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Comic-Legende Stan Lee ist gestorben

Zum Tod von Comic-Legende Stan Lee : Der Papa von Superhelden wie du und ich

Stan Lee, der Erfinder von Spider-Man und vielen anderen Comic-Helden, ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Ohne ihn sähe das Hollywood von heute etwas anders aus.

Jeder, der mal 15, 16 Jahre alt war – fest im Schraubstock der Pubertät, gepeinigt von Pickeln –, der weiß genau, wie sich Peter Parker fühlt: von der Welt unverstanden, von der Angebeteten nicht wahrgenommen, von Klassenkameraden schikaniert. Da kommt der Biss einer radioaktiven Spinne gerade recht – der verleiht dem Milchbubi ungeahnte Superkräfte und macht ihn zu: Spider-Man! Doch, und das ist der Clou dabei – hinter der schwarzroten Maske bleibt Peter Parker ein unsicherer Mann mit Problemen, Unsicherheiten, Selbstzweifeln.

1962 erfand der New Yorker Comictexter Stan Lee die Figur Spider-Man und verhalf dem Genre der Superhelden zu einem zweiten Frühling. Der erste war in den 1950ern verblüht, nachdem sich Superman und seine Kollegen etwas müde gelaufen/geflogen hatten und auch ein bisschen langweilig-makellos geworden waren. Lees Helden sind da anders, sie haben nicht nur mit allerlei Schurken zu kämpfen, sondern auch mit eigenen Makeln und Macken. In „Hulk“ etwa leidet ein Wissenschaftler an explosiven Wutausbrücken, bei denen ihm die Muskeln derart schwellen, dass sie ihm das Beinkleid wegsprengen (und den Satzbau gleich mit): „Hulk angry, Hulk smash smash!“ Wer möchte mit diesem Motto nicht auch mal durch die Bürokorridore laufen und Schreibtische zerkleinern? Lee wusste eben von den Sehnsüchten seiner Leser. Diese sprach er in seinen Marvel-Comics auch direkt an, er wurde durch seine Editorials selber zu einer Marke, zu einem Star, der dabei oft auch seine Zeichner wie Jack Kirby und Steve Ditko überschattete.

Auch das gab es im Marvel-Universum: eine Comic-Reihe zu Stanley Kubricks Film „2001“ – aktuell zu sehen in der „2001“-Ausstellung im Frankfurter Filmmuseum. Foto: Tobias Keßler

Lees Helden haben ihre Probleme  nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit der Welt: Die X-Men sind Mutanten, deren besondere Fähigkeiten von den Normalbürgern sehr misstrauisch beäugt werden: Wer anders ist, ist gefährlich. Bei den „Fantastischen Vier“ ist nicht jeder glücklich über seine unfreiwillig erhaltenen Superkräfte – allen voran das „Ding“, der zwar stark ist, aber aussieht wie ein Gorilla aus Backsteinen. Wie lebt man damit? Um Alkoholismus geht es auch bei Lee („Iron Man“) und um Rassismus: 1966 erfindet er „Black Panther“, den ersten afroamerikanischen Comic-Helden.

Das Hollywood von heute wäre ohne Stan Lee, was man gut oder schlecht finden kann,  ein anderes: Die Marvel-Comicverfilmungen sind milliardenschwere Profit-Unternehmungen, bei deren Häufung man schon mal den Überblick verlieren kann. Gerade läuft „Venom“ noch, für 2019 steht ein „Captain Marvel“-Film an, dazu die nächste Episode mit den „Avengers“ und mit „Spider-Man“. Die Filme haben sich ein eigenes Universum geschaffen mit Querverweisen, Überschneidungen – will man einen sehen, will man alle sehen. Und sehen konnte man da fast immer Stan Lee, der in Gastauftritten durchs Bild wandelte, etwa als Hotdog-Verkäufer. Viel zu tun hatte er mit den Filmen nicht – zwischendurch hatte er die Marvel-Studios sogar einmal verklagt, weil er sich bei seinen Profitanteilen über den Tisch gezogen fühlte. Ihm wurden einige Millionen Dollar nachgezahlt, wahrscheinlich aus der Portokasse.

Nun ist Stan Lee gestorben, im Alter von 95 Jahren. Er hinterlässt eine Welt wunderbar knalliger Trivialmythen und vielschichtiger Figuren, bei denen unter dem Anzug (nicht selten aus Latex) meist ein großes Herz schlug. Sein berufliches Lebensziel ist auch erreicht, wenn auch nicht alleine durch ihn: „Ich will erreichen, dass eine intelligente Person mit einem Comic-Heft die Straße heruntergeht und das nicht peinlich findet.“