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„Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ im Saarbrücker Theater Überzwerg

Premiere im Theater Überzwerg : Fluch und Segen, wenn man einen eigenen Kopf hat

„Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ hat im Saarbrücker Theater Überzwerg eine sehr gelungene Premiere gefeiert.

Man muss es einfach lieben, „das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“. Sie ist die Ich-Erzählerin in einer Reihe von Geschichten, die Irmgard Keun Mitte der 1930er Jahre in der Hoffnung auf Veröffentlichungen in Zeitschriften schrieb, als die Nazis der Autorin des „kunstseidenen Mädchens“ das Schreiben schon verboten hatten. Die namenlose, starke Mädchen-Figur, im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs zwölf, dreizehn Jahre alt, ist ein Gegenstück zum schnell gezähmten (und daher wohl viel zu lange berühmten) „Trotzkopf“ von 1885, eher eine Vorläuferin der 1941 erfunden Pippi Langstrumpf. Wie diese hat sie einen eigenen Kopf, einen starken Willen, sagt die Wahrheit und bringt mit ihren Streichen die Erwachsenen zur Verzweiflung. In Ela Ottos Inszenierung ihrer eigenen Bühnenfassung der Keun-Geschichten für das Überzwerg-Theater ist es besonders die Frische und Lebendigkeit von Anna Bernstein, die einen einnimmt. Wenn Bernstein von ihren Erlebnissen und Gedankengängen übersprudelnd und mit direktem Kontakt zum Publikum erzählt, vergisst man nicht nur recht bald ihr Alter (sie könnte die Mutter einer Zwölfjährigen sein), sondern auch, dass sie alleine auf der Bühne steht.

Allerdings: Ganz allein ist sie nicht. Da durch den vermeintlich naiv-kindlichen, schnoddrigen Keun-Ton auch immer die erwachsene Autorin durchblitzt, ist es schlüssig, dass Regisseurin Otto die Schöpferin der Figur, in Gestalt von Tänzerin Anna Ziegler, mit auftreten lässt.

Ein wunderbarer Einstieg: Ziegler entdeckt ihre Figur auf einer Art Dachboden (gelungenes Bühnenbild: Otto unter Mitarbeit von Michael Massmich). Steif und gekleidet wie eine Käthe-Kruse-Puppe, biegt Ziegler ihr so lange die Glieder, bis sie zum Leben erwacht, und „pumpt“ sie dann durch Tanz mit Energie voll. Durch ein Soldaten-Begräbnis-Ritual, das das Mädchen lakonisch mit einer Schneiderpuppe nachspielt, sind wir ruckzuck in ihre Zeit versetzt. Krieg taucht als Thema im weiteren Verlauf jedoch nur in homöopathischen Dosen auf, wenn etwa einquartierte Soldaten erwähnt werden, die sich gerne von ihr mit Scharlach anstecken lassen möchten, um ihm zu entkommen. Oder die Göre – selbstbewusst wie Greta Thunberg – einen Brief an den Kaiser schreibt, er solle den Krieg doch endlich beenden.

Ansonsten hat das Mädchen, wie jedes Kind zu jeder Zeit, Lust zu spielen: nicht mädchenhaft brav, sondern abenteuerlich in ihrer Bande, und wie bei den „kleinen Strolchen“ entstehen dabei schon mal Malheure. Selbst wenn sie Rache üben „muss“ an petzenden Tussis, dem kleinen Bruder aus Eifersucht den Tod wünscht, stets hat dieses Mädchen (neben erstaunlich verständnisvollen Eltern) ob ihrer Wahrhaftigkeit unser aller Sympathien. Unaufdringlich sorgen Hans Peter Kirschs Bühnenmusik für Zeitkolorit, Choreograf Andreas Laux und die charmante Tänzerin Anna Ziegler für zusätzlich Bewegung, doch alles gerät angesichts Anna Bernsteins Präsenz in den Hintergrund. Es sind viele hin- und herspringende Themen, die in diesem kurzweiligen Stück für Kinder ab neun Jahren angesprochen werden: viel interessanter Stoff für ein Gespräch danach mit dem Nachwuchs.

Nächste Termine: 9. und 10. Februar, jeweils 15 Uhr, Theater Überzwerg.
Karten: Tel. (06 81) 958 28 30.