Buch und Werkschau zu Regisseur Anthony Mann

Neues Buch und Werkschau zu Regisseur Anthony Mann : Der Profi für angeschlagene Helden

In einem Atemzug mit den klassischen Meistern Hollywoods wird Anthony Mann selten genannt – ungerechterweise. Jetzt widmet sich ein exzellentes Buch dem Regisseur, den zugleich eine Werkschau im Filmmuseum in Frankfurt ehrt. Höchste Zeit für eine Wiederentdeckung.

Den Status eines „Meisterregisseurs“ wie Alfred Hitchcock oder Howard Hawks hat er nie erreicht. Auch nennen Cineasten ihn selten im selben Atemzug mit seinen Kollegen und Altersgenossen wie John Huston oder Billy Wilder. Und doch ist Regisseur Anthony Mann (1906-1967), bekannt vor allem für einige klassische Western mit James Stewart, einer der Größen Hollywoods – wobei Hollywood es nicht ganz trifft. Seine letzten Filme drehte er in Europa, nicht nur im örtlichen Sinne: Sein Abgesang, ein Spionagefilm mit dem marktschreierischen deutschen Titel „Totentanz eines Killers“ (im Original heißt er verrätselt „A Dandy in Aspic“) wandte sich einem formal unkonventionelleren europäischen Kino zu – Mann starb während der Dreharbeiten. Wer weiß, welche Richtung der Regisseur im Spätwerk eingeschlagen hätte, wäre er nicht so früh gestorben?

Mann gehörte jener Riege von US-Regisseuren an, die sich, trotz aller künstlerischer Ambition, nie als Künstler bezeichneten, lieber stoisch als Handwerker, als Pragmatiker, als Geschichtenerzähler. Interviews gab er nur wenige (er wurde wohl auch selten gefragt), und die oftmals enthusiastische französische Filmkritik der 1950er und 1960er hat eher Hawks und Hitchcock bejubelt. So gibt es kaum Abhandlungen über den Regisseur – umso schöner, dass jetzt ein exzellentes deutsches Buch über Mann erschienen ist. Zugleich beginnt am Freitagabend im Filmmuseum Frankfurt eine Werkschau seiner Filme, bei der im gesamten  August selten gezeigte Kopien aus internationalen Archiven zu sehen sind.

„Kino der Verwundung“ nennt Ines Bayer ihr Buch – denn wenn es bei Mann, der in vielen Genres arbeitete, eine inhaltliche Konstante gibt, dann sind es die angeschlagenen Figuren (meist Männer), die seltener agieren als dass sie reagieren: auf Gewalt oder auf Situationen, die einem beim Handeln keine Wahl mehr lassen. Ob nun die Western-Figuren (Western-Helden wäre bei Mann übertrieben) in Filmen wie „Winchester 73“ und „Nackte Gewalt“ oder die Titelfigur im Monumentalfilm „El Cid“, die unfreiwillig in einen Krieg hineingezogen wird. Bei diesen Geschichten, in denen es oft um Schmerz und Selbstüberwindung geht, nutzte Mann die Landschaft als weiteren Darsteller und als Spiegel seiner Figuren – was selbst eines der schwächeren seiner Werke wie den Kriegsfilm „Kennwort: Schweres Wasser“ hochinteressant macht: Selten sah das verschneite Norwegen im Kino so kalt, so weit und menschenfeindlich aus wie hier.

Regisseur Anthony Mann mit Schauspieler Charlton Heston (l.) bei den Dreharbeiten in Spanien zum Film „El Cid“ (1961). Foto: Bertz+Fischer

Ines Bayer analysiert diese typischen Elemente in Manns Werk, erzählt dabei aber auch chronologisch von einer „bruchvollen Karriere“. 1906 in San Diego als Emil Bundsmann geboren (sein Vater war von österreichisch-ungarischer Herkunft), arbeitet Mann erst als Talentscout für Produzent David O. Selznick und dreht erste günstige Filme für Hollywoods kleinste Studios der sogenannten „Poverty Row“, sozusagen der Straße der Billigheimer. Mit kleinen B-Filmen in den großen Studios arbeitet er sich langsam hoch und etabliert sich als höchst kompetenter und ökonomischer Filmemacher. Mehrere Werke des Film Noir dreht er („Flucht ohne Ausweg“ etwa) mit komplexen Figuren und viel Atmosphäre – nicht zuletzt durch die Bilder des Kameramanns John Alton, mit dem Mann regelmäßig arbeitet. In den 1950ern wendet sich Mann dem Western zu, erzählt mit viel Action von gebrochenen Helden – fünf  Western allein dreht er mit James Stewart, der dort nichts von dem verschusselten, onkelhaften Stewart-Charme anderer Filme hat. In Manns Western ist das Leben zu hart für so etwas.

Als das Kino Ende der 1950er auf den Monumentalfilm setzt, um die Konkurrenz des Fernsehens mit kolossalen Bildern zu übertrumpfen, wird der pragmatische Mann zum Monumentalfilmer – in Spanien. Dort, wo die Lohnkosten niedriger sind als in Hollywood,  hat der findige (manchmal windige) Produzent Samuel Bronston ein Studio gegründet und lässt dort Großbauten errichten. Mann hat Erfahrung mit dem Kolossalen: Bei „Quo Vadis“ drehte er (ohne Nennung im Abspann) als Regisseur des zweiten Teams einige Massenszenen und er begann die Arbeit am Monumentalfilm „Spartacus“ – bevor Star und Produzent Kirk Douglas ihn nach 20 Drehtagen schasste, „wegen künstlerischer Differenzen“. (Douglas engagierte daraufhin einen Nachwuchsregisseur namens Stanley Kubrick).

Auch deshalb mag Mann froh gewesen sein, Anfang der 1960er Hollywood den Rücken zu kehren – er kehrt nie mehr zurück und dreht zwei Epen am Stück: „El Cid“ mit Charlton Heston (Mann: „eigentlich ein spanischer Western) und, mit wahnwitzig großen Kulissen, „Der Untergang des Römischen Reiches“. Finanziell ist der Film ein Reinfall und wird lange Jahre unterschätzt, mittlerweile aber wiederentdeckt als nachdenklicher Monumentalfilm mit vielen Diskussionen über politische Ideen und einem Ensemble zum Hinknien: Christoper Plummer, Alec Guinness, James Mason, Sophia Loren, Omar Sharif. Doch der Flop des teuren Films besiegelt das Schicksal des Klein-Hollywood in Spanien. Mann bleibt in Europa, dreht in Norwegen den  erwähnten Kriegsfilm „Kennwort ‚Schweres Wasser’“ über die Sabotage einer NS-Fabrik und dann in Deutschland „Todestanz eines Killers“. Bei den Dreharbeiten stirbt Mann völlig überraschend am 29. April 1967 an Herzversagen, im West-Berliner Hotel Kempinski.

Das Buch über Anthony Mann. Foto: Bertz+Fischer

Das Ende einer Karriere, die nicht spektakulär verlief, was Einspielergebnisse oder Filmpreise angeht, aber kontinuierlich interessant und vielschichtig. Bei der Entdeckung (oder Wiederentdeckung) Manns ist das Buch ein exzellenter Begleiter:  klar, mit einem Auge für Details, präzise, dabei nicht trocken – ein bisschen wie die Filme von Mann selbst, diesem großen (fast) Unbekannten. 

Ines Bayer: Anthony Mann – Kino der Verwundung. Bertz+Fischer, 304 Seiten, 176 Fotos, 36 Euro.