere und Unendlichkeit feiernden Variationen seines monochromen, als „IKB“ patentierten berühmten Blaus) wie vielleicht kein zweiter Künstler die Spiritualität der Farbe lehrte, die in Metz in Kleins ultramariner Bodeninstallation „Pigments purs“ aufscheint, repräsentiert Simon Hantaï dort einen anderen Weg der Farb-Sprachfindung: Er zerknitterte seine Leinwände, bestrich sie dann mit Farbe, verknotete die Enden und rollte die Farbe hernach mit einer Walze in die zerknüllte Leinwand ein, sodass zuletzt das Weiß der Faltenwürfe leuchtende Farbmuster formte – ein geniales Verfahren.

Sicher, die Metzer Farbenpracht bleibt als tour d’horizon eher kursorisch und wirkt als Kompendium von gerade mal 40 Werken etwas zusammengestückelt. Dennoch bietet sie inspirierende Anregungen: Sei es John Baldessaris 32-minütiges Video, das ihn in einem leeren, jeweils komplett einfarbigen Raum zeigt, dessen Wände und Boden er anstreichergleich im Zeitraffer mal in Rot, mal in Gelb oder Grün neu übermalt und damit den künstlerischen Werkbegriff ad absurdum führt. Oder sei es Daniel Burens rot-weiße Museumswand (liniert in 8,7 Zentimeter breiten Längsstreifen), neben der eine Videoprojektion zeigt, wie sich aus deren Raster tapetengleich unendliche Collagierungen ergeben – der Titel der Arbeit „Jamais deux fois la même“ erklärt die Idee dahinter: Burens Thematisieren der Ortsgebundenheit aller Kunst.

Das stumme Zwiegespräch zwischen Werk und Raumumgebung markiert auf ganz andere, ungleich meditativere Weise auch ein Grundelement der Kunst des Südkoreaners Lee Ufan, die ein Stockwerk höher in der Galerie 1 zu sehen ist und schlichtweg beglückend ist. Verteilt auf elf Säle, breitet Kurator Jean-Marie Gallais einen gut ein halbes Jahrhundert überspannenden Parcours durch Ufans von maximaler Reduktion bestimmtes Werk (Zeichnungen, Malerei und Rauminstalltionen). Während Ufan filigrane Bleistift- und Pinselsprache letztlich immer wieder um die Nahtstelle zwischen Sichtbarwerden und Verschwinden kreist, bestehen seine Rauminstallationen meist lediglich aus einer Stahl- oder Glasplatte und einem oder mehreren Steinen, die Ufan so gruppiert, dass „ein Maximum an Übereinstimmungen mit einem Minimum an Kontakten“ (Ufan) entsteht. Je länger man diese von ihm „Relatum“ genannten Raumskulpturen betrachtet, umso mehr Funken scheinen aus ihrer extrem divergierenden Materialität zu schlagen. Was Ufan dabei umtreibt, ist die Frage, ob und wie ihre neue Umgebung (in dem Fall ein Museumssaal) die dem Stein und Stahl eigene „vitale Seite“ (Ufan) verwandelt.

Wie weit Ufans dialogische Raum­erkundungen gehen, beweist sein mit Kies ausgelegter Saal 11, in dessen Zentrum ein Gemälde in den Boden eingelassen ist – ein Versuch, den Museumsraum als „archäologische Stätte“ zu begreifen und das übliche Verhältnis von Wand und Boden umzukehren. Schon der erste, eigentlich nur leeres Weiß atmende Saal, in dem Ufan lediglich an einer Stelle grautönige Mineralpigmente direkt auf die Wand auftrug, lebt von der Korrespondenz zwischen Ufans sparsamen Eingriffen und dem dieses umgebenden Nichts. Das Nichthandeln, zeigen seine Werke, ist ebenso bedeutend wie die künstlerischen Manifestationen.

Serge Poliakoffs „Composition“ (1968). Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI/Jean-Claude Planchet/ © Adagp, Paris 2017. Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI/Jean-Claude Planchet/Dist. RMN-GP © Adagp, Paris 2017/Jean-Claude Planchet
Maurice de Vlamincks farbensattes fauvistisches Gemälde „Les coteaux de Rueil“ (1906). Foto: © Centre Pompidou, MNAM-CCI/Philippe Migeat/Dist. RMN-GP © Adagp, Paris 2018/Philippe Migeat
„Peinture ensevelie“ („Begrabene Malerei“) von Lee Ufan: Ausschnitt eines mit Kies ausgelegten Raumes, in dessen Zentrum ein Gemälde Ufans liegt. Foto: Christoph Schreiner

Bis 22. Juli („L’aventure de la couleur“) bzw. bis 30. September („Lee Ufan: Die Zeit bewohnen“) jeweils Mo, Mi und Do: 10-18 Uhr und Fr-So: 10-19 Uhr.
„Week-end de la couleur“ an diesem Wochenende mit einer partizipativen Kunst-Performance (Treffpunkt jeweils um 15 Uhr am Gare de Metz).

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