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Danielle de Picciottos feiert im „Die heitere Kunst der Rebellion“ das alte Berlin

Danielle de Picciottos Comic „Die heitere Kunst der Rebellion“ : Westberlin, Du wilde Insel

Mit dem Comicband „Die heitere Kunst der Rebellion“ feiert Danielle de Picciotto die Berliner Avantgarde der 1980er und 1990er – sie war mittendrin.

Heute macht die Hauptstadt Berlin vor allem als Zentrum der politischen Macht von sich reden. Und vor Corona natürlich auch als Party-Mekka einer hedonistischen Internationalen. Doch seitdem das Gespenst der Gentrifizierung die Mieten allerorten in die Höhe schnellen lässt, hat sich die (Sub-)Kultur samt ihrer illustren Szenegrößen merklich verändert. Vorbei die sagenumwobenen Zeiten, als sich eine bunte Gemeinschaft aus subversiven, nicht selten mittellosen und hausbesetzenden Idealisten anschickte, der betonflankierten Großstadttristesse mit heiterer Kreativität den Garaus zu machen. Und der Stadt mit grenzwertigen Happenings in legendären Clubs, Cafés und Absteigen ein subversives Image verlieh, das bis heute diesen Mythos am Leben erhält.

Eben jene glorreichen Zeiten zwischen Wave und Rave, sprich von Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger, sind es, die Danielle de Picciotto in ihrem Comicband  „Die heitere Kunst der Rebellion“ detail- und kenntnisreich einfängt. 1987 verschlug es die New Yorkerin „eher zufällig“ auf die ummauerte Insel im sozialistischen DDR-Block. In einer derben kontrastreichen Schwarz-Weiß-Optik fängt sie in dem Buch diese „Zeit des Neuanfangs und der Freiheit“ mit allerhand Zeichnungen und viel Text sowie Collagen aus gezeichneten Alltagsgegenständen und Berliner Zeitschriftenartikeln ein. Eine Zeit, die sie prägte und die sie wiederum zu prägen wusste: als Modedesignerin, Musikerin („Space Cowboys“), Kuratorin und Gründerin der Love Parade zusammen mit ihrem Ex Matthias Roeingh alias Dr. Motte.

Die anfängliche Schüchternheit gegenüber den unangepassten Mitbewohnern mit den asymmetrischen „No-Haarschnitten“ (darunter Roland Wolf, der verstorbene Keyboarder von Nick Cave) hatte sie schnell abgelegt und trieb tatkräftig die titelgebende heitere Rebellion mit an, die sie als eine politische verstanden wissen möchte. Dass manche ihrer Einlassungen etwas kindlich, wie eine oberflächliche deutsch-deutsche Geschichtsstunde wirken, erklärt sich aus der Herkunft der Autorin, die mit den Augen der Fremden sieht und sich bei der Durchreise durch die DDR nur wundern kann: „Dass ein System so unverfroren Menschen einschüchterte, hatte ich so noch nicht erlebt.“ Umso erfreulicher für de Picciotto, dass sie sich anders als in ihrer Heimatstadt New York auch als Frau und vor allem auch nachts in Westberlin frei bewegen konnte und das auskostete.

De Picciottos Comic mutet wie ein mit viel Schwarz-Schraffur und Collagen bebildertes Lesebuch für Erwachsene an. Mit dem von ihr aus dieser Zeit zusammengetragenen Bildmaterial ist ein wertvolles und persönliches Zeitdokument entstanden, das einen direkten Blick auf und in die Szene liefert – und vor allem auch die szeneprägenden Frauen porträtiert, unter anderem die im Februar verstorbene Françoise Cactus von „Stereo Total“, Gudrun Gut und Christiane Rösinger. Die vielen gelungenen Collagen aus Text-Zeichen-Foto-Verschränkungen sind leider nur schwer leserlich. Man muss als Leser schon genau hinschauen wollen. Doch wer sich die Mühe gibt, wird mit allerhand kreativer Nabelschau belohnt.

 Sie haben die Haare schön. Danielle de Picciottos Blick auf die Frisuren-Kunst der Berliner Kreativszene.
Sie haben die Haare schön. Danielle de Picciottos Blick auf die Frisuren-Kunst der Berliner Kreativszene. Foto: Walde + Graf

Danielle de Picciotto: Die heitere Kunst der Rebellion. Walde + Graf, 200 Seiten, 19,95 Euro.