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Das Album „I love Jazz“ von Inge Brandenburg

Das Album „I love Jazz“ von Inge Brandenburg : Begnadet, vergessen – und wiederentdeckt

Als sie starb, war Inge Brandenburg verarmt und vergessen. Zum 90. Geburtstag und 20. Todestag der Jazzsängerin erscheint ein Album mit bisher unveröffentlichter Musik. Eine Entdeckung.

„Ich hatte immer das Gefühl, verdammt, da ist noch viel mehr in mir drin, das muss rausgeholt werden. Und das hat mich manchmal sehr traurig gemacht und auch ein bisschen verbittert.“ Es klingt wie ein düsteres Lebens- und Karrierefazit, was die Jazzsängerin Inge Brandenburg einst sagte. Ein schönes, einfaches Leben hatte sie nicht – eine traumatische Kindheit, eine verkorkste Karriere, am Ende Tod und Vergessenheit. Als Neunjährige ist sie 1938 in Dessau Zeuge, wie die Gestapo ihren kommunistischen Vater verschleppt (er kommt nie zurück); die Mutter wird auf dem Weg ins KZ ermordet, die Tochter kommt ins Heim; sie flieht nach dem Krieg, wird von US-Soldaten vergewaltigt, kommt bei einer Bäckerfamilie unter und singt nach Feierabend bei einer Tanzkapelle.

Als ein schwedischer Agent sie entdeckt, beginnt eine Karriere, die nie ganz erblüht: Zwar gewinnt Brandenburg 1960 beim Festival Juan-les-Pins den Titel als „Beste Jazzsängerin Europas“, aber in ihrer Heimat weiß die Plattenindustrie wenig mit ihr anzufangen. Eine Firma nimmt sie unter Vertrag, will sie aber lieber als Schlagersängerin vermarkten – mit Singles wie „Südlich von Hawaii (Flaschenpost)“. Brandenburg klagt gegen die Plattenfirma – und bringt eine ganze Industrie gegen sich auf. Die Auftritte werden seltener, die Künstlerin schwieriger: Alkoholabstürze, Prügeleien, Affären, in denen sie als Ausgenutzte zurückbleibt. Nach Theaterauftritten und trügerischen Fast-Comebacks lebt sie zuletzt von Sozialhilfe und einem Taschengeld fürs Ausführen der Nachbarshunde. Sie stirbt 1999 im Alter von 70 Jahren.

Lange war sie danach vergessen, bis der Regisseur Marc Boettcher auf sie aufmerksam wurde, der zuvor vielbeachtete Dokus über Bert Kaempfert, Alexandra und Gitte Haenning gedreht hatte. Ein Sammler nahm Kontakt zu ihm auf, der auf einem Flohmarkt ein Foto-Album von Brandenburg gekauft hatte, danach den gesamten Nachlass. Den ordnete Regisseur Boettcher und begann die Arbeit am Film „Sing! Inge, sing!“. Der Film erschien 2011,  Boettcher stellte ihn damals unter anderem im Saarbrücker Kino Achteinhalb vor, mittlerweile gibt es ihn auf DVD. Zu sehen sind Interviews mit Brandenburg, Auftritte, die stilistisch heute etwas veraltet, dennoch sehr intensiv wirken, und Gespräche mit Kollegen von damals: darunter Charly Antolini, Emil Mangelsdorff, Peter Herbolzheimer und Joy Fleming. Das alles verdichtet sich zu einem Film über eine Frau in einer männerdominierten Industrie und auch der selbsternannten Jazz-Päpste, die mit Heben und Senken des Daumens Karrieren befeuern oder abwürgen konnten.

Mit dem Film und einer zugehörigen CD hat Boettcher die Sängerin der Vergessenheit entrissen. 2016 veröffentlichte er eine Biografie, nun bringt er, zum 90. Geburtstags Brandenburgs  ein Album mit bisher nicht veröffentlichter Musik heraus. In Privat- und Rundfunkarchiven trug er 18 Aufnahmen zusammen, aufgenommen zwischen 1959 und 1971, mit verschiedenen Bigbands und Orchester – „I love Jazz“ ist also kein Album aus einem Guss, sondern eine stilistisch breite Kompilation, die Brandenburgs stimmliche Möglichkeiten zeigt. Einige Standards sind dabei, an denen man sich möglicherweise satt gehört hat, aber Brandenburgs Interpretation und die Begleitung wecken neuen Appetit: „Summertime“ etwa, 1963 mit dem Klaus-Doldinger-Quartett eingespielt, beginnt arg gedehnt und theatralisch, bevor das Stück jazzig davon zu hüpfen scheint; den Klassiker „Cry me a river“, gehüllt in ein prachtvolles Bigband-Arrangement, macht sich Brandenburg ganz zu eigen durch Vokalkunst zwischen samtigem Sentiment und kecker Mädchenhaftigkeit (wobei Brandenburgs dunkles Timbre sonst meist ein Bild einer reifen Fraulichkeit vermittelt). Die „Moritat von Mackie Messer“, 1960 mit dem Rias-Tanzorchester aufgenommen, swingt lässig dahin, während „What’s the matter Daddy“ (1964 wieder mit Doldinger) sich sehr dem Blues nähert. Auch Stücke mit deutschem Text finden sich: etwa die Bigband-Ballade „Was weißt Du von Liebe“, 1964 mit dem Südfunk-Tanzorchester eingespielt, und die jüngsten Aufnahmen des Albums: Da ist „Zeig mir was Liebe ist“ (Musik: Peter Herbolzheimer) mit einem Text von Brandenburg – eine Art Popswing, der wie gemacht scheint für Brandenburg, die selbst eine Zeile mit sozialpädagogischem Aroma wie „Du, lass doch die Sache ruhn‘“ enorm lässig klingen lässt.

Getextet hat sie auch das Stück „Das Riesenrad“ (Musik: Wolfgang Dauner), 1970 aufgenommen mit dem Südfunk-Tanzorchester. Jazz trifft Chanson, das Arrangement ist aufwändig, die Melodie ungewöhnlich, und ihr Text über die Endlichkeit ziemlich bitter. Sie wusste, wovon sie sang.  „Ich liebte das Leben so sehr. Ich glaubte, das Riesenrad drehe sich ewig. Hab ich mich so sehr geirrt?“.

Brandenburg mit Jazztrompeter Chet Baker (1929-1988). Foto: MB-Film
Inge Brandenburg (links) mit der Kollegin Caterina Valente. Foto: MB-Film
Anfang der 1970er, als die Sängerin auch Liedtexte schrieb. Foto: MB-Film
Das Album "I love Jazz" Foto: Unisono-Records

Inge Brandenburg: I Love Jazz 
(Unisono Records / Edel Distribution). 
„Sing! Inge, sing“ ist auf DVD erhältlich.
Infos: www.inge-brandenburg.de
www.unisono-records.de