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Sachbuch über China: Das chinesische Mauern

Sachbuch über China : Das chinesische Mauern

Mark Siemons beschreibt das Innenleben des Reichs der Mitte, das zur Selbsterhaltung auf Zuckerbrot und Peitsche setzt.

Als die „FAZ“ sich noch einen eigenen Kulturkorrespondenten in China leistete (bis 2014, als ihr Mitherausgeber Frank Schirrmacher starb), waren die im „FAZ“-Feuilleton erschienenen Texte von Mark Siemons wohl das Beste, was man in deutschsprachigen Blättern über das heutige Gesellschaftssystems Chinas lesen konnte. In einem lesenswerten Buch bündelt Siemons nun einen Teil seiner Analysen von 2005-2014 in sechs großen Themenfeldern (,,Chinesische Werte“, „Elemente der Herrschaft Xi Jinpings“, „Recycelte Traditionen“, „Das kulturelle System“, „Kulturelle Akteure“ und „Das neue Leben“) und bringt sie auf den neuesten Stand.

Im einleitenden Wertekapitel macht Siemons klar, dass verborgene Regeln in China seit jeher mehr gelten als Gesetze. Und Partei- oder Traditionslinien widersprechende Auffassungen „verblüffend erfolgreich neutralisiert“ werden. Vordergründig sei das heutige China zwar so pluralistisch wie westliche Gesellschaften. Sobald jedoch die Kritik von Bloggern oder Künstlern grundsätzlich (und vor allem publik) wird, folgen Repressionen. Eine Art „Erinnerungsauslöschung“ in der jüngeren Generation spiele den Machthabern in die Hände, so Siemons. Als wichtigste informelle Systemregel bezeichnet er außer der Alltagskorruption in Gestalt eines ausgeklügelten Systems wechselseitiger Zuwendungen, dass sich „Teilöffentlichkeiten“ nicht verbinden. Wo dies droht, tritt die Bürokratie sofort die Feuerstellen aus. Im Übrigen setzt die Führung, nicht anders als westliche Gesellschaften, auf Zerstreuung und Kommerz als probate Betäubungsmittel.

Chinas Mittelschicht, geschätzt 300 Millionen Menschen (ein knappes Viertel seiner Bevölkerung), zähmt die Partei, indem man ihr im Privaten die Freiheit gewährt, die man ihr politisch vorenthält. Das Heer der Aufsteiger lebt in abgeschotteten gated communities, rollt in Importautos mit abgedunkelten Scheiben über die Straßen, verlustiert sich in großen Malls. Selbst die Nutzung verbotener ausländischer Webseiten wird von der Staats- und Parteiführung geduldet. Ein Deal, den die Partei sich mit der Loyalität der Wirtschaftsprofiteure erkauft. Am Beispiel des kafkaesken „Staatsamtes für Briefe und Besuche“ illustriert Siemons das perfektionierte chinesische System, Kritik ins Leere zu laufen: Das Amt soll eigentlich eingereichte Petititionen bearbeiten, meist aufgrund von Enteignungen oder Entschädigungen – die Erfolgsquote liegt bei 0,2 Prozent. Weshalb das Amt in Wahrheit eine einzige „Verhinderungsindustrie“ betreibe.

Die Kanalisierung zivilgesellschaftlichen Unmuts ist nach Siemons’ Einschätzung neben der Selbstkontrolle der Partei das zentrale Ziel des neuen Staatschefs Xi Jinping. Längst gibt das Land für die innere Sicherheit mehr aus als für die äußere. Bermerkenswert ist, wie inhaltlos Xi Jinping nach Siemons’ Recherchen agiert. Das von ihm versprochene „Wiederaufblühen“ des Landes erschöpft sich demnach neben aufgeheizter Marktökonomie in der politischen Order, die Partei zu erneuern und ihre Korruptheit zu beenden. Von politischen Reformen, die vor Xis Amtsantritt 2013 noch als Präventivmaßnahmen zur Kanalisierung chinesischen Freiheitsdrangs erwartet worden waren, ist keine Rede mehr. „Damit aber“, schlussfolgert Siemons, „bleibt der ,Chinesische Traum’ eigentümlich leer – er träumt bloß von sich selbst.“

Eine Crux seiner China-Erkundungen lautet, dass die Führung des Landes dessen Identität nicht mehr zu nähren weiß und der Aufstieg Chinas insoweit blindwütig geschieht. Gerade weil das System sich selbst nicht infragestellen kann und der Konfuzianismus zur Folklore entleert wurde, lande man auf der Suche nach dem originär Chinesischen eher im Privaten und dort beim Körper- und Gesundheitskult. Das eigene Wohlbefinden sei ein Charakterzeugnis, so Siemons.er je in chinesischen Parks war und das Heer der Gymnastiker sah, weiß, was gemeint ist. Im Kulturbereich fällt Siemons’ Urteil vernichtend aus: Die Führung begreife Kultur als Marketinginstrument und patriotischen Transmissionsriemen. Um ihr kritisches Potenzial zu kappen, verwandele die Partei sie „in ordentliche Konsumartikel“. Oder baut Museen zur Aufwertung verödeter Stadtquartiere und lässt die Volksbefreiungsarmee das größte Auktionshaus betreiben. Fünf süffisante Porträts einflussreicher Künstler, Autoren und Intellektuellen zeigen, dass das Reich der Mitte die Lage leider ziemlich im Griff hat.

Mark Siemons: Die chinesische Verunsicherung. Stichworte zu einem nervösen System. Hanser, 191 Seiten, 22 €.