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Das Haus ist noch so erhalten wie bei Schmidts Tod vor 5 Jahren.

Buch über das Haus des legendären Paares : Mit Helmut und Loki in der Hausbar

Das Haus von Helmut und Loki Schmidt ist heute noch so, als lebten der Ex-Bundeskanzler und seine Frau noch darin – eine Stiftung hat das Hamburger Haus zum Museum gemacht. Ein hinreißendes Buch lädt mit vielen Fotos zur Hausbegehung.

Franz Josef Strauß auf der Gästetoilette – für immer? Wer konnte das schon von seinem Eigenheim behaupten? Und – wer würde das wollen? Helmut Schmidt wollte und konnte: Bei ihm erfreute der erzkonservative CSU-Mythos die Gäste in Form eines zwölf Zentimeter hohen Pfefferstreuers im Regal neben dem WC – ein Scherzartikel aus dem Wahlkampf 1979/80. Neben Strauß steht dort bis heute Schmidt selbst, als Salzstreuer.

Dies sind zwei der überraschenden Fundstücke eines famosen Buchs: Es zeigt en detail mit vielen Fotografien, wo und wie Helmut Schmidt, der heute vor fünf Jahren starb, und seine Ehefrau Loki lebten und arbeiteten: im legendären Kanzlerhaus in Langenhorn im Hamburger Norden, im Neubergerweg 80. Kein Protzbau, keine Villa, aber doch ein solides Eigenheim, später gar mit Schwimmbad. Über die Fotos und die archivierten Stücke des Hauses erfährt man einiges über die Bewohner und deren Lebenspartnerschaft.

Am 14. Dezember 1961 – am Tag zuvor wird Schmidt zum Polizeisenator von Hamburg ernannt – erhält das Ehepaar, zusammen mit der 14-jährigen Tochter Susanne, den Schlüssel für das Rotklinker-Haus mit fünf Zimmern und 122 Quadratmetern. Es ist Teil der Neubausiedlung, die der gewerkschaftseigene Wohnbaukonzern „Neue Heimat“ errichtet hat – mit mehr als 300 Reihenhäusern und mehreren Wohnblocks. Das Ehepaar kauft zwei Doppelhaushälften, nebenan wohnen die Eltern Helmut Schmidts. Später, als Schmidts Mutter gestorben und der Vater in ein Seniorenheim gezogen ist, nutzen Loki und Helmut die zweite Hälfte ebenfalls – mit Schmidts politischer Karriere wächst auch der Platzbedarf für Akten, Bücher und ein Archiv.

Loki und Helmut Schmidt im Juni 1974. Da ist Schmidt seit drei Wochen Bundeskanzler. Foto: dpa/Heinrich Sanden

Staatsbesuche gibt es da allerlei, in denen sich Helmut Schmidt, wie das Buch es formuliert, sich abseits aufdringlichen Villen-Pomps, „als geerdeter Sozialdemokrat“ präsentieren, vielleicht auch inszenieren kann.

Das Buch führt uns mit Fotografien und Erklärungen durchs Eigenheim – beginnend mit Um- und Anbauten, die notwendig wurden, als Schmidt kein schlichter Bundestagsabgeordneter mehr war, sondern Bundeskanzler: An der Gartenpforte ist eine kleine Polizeiwache, wo Überwachungskameras gesteuert wurden – sie war bis zu Helmut Schmidts Tod 2015 (seine Frau starb 2010) rund um die Uhr besetzt. Da war Schmidt war schon Jahrzehnte kein Bundeskanzler mehr, aber neben seiner „Zeit“-Herausgeberschaft ein ungemein populärer „elder statesman“, dessen pointiert formulierten Sätzen über die Welt an sich ehrfürchtigst gelauscht wurde – ehrfürchtiger als zu seiner Kanzlerschaft. Hinein geht es ins Haus, in der üppigen Garderobe neben dem erwähnten Gästeklo hängen vier Werke von Emil Nolde an der Grasfasertapetenwand; die Schmidts waren begeisterte Sammler, die Wände des Hauses hängen voll Kunst von Ernst Barlach, Käthe Kollwitz, Otto Modersohn, Marc Chagall und Pablo Picasso.

Wohn- und Esszimmer der Schmidts. Das Ehepaar war von 1942 bis zum Tod Loki Schmidts im Jahr 2010 verheiratet. Sie waren begeisterte Kunstsammler und Schachspieler – im Haus gab es 21 Schachspiele, eines davon hatte Helmut Schmidt in seiner Kriegsgefangenschaft in Belgien geschnitzt. Foto: Michael Zapf

Beim Blick ins Wohn- und Esszimmer breitet sich die Atmosphäre einer wohligen Bildungsbürgertum-Heimeligkeit aus: unverputzte, nur getünchte Backsteinwände hoch zur schrägen Decke mit dunklen Holzpaneelen, ein Schachspiel (eines von 21 im Haus, eines davon von Schmidt in Kriegsgefangenschaft geschnitzt), viele Bücher, viel Kunst, Perserteppiche, Möbel im schnörkellos dänischen Stil. In gewissem Sinn zeitlos – ganz anders als die Einbauküche von 1974, deren Farbe mit der Katalogbezeichnung „Sonnengelb“ man durchaus auch „schreiend gelb“ nennen könnte.

Weiter geht der Blick an die Fensterfront mit Blick in den Garten, den besonders Loki Schmidt liebte. Vor dem Fenster steht der Steinway-Flügel, an dem Helmut Schmidt zur Erbauung am liebsten Bach spielte. 1987 kam der Flügel ins Haus, in den Jahren zuvor spielte Schmidt zuhause unter anderem an einer E- Orgel: Ein herrliches Foto zeigt ihn mit streng betoniert wirkendem Scheitel beim Orgeln, während Frau und Tochter am Kaffeetisch so wirken, als erwarteten sie sehnlichst den Schlussakkord.

Helmut Schmidts Arbeitszimmer ist auf den ersten Blick so, wie man es erwartet: Bücher bis unter die Decke, Manuskripte, wohl geordnet, kein Firlefanz – nur in einem Regal direkt unter der Decke steht allerlei Nippes. Noch überraschender: Im Erdgeschoss neben dem Esszimmer betritt man eine andere Welt mit Hafenkneipenflair: Ottis Bar, benannt nach Schmidts langjährigem Leibwächter Ernst-Otto Heuer. Der gab nebenbei auch den Barkeeper, wenn Schmidt Gäste eingeladen hatte und bisweilen bei Hochprozentigem die Weltpolitik im Auge hatte: Regelmäßig mit am Tresen saß der damalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing, schon Ende der 1970er besprach man da eine gemeinsame europäische Währung.

Neben einigen Erinnerungen an die Schmidts in Textform, darunter von Schachpartner Peer Steinbrück, bietet das Buch einen Blick auf viele Alltagsgegenstände, die Fotojournalist Michael Zapf im geleerten Schwimmbad der Schmidts aufgenommen hat:  Terminkalender (von 1943 bis 2015), Schmidts Bundeskanzlerausweis, und auch Loki Schmidts „Reisekisten“, voll mit Fotos, Flugtickets, gepressten Blumen und detaillierten Pflanzenskizzen. Nicht fehlen darf die wohl meistgebrauchte Reliquie des Schmidtschen Hauses – ein leidensfähiger Roulette-Aschenbecher. 

Helmut Schmidt Foto: Edel Books

Zuhause bei Loki und Helmut Schmidt – Das Kanzlerhaus in Hamburg-Langenhorn.  herausgegeben von der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Edel Books, 225 Seiten, 22 Euro.