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Christina Kubisch in der Saarbrücker Stadtgalerie

Christina Kubisch in der Stadtgalerie : „Saarbrücken ist sehr laut, sehr krachig“

In der Saarbrücker Stadtgalerie beginnt am Freitag die Ausstellungs-Installation „Electrical Moods“. Christina Kubisch macht verborgene Klänge der Stadt wahrnehmbar – wie funktioniert das?

Wer mit Christina Kubisch durch die Innenstadt wandert, macht sich verdächtig. Man zieht skeptische Blicke von Passanten auf sich, ruft eventuell sogar Wachmänner und Kaufhausdetektive auf den Plan. Was sollen die Leute auch denken von verhaltensoriginellen Personen, die verzückt Leuchtreklamen umzingeln, den Kopf in Geldautomaten stecken, minutenlang vor Läden patrouillieren und mit dem Ohr an Schaufenstern kleben? Die wie in einem Paralleluniversum unterwegs sind, fasziniert und absorbiert von etwas, was ihre Umwelt nicht wahrnimmt, und auf deren Gesichtern sich eine Gefühlspalette von Verblüffen bis Entsetzen spiegelt?

Schuld daran sind die hochempfindlichen Kopfhörer, die sie tragen und die Christina Kubisch in Handarbeit entwickelt hat: Sie machen ober- und unterirdische elektromagnetische Felder via Induktion hörbar. Jeder kennt das stotternde Störgeräusch, wenn ein Handy mit der Stereoanlage querfunkt. Das ist noch harmlos gegen das Klangbild von Diebstahlschleusen an Geschäftsausgängen: Manche dröhnen, als hätte man einen Presslufthammer auf den Ohren. Derlei verborgene Sounds macht Kubisch wahrnehmbar, seit 2004 auch in ihren „Electrical Walks“ – Zeugen einer zunehmenden Digitalisierung und Elektrifizierung. Jede Stadt tönt anders. „Saarbrücken ist sehr laut, sehr krachig, hier ballt sich vieles“, erklärt Kubisch. Der Klangspaziergang, den Kubisch für Saarbrücken entwickelt hat, führt zu 18 ausgewählten Punkten und ist Teil ihrer Installation „Electrical Moods“ in der Stadtgalerie.

Kubisch ist eine international renommierte Pionierin der Klangkunst. Geboren 1948 in Bremen, hat sie Malerei, Musik und Elektronik in Hamburg, Graz, Zürich und Mailand studiert und ist außerdem ausgebildete Komponistin. Für ihre Installationen hat sie Techniken wie die magnetische Induktion künstlerisch weiterentwickelt; seit Mitte der 1980er Jahre ergänzt sie ihre Klangarbeiten um Licht als weiteres gestalterisches Element, im Sinne einer Synthese der Künste. Neben ihrer umfangreichen künstlerischen Tätigkeit, die diverse weltweite Ausstellungen beinhaltet und ihr unzählige Auszeichnungen einbrachte, erfüllte Kubisch viele Lehraufträge: So war sie von 1994 bis 2013 Professorin für Audiovisuelle Kunst an der Hochschule der Bildenden Künste Saarbrücken (HBK).

 So sieht der Klang von Hocharabisch aus, in einem Sonagramm der Künstlerin.
So sieht der Klang von Hocharabisch aus, in einem Sonagramm der Künstlerin. Foto: Christina Kubisch

Heute lebt Kubisch in Hoppegarten bei Berlin, wo sie einen stattlichen Fundus an Material hortet – die kleinen Lautsprecher etwa, die sie in der Stadtgalerie bei „Remote Relations“ einsetzt, hat sie von dort mitgebracht. Rapunzel, lass mir Dein Haar herunter! Nicht von ungefähr erinnert der Zopf aus über einem Kilometer Kupferkabel, der aus der Wand fließt, sich quer durch den Korridor im Obergeschoss schlängelt und in Speaker aufdröselt, an das Märchen der Gebrüder Grimm – der Zopf ist ein Kommunikationsdraht aus der fremdbestimmten Isolation zur Außenwelt. Zehn Leute haben einen ganzen Tag lang daran geflochten, unter Anleitung einer Saarbrücker Friseurin. Die Glasharmonika, deren Klänge hier unter anderem zu hören sind, stamme tatsächlich aus der Entstehungszeit des Märchens, berichtet Kubisch.

Welten erfahrbar zu machen, die normalerweise unsichtbar und unhörbar sind, ist das große Thema ihres Schaffens. Neben Orten macht es auch Vergangenes akustisch und visuell erlebbar: Die „Zwölf Signale“ etwa, bei der Kubisch ein Dutzend ausrangierter Schachtglocken aus dem St. Ingberter Rischbachstollen zum Klingen bringt, vermitteln einen direkten Bezug zur saarländischen Bergwerkstradition. Die anderen Stationen zeigen, angepasst an die besondere Architektur der Stadtgalerie, eine Videoarbeit, eine Kooperation mit einem Fotografen, wahrnehmungsschärfende Fluoreszenz-Bilder sowie Sonagramme (grafische Darstellungen akustischer Signale) als kontemplative Auseinandersetzung mit der Stille. Und in der Induktions-Installation „La Serra/Glashaus“ werden Besucher gemeinsam durch einen Dschungel aus 2000 Metern Kabel-Lianen streifen, aber jeder wird zeitgleich anderen Klängen lauschen. Kubisch freut sich schon jetzt darauf, „zu sehen, wie die Leute hören“.

„Electrical Moods“ wird am Freitag um 19 Uhr in der Stadtgalerie eröffnet und läuft bis zum 12. Mai. Di bis Fr, 12 bis 18 Uhr, Sa und So 11 bis 18 Uhr. Eintritt frei.
Infos: www.stadtgalerie.de