1. Nachrichten
  2. Kultur

Connery starb im Alter von 90 Jahren

Zum Tod von Sean Connery : Bond, James Bond – und doch viel mehr

Sean Connery ist tot. Der Schauspieler, für viele der beste 007, ist im Alter von 90 Jahren gestorben. In seiner langen Karriere ließ er den Mythos-Bond irgendwann hinter sich. Aber einfach war das nicht.

Vor ein paar Wochen konnte man ihn nochmal auf der Leinwand sehen – da zeigte die Kinowerkstatt St. Ingbert zu seinem 90. Geburtstag zwei Filme mit Sean Connery, die treffend seine Karriere umrissen: einerseits „Am Rande des Abgrunds“ (1982), eine melancholische Dreiecksgeschichte mit Connery als Arzt mittleren Alters, der die Konkurrenz eines jüngeren Mannes schmerzlich zu spüren bekommt. Ein kommerziell wenig erfolgreicher Film. Andererseits: „Feuerball“ (1965), die  aufwendigste und kassenträchtigste James-Bond-Produktion der 60er Jahre – ein Spektakel in der Luft und unter Wasser, bei dem man hinter den bunten Bildern aber etwas spürt, eine gewisse Bond-Müdigkeit des Hauptdarstellers, der, anders als in den drei Bond-Filmen zuvor („Dr. No“, „Liebesgrüße aus Moskau“, „Goldfinger“) von der Spektakel-Mechanik an den Rand gedrängt zu werden droht.

Die 007-Rolle mochte zwar aus dem schottischen Ex-Milchmann, Ex-Sargpolierer, Ex-Matrosen und Ex-Mister-Universum-Teilnehmer einen reichen Mann gemacht haben – aber als Schauspieler hatte er langfristig andere Ziele, und auch der 007-Rummel wurde ihm irgendwann zu viel. Connery wurde unleidlich, wenn Menschen ihn als „Mr. Bond“ ansprachen oder wenn, so erzählt es eine Anekdote, eine Schar junger Menschen ihn bei 007-Dreharbeiten auf den Bahamas umringte  und verkündete: „Du bist unser Anführer, sag uns, was wir tun sollen.“ Connerys knackige Antwort: „Fuck off.“

Bond und Connery, das war in den 1960er Jahren ein Phänomen, ein britischer Kultur-Exportschlager wie die Beatles (über die sich die Figur Bond im Film „Goldfinger“ übrigens ziemlich altväterlich mokiert). Bond als Leinwand-Fantasie appellierte an die elementarsten (und niederen) Instinke, gab uns aber die wohlige Illusion, es seien nicht die niederen: Freude an Sex, schnellen Autos, gutem Essen, an edlem Zwirn. Immer mit Stil. Schaut man sich heute seinen ersten Bond-Film „Dr. No“ noch einmal an, ist zwar spürbar, dass der Film fast 60 Jahre alt ist und noch nicht alle später so beliebten Serien-Bauteile integriert hat – aber Connerys Bond war schon ein anderes Mannsbild als die anderen Kino-Helden dieser Zeit: Zurecht legendär ist seine erste Szene, in der er im Casino den Satz „Bond, James Bond“ sagt, mit Zigarette im linken Mundwinkel, die Augendeckel auf Halbmast, mit einer Mischung aus Arroganz und unerschütterlicher Selbstsicherheit. Wer wünscht sich diese Haltung nicht für den Alltag?

Connery brachte eine kernige Männlichkeit in die Bond-Filme: Brusthaariges Machotum paarte er mit Smoking-Eleganz und einer unterschwelligen Brutalität, wenn auch ironisch abgefedert. Man denke an das lässige „Shocking“, das Connery/Bond entfährt, nachdem er in „Goldfinger“ einen Gegner mit Strom in der Badewanne geköchelt hatte. Privat tat Connery 1965 im „Playboy“ kund, dass das Ohrfeigen einer Frau die letzte Option sei, falls die rhetorischen Argumente ausgeschöpft seien – ein Interview, das Connery, seit 1975 in zweiter Ehe verheiratet, bis zuletzt verfolgt hat, zumal er seine These nie deutlich dementierte.

Nach seinem fünften Bond, „Man lebt nur zweimal“ (1967), hing Connery Bonds Walther PPK zum ersten Mal an den Nagel und wollte nie, wirklich nie, wiederkehren. Er tat es aber – 1971 und 1983. Der Grund war jeweils derselbe, der heute gerne vergessen wird: Abseits der Bond-Rolle war Connery lange Zeit ein Mann von gestern, ein Ex-Mythos, Kassengift gar, trotz einiger seiner besten Rollen, bei denen er gerne auf das von ihm ungeliebte Bond-Toupet verzichten konnte. Er spielte einen seelisch zermürbten Polizisten im nachtschwarzen Psychokrimi „Sein Leben in meiner Gewalt“ (1973), einen Berberfürsten in „Der Wind und der Löwe“ (1975), einen in die Jahre gekommenen Robin Hood in der melancholischen Romanze „Robin und Marian“ (1976) und einen trickreichen Meisterdieb in „Der große Eisenbahnraub“ (1978). Das große Publikum wollte Connery bei diesen Rollen-Exkursen nur selten folgen, seine Karriere schien lange nicht aus dem Schatten Bonds heraustreten zu können. Bis er die Rolle 1983 in „Sag niemals nie“ symbolisch zu Grabe trug: mit einer ironischen Darstellung, in der der Zynismus der 007-Vergangenheit einer versöhnlichen Altersmilde gewichen war. Da wirkte sein Mönch in „Der Name Rose“ (1986) weniger wie ein Gegenentwurf denn wie ein Bruder im Geiste – wenn auch ungleich asketischer als der Genussmensch 007.

Das Stigma des Ex-Bond ließ Connery spätestens 1987 hinter sich, als er einen Oscar für den Mafiafilm „Die Unbestechlichen“ erhielt – dort spielte er die Rolle, die er fortan perfektionierte: eine abgeklärte, integre Vaterfigur, die viel gesehen hat und dem Leben mit einer spöttischen Distanz begegnet. Ob als Vater des Helden in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ (1989) oder als altersweiser U-Boot-Kommandant in „Jagd auf Roter Oktober“ (1990). Durch meist geschickte Rollenwahl erwies sich Connery als einer der langlebigsten Stars der Kinogeschichte. Er gab als graue Kino-Eminenz sogar schlichtem Kommerz wie „The Rock“ (1996) Seele, Humor und Stil. Connery war Action-Star und zugleich Charakterdarsteller – wem ist das sonst in dieser Form gelungen?

Dass er seine Kinokarriere nach der flauen Superheldensaga „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ vor 17 Jahren unwiderruflich beendet hat – nach Streitigkeiten mit dem Regisseur in Atombomben-Lautstärke – passt zu Connery, dem oft Widerspenstigen und Misstrauischen (meist zurecht): So ziemlich jedes große Hollywoodstudio hat er wegen kreativer Buchführung verklagt, und auch von seinen Bond-Produzenten fühlte er sich finanziell nicht ausreichend gewürdigt, angesichts der gigantischen Summen, die seine Filme eingespielt haben. „Seans Blick auf die Welt ist schwarzweiß“, schrieb Regisseur Lewis Gilbert („Man lebt nur zweimal“) in seinen Erinnerungen. „Sei ehrlich zu ihm, und es gibt nichts, was er nicht für dich tun würde. Enttäusche ihn einmal – und er wird dir das nie vergeben.“

Noch mehr am Herzen als korrekte Studio-Bilanzen lag ihm seine schottische Heimat: Mit seiner damaligen Rekordgage für den Comeback-Bond „Diamantenfieber“ (1971) gründete er in Edinburgh eine Stiftung für Künstlerinnen und Künstler; später trat er immer wieder für die schottische Unabhängigkeit ein, was ihn nicht daran hinderte, sich 2000 von der Queen zum Ritter schlagen zu lassen.

Da das Wetter auf den Bahamas weit stabiler ist als das in Schottland, residierte Connery mit seiner Gattin seit Jahren unter anderem dort. Seine Enkelin postete ab und an ein Bild von ihm bei Instagram, aber öffentlich trat Connery nicht mehr auf, schon gar nicht in Hollywood. Seine Haltung dazu kleidete er ohnehin vor Jahren schon in einen typisch kernigen Connery-Spruch: „Ich sage nicht, dass dort alle Idioten sind. Ich sage nur, dass es viele davon gibt.“ Interviews gab er auch keine mehr, und seine Autobiografie erzählte mehr vom geliebten Schottland als von ihm selbst. Aber sie schließt mit einem kurzen persönlichen Fazit: „Ich habe viele gute Zeiten erlebt.“