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Buchtipp: A.M. Homes: "Deine Mutter war ein Fisch"

Literatur : Labile Paarbeziehungen in amerikanischen Kunstwelten

Auf der langen Strecke hat sich die amerikanische Autorin A. M. Homes auch hierzulande  dank mehrerer übersetzter Romane einen gewissen Ruf als Komik mit Häme paarende und  Zeitdiagnose mit Surrealität  vermischende Autorin  erworben.

In ,,Das Ende von Alice“ (2012) zum Beispiel entwarf Homes das Psychogramm eines Pädophilen – weshalb der Roman in den USA einen kleinen Skandal heraufbeschwor.  Und in ,,Auf dass uns vergeben werde“ (2014) zerpflückte sie am Beispiel  zweier ungleicher Brüder die  Degeneriertheit einer durch und durch kommerzialisierten Gesellschaft.

Nun ist unter dem Titel ,,Deine Mutter war ein Fisch“ ein Band mit Kurzgeschichten von Homes  erschienen, in denen sie einmal mehr ihren literarischen Stil pflegt. Der ist geprägt von abrupten erzählerischen Brüchen,  häufig  nur sehr skizzenhaft ausgeführten Situationen, labilen Paarbeziehungen am Rande des Verstummens  und episodischen Begegnungen, die  meist wieder genauso schnell vergangen sind wie sie entstanden. Manche der zwölf Geschichten dieses Homes-Bandes verpuffen ohne bleibende Wirkung. Rund die Hälfte aber hat Bestand und entschädigt für die Unausgegorenheit der übrigen.

Etwa die Auftaktgeschichte ,,Bruder am Sonntag“, die voller Zynismus die schönheitschirurgisch aufgetakelte  Oberflächlichkeit der amerikanischen Gesellschaft seziert: Roger, ein selbstgefälliger  Frauenheld, hat sich bei seinem Bruder Tom – seines Zeichens Hautarzt, Schönheitschirurg und Erzähler – zum jährlichen Strandbesuch angesagt.  Er platzt in eine Gesellschaft geltungssüchtiger Paare, die untereinander mehr oder minder heimlich Affären unterhalten. ,,Sie kommen mit einer Liste in meine Praxis, was sie alles korrigiert haben wollen – als wären wir eine Autowerkstatt“,  erzählt Tom eher angewidert von seiner Klientel. Er fühlt sich mit seinen Botoxspritzen und Lasergeräten wie ein kosmetischer Restaurator.  20 Seiten lang folgt Tom den ermüdend  dahinplätschernden Gesprächen seiner Freunde am Strand, während er in Gedanken die Beziehung zu Frau und  Bruder überdenkt und  Erinnerungen nachhängt.  Am Ende wird er seine soziale Apathie aufgeben, um sich aus der routinierten Verlogenheit zu befreien.

Eine ähnlich introvertierte, diesmal namenlose Männerfigur, die in einer Kleinstadt als Stadtplaner arbeitet und kürzlich Vater geworden ist, porträtiert Homes in ,,Die letzten guten Zeiten“, wobei die Autorin hier konzentrierter und genauer erzählt, sodass ihr Text sogleich mehr Tiefe gewinnt.  Ihr Antiheld begibt sich auf den Spuren seiner Kindheit alleine auf eine Reise nach Disneyland. „Er will tief eintauchen, will der Junge sein, der er einst war, der Junge, der das alles für echt gehalten hat. Und zugleich ist die brutale Macht der Realität, das Eindringen der Wahrheit unausweichlich, und damit kommt auch die Traurigkeit.“  Seiner Großmutter  vertraut er, bevor er sich aufmacht,  bei seinem Abschiedsbesuch an, wie sehr es ihn anstrengt, „in der Gegenwart zu bleiben“. Im Disney-Vergnügungspark  kommt er mit einer Bediensteten ins Gespräch, übernachtet bei ihr,  schläft mit ihr. Für kurze Zeit entsteht eine Vertrautheit zwischen beiden, ohne dass sie daraus mehr machen wollen. Vielmehr wird er am nächsten Tag zuhause anrufen und seine baldige Rückkehr mit den Worten ankündigen:  „Ich glaube, ich habe, was ich brauche.“

Dass Hollywood sich die Filmrechte an einzelnen Texten der in New York lebenden Autorin gesichert hat, wundert nicht. Die beiden, in ihrer Verhöhnung amerikanischer Kunstwelten ziemlich witzigen Kurzgeschichten   „Hallo zusammen“ und „Davon gemacht“ etwa –   die einzigen des Buches mit gleichem Personal –  wirken wie zwei Serienteile einer abgedrehten US-Family-Soap.  Beide handeln von einer zwischen Pool, Psychiater und Diätrestaurant switchenden Upperclass-Familie, die in einer Villa  in den Bergen über L.A. thront, wo sich jeder Lebenssinn verflüchtigt hat.

A.M. Homes führt uns diese Degenerierten ersichtlich mit einer voyeuristischen Lust an deren slapstickhafter  Selbstentlarvung vor. Doch belässt sie es in allzu vielen Shortstories dabei, ohne ihnen weitere Sinn­ebenen  zu eröffnen.

A.M. Homes: Deine Mutter war ein Fisch. Short stories. A.d.Engl. von Ingo Herzke. Kiepenheuer & Witsch, 358 Seiten, 22 €