Auftakt des Perspectives-Festivals: Das Leben zu zweit – ein einziger Zirkus

Auftakt des Perspectives-Festivals : Das Leben zu zweit – ein einziger Zirkus

Das Paar-Spektakel „Grande –“, mit dem die „Perspectives“ dieses Mal starteten, hat grandiose Akteure. Aber es ist auch ausufernd lang.  

Wer ist Vimala Pons?, fragte man Regisseur Bruno Podalydès vor Jahren mal. „Ein Regenbogen“ antwortete der. Schwer begeistert offenbar von diesem Naturschauspiel, das seine Komödie „Nur Fliegen ist schöner“ elektrisierte. Doch – ein Regenbogen? Dann höchstens einer, bei dem das Gewitter noch folgt, der Blitz noch einschlägt. So hochenergetisch wie Pons durchs Saarbrücker E-Werk wirbelt. „Grande –“, mit Bindestrich, heißt das, was sie zusammen mit Tsirihaka Harrivel erdacht, erprobt, ausgestattet und inszeniert hat. Vor allem aber, was beide spielen. Was aber ist das eigentlich? Performance oder Spitzensport? Revue oder Zirkus? Sprechdiarrhoetheater über Techno-Beats oder ein Liebes-Pas-de-deux?. Alles trifft zu und auch wieder nicht. Womit die „Perspectives“ zum Start einen Coup landeten. Denn wahrhaft außergewöhnlich ist dieses furiose all-inclusive-Doppel auf jeden Fall.

Die Bühne sieht aus wie ein Ramschladen. Man könnte aus dieser auf Tischen und Regalen gestapelten Haushaltsauflösung von der E-Gitarre bis zur Waschmaschine, vom Kinderstühlchen bis zur Trittleiter leicht auch die Bilanz eines Lebens zu zweit rauslesen: von frühen Beziehungsträumen bis zur Alltagsernüchterung. Pons & Harrivel nehmen das als Futter für eine mehrteilige Revue, in der es vorderhand um so etwas wie Szenen einer Ehe geht. Aber eben auch um das, was man im Leben mal schaffen wollte. Und was einen scheitern ließ. Wie so oft aber, wenn Franzosen auf die Bühne gehen, tangiert das auch das große Ganze, das Sein an sich. Das jedoch erfrischend leichthändig und undogmatisch.

Die Chose beginne vom Ende her, machen uns die beiden klar. Vimala Pons legt dafür einen Strip hin, der wohl ewig einzigartig bleiben dürfte. Kostüm über Kostüm reißt sie sich vom Leib, entledigt sich dutzendfach der Rollen, die Frauen spielen können, spielen müssen. Braut, Heimchen, Gouvernante, Kämpferin, Heilige und Hure. Und immer balanciert sie dabei eine Schaufensterpuppe auf dem Kopf. Bis sie endlich nackt und sie selbst ist. Grandios ist das, so plakativ wie klug gedacht – und ein circensisches Kabinettstückchen überdies.

Nein, es mangelt weder an solch’ schlagenden Bildern noch an halsbrecherischer Akrobatik. Voriges Jahr stürzte Harrivel übrigens tatsächlich ab, kam aber zum Glück glimpflich davon. Und so hängt er sich weiter an die Dinge des Lebens, will nicht loslassen, bis es doch nicht mehr geht – und er fällt. Ein Lastenzug hievt ihn acht Meter hoch, er klammert sich mal an eine Jeans, mal an ein Kinderstühlchen, bis er über eine Stahlrutsche, fast im freien Fall, in die Tiefe rauscht. Und sofort lospalavert. Erst helltönig wie ein Kleinkind, das die Mama um den Finger wickeln will, bis er irgendwann vor einem Richter seine Unschuld beteuert und schließlich über sein vertanes Leben lamentiert, wofür es keinen Pardon mehr gibt. Kühne Artistik gipfelt so in pointiertem Theater.

Oft nehmen Harrivel & Pons das Leben da sprichwörtlich ernst, treiben Floskeln auf die Spitze. Klagt Pons etwa, wie nach einem Ehekrach, über all das, was man doch gemeinsam aufbauen, was man Großes schaffen wollte, wie ewig doch die Liebe währen sollte, balanciert sie dabei eine (falsche) Marmorsäule auf dem Haupt. Und alles Gesagte wirkt nur noch wie ausgestellt. Manches Wort im Streit aber verletzt auch zutiefst: Wen wundert’s noch? Da lassen die beiden dann auch die Messer fliegen.

Wie in so manchem realen Beziehungstheater aber, wenn der Alltag das Himmelhochjauchzende des ersten Glücks planiert, ermattet auch das Paar-Spektakel irgendwann, wiederholt sich. Das mag Konzept sein, weil auch tatsächliche Mittelgewichts-Ehen mal ermüden, der Beziehungszirkus immer wieder dieselben Nummern zeigt. „Grande – “ ist da den beiden Multitalenten Harrivel und Pons wohl doch etwas groß geraten, der Abend mäandert zu sehr. Schließlich könnte die Kunst zuspitzen, wo das wahre Leben fad wird. Nichtsdestotrotz ist „Grande –“­­ großartig in seiner Einzigartigkeit und der Einzigartigkeit seiner Macher.