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Cemile Sahins Roman „Alle Hunde sterben“ erzählt von der Gewalt in der Türkei.

Cemile Sahins Roman „Alle Hunde sterben“ : „Entweder Held oder Verräter“

Cemile Sahin erzählt in ihrem episodischen Buch „Alle Hunde sterben“ von täglicher staatlicher Gewalt in der Türkei – und von ständiger Angst.

Wüsste man nichts über die tagtäglichen Unterdrückungsmaßnahmen in der Türkei, die sich immer mehr in einen Polizeistaat von Erdogans Gnaden verwandelt hat, könnte man vielleicht versucht sein, das in diesem Buch Beschriebene als bloße Fiktion aufzufassen, die keinerlei reale Grundlage hat: Weder die nächtlichen Polizeirazzien, in deren Verlauf Unschuldige malträtiert werden, um anschließend in türkischen Gefängnissen zu verschwinden, noch die Folterszenen, bei denen Gefangene reihenweise mit Metallstöcken verdroschen werden, oder die kaltblütige Erschießung von vermeintlichen Terrorverdächtigen auf offener Straße.

Wie viel in Cemil Sahins Episodenbuch „Alle Hunde sterben“ am Ende erfunden ist, lässt sich schwer beurteilen. Dass das von ihr beschriebene alltägliche Grauen jedoch im Kern – insbesondere mit Blick auf die kurdische Bevölkerung dort – eine im Westen immer wieder gerne ausgeblendete türkische Lebensrealität darstellt, daran bestehen wenig Zweifel. Sahins Figuren dürfte es nicht an leibhaftigen Wiedergängern in der heutigen Türkei fehlen. Das aber gibt diesem Buch einen ganz anderen Nachhall, als es ihn ohne diese Spiegelfunktion hätte.

„Alle Hunde sterben“ verzeichnet in einem pseudo-dokumentarischen Stil die Lebensschicksale von neun Personen, die in einem 17-stöckigen Hochhaus im Westen der Türkei vorübergehend Zuflucht vor dem staatlichen Terror gefunden haben. „Schreiben Sie das auf!“, heißt es immer wieder aus dem Mund der neun Figuren, die in seitenlangen inneren Monologen ihre Lebensgeschichte im Unterdrückungsstaat Türkei umreißen. In Sicherheit können sie sich nicht wähnen. Alle müssen sie fürchten, dass jederzeit Spitzel an ihrer Tür stehen oder Polizei- oder Militäreinheiten nachts ihre Wohnung stürmen, weil ihnen wieder irgendeine subversive Tätigkeit vorgeworfen wird. „In diesem Land bist du entweder Held oder Verräter“, sagt Murat, der die Knochen seiner Mutter in einer Plastiktüte mit sich trägt. „Dieses Hochhaus ist wie ein Lager. Wir sitzen fast schon wie Tiere übereinander und wissen, obwohl wir uns das nicht eingestehen wollen, dass wir nicht ewig hierbleiben werden“, fasst Murat ihr Los zusammen: Alle, die in diesem Wohnblock ausharren, können jederzeit wieder abgeholt und verschleppt werden.

Viele dieser neun Episoden gehen unter die Haut. Sie erzählen von Martern und Traumata, von Verzweiflung und innerer Leere. Die aus dem osttürkischen Grenzgebiet zum Irak stammende Nurten etwa und ihr Mann Hasso, der seit seinen in der Haft erlittenen Qualen keine Türen mehr erträgt, weil sich mit ihrem Öffnen immer nur neues Unheil abzeichnete, haben vier Söhne: einer ist tot, drei sind inhaftiert. „Mein Mann ist ein Stück Schaden. Meine vier Söhne auch“, sagt Nurten. Als sie ihren Sohn in ihrer Heimat beerdigen wollten, hielten Soldaten sie an, zwangen sie, die türkische Fahne zu küssen und verweigerten ihnen die Weiterfahrt, weil das Grenzgebiet zur Sperrzone erklärt wurde. Also müssen sie ihr Kind neben der Straße auf einem Feld verscharren.

Cemile Sahin, 1990 in Wiesbaden geboren und kurdischer Herkunft, ist eigentlich Bildende Künstlerin, ist aber im vergangenen Jahr gleich mit ihrem in dem Kleinverlag Korbinian erschienen literarischen Debüt „Taxi“ bekannt geworden und dafür mit der Alfred-Döblin-Medaille ausgezeichnet worden. So schnell kann man sich einen Namen machen: „Alle Hunde sterben“ erscheint nun bereits im Aufbau-Verlag und wurde sogleich auch von allen überregionalen Blättern besprochen.

Literarisch verdient die Veröffentlichung diese Aufmerksamkeit zwar nicht unbedingt. Dazu bleibt das Buch letztlich zu kalkuliert, zu absehbar und sprachlich zu eindimensional und holzschnitthaft. Doch lässt sich „Alle Hunde sterben“ auch mit Gewinn als notwendiges Zeitdokument lesen. Wir lesen von staatlicher Willkür („Ein Soldat hat alle möglichen Gründe. Seine Gründe funktionieren immer bis zur Landesgrenze“). Lesen davon, dass Menschen sich nur noch bei mindestens 100 Stundenkilometern im Auto offen zu reden trauen. Lesen von Frauen, die in Hundehütten gequetscht und zum Verzehr von Ratten gezwungen werden – und dies nur überleben, weil sie an ihre Kinder denken. Wir lesen von einem Land, das seine Kinder frisst und das Elend wie in einem Staffellauf weiterträgt. Und von einem Land, in dem Gewalt ein Nationalsport geworden ist. An einer Stelle von Sahins erschütterndem Buch steht ein Satz, der mehr als jeder andere dessen ebenso mutige wie kompromisslose Stoßrichtung skizziert: „Wer die Ereignisse nicht ohne Fiktion erzählen kann, hat sie nicht erlebt.“

Cemile Sahin Foto: Aufbau Verlag

Cemile Sahin: Alle Hunde sterben.  Aufbau, 239 Seiten, 20 Euro.