Das Buch "33 beste Kinderfilme"

Das Buch „33 beste Kinderfilme“ : Für schlechte Kinderfilme ist das Leben zu kurz

Allzu viele Kinderfilme unterschätzen ihr junges Publikum oder wollen vor allem Nebenbei-Produkte verkaufen. Ein exzellentes Buch führt nun durch den Dschungel des Kinderfilms – Ratgeber und Lesevergnügen zugleich.

Das Leben ist ja für vieles zu kurz. Etwa für a) schlechte Kinderfilme und b) ein schlechtes Filmbuch. So gesehen ist „33 beste Kinderfilme“ ein doppelter Glücksfall: Erstere empfiehlt es nicht, Letzteres ist es nicht. Sich im  grellbunten Angebotsdschungel des Kinderfilms zurechtfinden, ist schwierig – es wimmelt von Werken, die man eher Produkte denn Filme nennen will und die oft so wirken, als trauten sie ihrem jungen Publikum nur eine minimale Aufmerksamkeitsspanne zu und wenig Gespür für filmische Manipulation. Nicht wenige Filme erwecken auch den Eindruck, sie sähen ihr Publikum nur als eine Herde potenzieller Käufer für die Nebenbei-Produkte, ob nun Spielfiguren, Bettwäsche oder das PC-Spiel zum Film. Dass uns im August „Playmobil – der Film“ ins Haus steht, ist schon symptomatisch.

Umso sinniger ist das Buch von Journalist/Kritiker/Vater Rochus Wolff, der keinen Absolutheitsanspruch erhebt – eben nicht „die 33 besten Kinderfilme“ sollen es sein, sondern „33 beste“. Die Auswahlkriterien sind übersichtlich, aber bei weitem nicht jeder Kinderfilm kann sie erfüllen: nicht langweilig zu sein, auch nicht für die mitschauenden Eltern, und generell das zu erfüllen, was man ohnehin von einem guten Film erwartet: „dass er unseren Blick auf die Welt zwar nicht vollständig umkrempelt, aber doch so verändert und beeinflusst, dass nicht alles weiterhin so aussieht wie vorher“. Ein weiteres Kriterium ist ein ganz praktisches: Die Filme müssen auf Deutsch, ob nun als DVD oder bei einem Streamingdienst, greifbar sein – deshalb sind im Buch, wie Wolff im Vorwort schreibt, keine afrikanischen oder südamerikanischen Filme – sie finden in Deutschland kaum einen Verleih.

Eine Szene aus Lotte Reinigers  „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“. Die Regisseurin arbeitete von 1923 bis 1926 an dem Film – er ist der älteste unter den 33 Empfehlungen. Die Blu-ray ist bei AbsolutMedien erschienen. Foto: AbsolutMedien

Scheuklappen und pädagogische  Zeigefinger sind Wolffs Sache nicht. Um große Kinohits macht er keinen snobistischen Bogen, empfiehlt in Sachen Disney aber statt etwa der vielgeliebten „Eiskönigin – Völlig unverfroren“ den Film „Lilo & Stitch“: die Geschichte eines rotzfrechen,  cholerischen Mädchens (bei Disney selten), „möglicherweise hat das Studio nie einen besseren Trickfilm gemacht“. Nebenbei rät Wolff auch von manchem ab: Wenn er etwa Detlev Bucks Pferdefilm „Hände weg von Mississippi“ empfiehlt, warnt er vor Bucks „Bibi und Tina“, „die Augen schmerzen vor künstlichem Blau, Gelb, Rot und Blau“. Und „Conni & Co“ mit seiner „spießigen Idylle“ gehört für Wolff „zum drögesten, was das deutsche Kinderkino in den letzten Jahren hervorgebracht hat“. Man ist also gewarnt.

In den Empfehlungen schlägt das Buch einen weiten historischen und stilistischen Bogen: Da steht Lotte Reinigers Scherenschnitt-Stummfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ neben dem niederländischen Abenteuer „Die geheimnisvolle Minusch“, „Toy Story“ aus der Animationsschmiede Pixar neben „Emil und die Detektive“ aus dem Jahr 1931 (mit dem Drehbuch-Dreamteam Erich Kästner und Billy Wilder, der damals noch Samuel Wilder hieß).  Bekanntes wie „Die Muppets Weihnachtsgeschichte“ findet sich neben weniger Bekanntem wie die deutsch-saudi-arabische Koproduktion „Das Mädchen Wadjda“ über eine rebellische 11-Jährige in Riad. Als der Film 2002 gedreht wurde, war er der erste Kinofilm, der in Saudi-Arabien entstand – und die Regisseurin Al Mansour, schreibt Wolff, musste zeitweise in einem Lieferwagen mit Monitor sitzen und von dort aus inszenieren – als Frau durfte sie nicht im öffentlichen Raum mit Männern drehen.

"33 beste Kinderfilme" von Rochus Wolff. Foto: Verlag Dreiviertelhaus/Dorothea Blankenhagen

Auch so etwas erfährt man in den Filmbesprechungen, die ein Lesevergnügen sind, weil sie den Inhalt nur kurz skizzieren, dann aber fundiert erklären, warum der jeweilige Film sehenswert ist – und wieso ein gemeinsames Gespräch nach dem Film manchmal besonders notwendig ist, etwa wenn der Zeitgeist von einst heute stark grübeln lässt: Beim „Prinzen Achmed“ (1926) etwa entführt der Titelheld die von ihm Verehrte gegen ihren Willen, was der Film „nicht als proplematisch präsentiert“. Und auch Disneys „Dornröschen“ von 1959 ist in Wolffs Augen dann „erklärungs- und diskussionsbedürftig“, wenn Königssohn Philip die Prinzessin Aurora „recht übergriffig festhält“ und generell „die sehr passive Prinzessin auf Errettung durch den aktiven Prinzen wartet“. Ein angestaubtes Geschlechterbild.

Zur Freude an den Texten kommt die an der Bebilderung: nicht mit Fotos aus den vorgestellten Filmen, sondern mit Illustrationen. Dorothea Blankenhagen bricht das Layout der Texte mit kleinen Bleistiftzeichnungen auf, die nicht die Figuren der Filme zeigen, sondern allgemeinere Motive – ein Regenschirm bei „Mary Poppins“, eine Ameise bei „Antboy“, ein Ei bei „Chicken Run – Hennen rennen“. Das ist charmant, liebevoll und dabei unaufdringlich – so wie gute Kinderfilme und dieses Buch.

Kermit und Michael Caine (als Geizkragen) in der famosen „Muppets-Weihnachtsgeschichte“. Foto: Röhnert
Eine Ilustration zum Film "Das Schulgespenst". Foto: Dorothea Blankenhagen/Verlag Dreiviertelhaus

Rochus Wolff: 33 beste Kinderfilme. Mit Illustrationen von Dorothea Blankenhagen. Verlag Dreiviertelhaus,
115 Seiten, 16 Euro.
Infos: www.kinderfilmblog.de
www.dorotheablankenhagen.com

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